Rehbergs Birmingham-Tagebuch: Von Longgrass und Shortgrass

Fußballschuhe am Spielfeldrand. Archivfoto: dpa

Prächtiges Sommerwetter in den englischen Midlands. Dazu braune Nilgänse, Bodybuilder und natürlich der schöne Rasen. Doch Achtung: Beim Rasen kennen die Englishmen keinen Spaß.

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. Prächtiges Sommerwetter in den englischen Midlands. Man sitzt in der Sonne am Trent, dieser ruhige Fluss, der sich direkt an unserem Landgasthaus in Burton-upon-Trent entlangschlängelt. Die braunen Nilgänse üben den Formationsflug mit spritziger Wasserlandung aus dem vollen Tempo heraus, in der Grundordnung mal im 4-2-3-1, mal im 4-4-2 mit Mittelfeldraute. Sehr interessante Teamleistungen mit höchster taktischer Disziplin. Die Idylle wird nur gestört, als ein wild tätowierter und kahlköpfiger Bodybuilder hinter einem lärmenden Motorboot auf Wasserskiern die Schwanenfamilien zur unbeholfenen Flucht auf die Uferböschung zwingt. Auch ein Einerruder, ein Leichtgewichtsskuller, hat seine liebe Mühe und Not im plötzlich rauen Wellengang.

Ein ausgiebiger Spaziergang bietet sich an auf diesem wild bewachsenen Uferweg. Nach zwei Kilometern ist aber schon Schluss. Plötzlich taucht entlang des Trents ein Putting-Green auf, in der Mitte eine weiße Fahne, ein Schild weist Loch 16 aus. Die Engländer lieben das Golfspiel. Ein Golfplatz reiht sich in unserer Region an den nächsten. In Burton-upon-Trent heiß das Motto: Putten am Fluß, 18 Löcher entlang des Trents. Über einen Feldweg muss man das perfekt gehegte und gepflegte Gelände umrunden. Und mir fällt blitzartig ein, woran mich die Rasenqualität der 05-Übungsplätze im St. George´s Park erinnert: 120 mal 60 Meter Gras, eben und akkurat geschnitten wie die Greens auf einem noblen englischen Golfplatz.

Kein Spaß, wenn es um den Rasen geht

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Was Kasper Hjulmand zur Einleitung der ersten Trainingseinheit am Sonntagabend vor seinen Spielern witzeln ließ: "Ich denke, wir werden mit dieser schlechten Rasenqualität klar kommen in den nächsten Tagen." Mag sein, dass nach der Veröffentlichung dieses Jokes dem Dänen eine Haftstrafe von drei Jahren ohne Bewährung blüht. Beim Rasen kennen die Englishmen keinen Spaß.

Wir kennen im Fußball den No-look-Pass. Im St. George´s-Park gibt es ohne Pass keinen look. Wer unbehelligt vom breitschultrigen Securityman (habe ich den nicht eben auf Wasserskiern gesehen?) den 05ern zuschauen will, der braucht eine Erlaubnis, einen in Plastik eingeschweißten Zutrittspass, der deutlich sichtbar am langen Band vor der Brust zu baumeln hat. Auch mit diesem hoch offiziellen Dokument des Englischen Fußballverbandes FA darf man ausschließlich "Longgrass" betreten, nur ein Fuß auf "Shortgrass" kann unmittelbar eine internationale Krise auslösen. Allerdings: Das "Longgrass" auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes ist auch Tabuzone, wer dort hin spaziert, etwa um den dahinter trainierenden Torhütern Aufmerksamkeit zu spenden, der wandert juristisch gesehen voll ins Risiko. Selbst zwei Jugendfußballausbilder in offiziellen FA-Sportklamotten durften ohne Pass erst nach langer Bettelei Nachhilfeunterricht nehmen am 05-Trainingsplatz.

Man kann es auch übertreiben. Ähnlich wie bei den Fleischmengen auf einem englischen Frühstücksteller. Den einer der Kollegen gerne als Fleisch-, Wurst- und Bohnen-Tsunami bezeichnet. Dem kann man ausweichen über das Müsli-Buffet. Aber an unserer Anwesenheit im St. George´s-Park führt kein Weg vorbei. Nur für die Beobachtung von taktischen Vogelflugbewegungen über dem Trent sind wir nun mal nicht nach England gekommen.