Rückblick: Von Fastnachtsorden, Raketenkommandos und zu...

Trotz liafarbener Perücke ein mulmiges Gefühl - oder gerade deswegen? Foto: Frommeyer

Für ein echtes Nordlicht ist die Fastnacht wie ein Buch mit sieben Siegeln an einem Ort, an dem man nur Bahnhof versteht. Jetzt ist die Kampagne rum, und die Volontärin hat...

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. Von Denise Frommeyer

Ich habe einen schweren Kulturschock erlitten. Zum ersten Mal war ich als Norddeutsche in die rheinhessische Fastnacht involviert. Und zwar nicht nur als reiner, unbeteiligter Zuschauer, sondern auch als Berichterstatter für die närrische Gemeinschaft.

Ich wohne jetzt seit knapp zweieinhalb Jahren in Mainz, war auch schon zweimal beim Rosenmontagsumzug und weiß eigentlich um die Traditionen in dieser Gegend. Und doch überraschen sie mich jedes Jahr wieder aufs Neue. Gerade in diesem Jahr wurde ich durch mein Volontariat bei der VRM vor einige Herausforderungen gestellt. An dieser Stelle möchte ich mich auch schon einmal entschuldigen, falls ich jemandem zu nahe trete…

Alles begann mit einem Jobtraining zum Thema Fastnacht. Wir VRM-Volos wurden dafür ins Fastnachtsmuseum und in die heiligen Hallen des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) geschickt. Gemeinsam mit Klaus Kipper, der neben seinem eigentlichen Beruf als Redakteur auch Mitglied der Zugleitung ist, erkundeten wir die Meenzer Fassenacht. Dr. Rudi Henkel, Ehrenmitglied des MCV, berichtete von der Historie und den Eigenheiten dieser Festtage. Dabei zeigte sich auch, dass die angesprochenen Nachwuchsprobleme vielleicht gar nicht so gravierend sind wie geschildert. Denn eine Gruppe von Kindern erprobte im Museum die feine Kunst des „Humba, humba, humba tätäräää“ und der Polonaise, was auch einige Volos zum Mitmachen animierte.

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So werden Motivwagen gebaut

Am Nachmittag dieses bitterkalten Dienstags ging es dann nach Mombach, wo wir einen exklusiven Blick hinter die Kulissen des Baus der Motivwagen bekamen – und die Wagen vor allen anderen sehen durften. Einmal auf den großen Wagen des MCV steigen oder die Zugente streicheln – all das war möglich, wurde nur leider vom Bibbern und dem Wehklagen über die Kälte in den Hallen etwas überschattet. Dazu lieferte Wagenbauer Dieter Wenger Anekdoten aus den vergangenen 50 Jahren, in denen auch schonmal die Zugente auf eine falsche Fährte gelockt worden war. Auch der Sitzungspräsident der Fernsehsitzung, Andreas Schmitt, stattete uns einen kurzen Besuch ab und erzählte aus seinem Leben als „Obermessdiener“. Dabei verriet er auch, was eigentlich in seinem Weinglas drin ist. „Ein bisschen Cola mit Wasser auffüllen und Sie bekommen jede erdenkliche Weinfarbe.“ Am Ende des Tages zog ich ein für mich sogar eher positives Fazit: Da ich selbst schon auf Umzügen war (ja, die gibt es auch bei uns im Osnabrücker Land), konnte ich mit diesem Termin schon eher etwas anfangen. Die großen Motivwagen ausgiebig und aus nächster Nähe betrachten zu können ist schon ein Erlebnis.

Meine erste Sitzung

Anders lief es da eine Woche später. Ich „durfte“ auf meine erste Sitzung gehen! Unsere Redaktionssekretärin blickte mich halb mitleidig, halb belustigt an. „Vergiss‘ nicht, den Jokus zu vergeben!“, rief sie bevor sie in den Feierabend entschwand. Was ist denn nur ein Jokus? Verzweifelt las ich Berichte der vergangenen Jahre. „Und du musst dich verkleiden, wenn du nicht auffallen willst“, sagte ein Kollege. Wie gut, dass meine Mutter mir ein paar Perücken zum Verkleiden geschickt hatte. Mit einer lilafarbenen langen Perücke auf dem Kopf und einem eher mulmigen Gefühl im Bauch fuhr ich nach Bechtolsheim, um in der Schützenhalle an einer Prunksitzung teilzunehmen. Ich bekam einen Platz in der ersten Reihe direkt im Blickfeld des Sitzungspräsidenten. Um Punkt 19.11 Uhr ging es los: Kalauer folgte auf Kalauer, Showtanzgruppe auf Showtanzgruppe und Raketenkommando auf Raketenkommando. Es folgten für mich unnötige Zugaben, bei denen gefühlt noch einmal genauso lange dasselbe gemacht wurde wie schon im Auftritt selbst. Doch den Leuten um mich herum schien es zu gefallen. Sie grölten, jubelten und klatschten. Ich hingegen versuchte, mir mein Unverständnis nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Nach fünf Stunden auf einer Bierbank taten mir Ohren, Rücken und vor allem mein norddeutsches Herz weh. Wie kann man das nur so lange aushalten?

Eingefleischte Fans wissen viel viel mehr

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Da war der dritte Termin noch am entspannendsten – ein „Museumsnachtisch“, also eine Mittagspause im Museum Alzey, zum Thema Fastnachtsorden und Zugplakettcher. Gefühlt 200 Stück lagen vor der Museumsleiterin, die über deren Tradition referierte. Sie selbst sei auch nicht mit der Fastnacht vertraut, sagte sie und lachte. Das beruhigte mich etwas. Doch unter den rund zwanzig Zuhörern waren auch echte eingefleischte Fassenachter dabei, die ihre Ausführungen des Öfteren unterbrachen, um ihre eigenen Ansichten darzulegen. Sichtlich verzweifelt versuchte die Referentin ihre Ausführungen zu Ende zu bringen. Ich saß schweigend zwischen den Alzeyer Fassenachtsfans und versuchte so gut es ging alles mitzuschreiben. Insgeheim dachte ich darüber nach, mir selbst am Ende der Fastnacht einen Tapferkeitsorden zu verleihen, wenn ich alles überstanden habe.

Mein Fazit: Ich kann mit der Fastnacht in Rheinhessen immer noch nicht viel mehr anfangen als vor zweieinhalb Jahren, was auch die drei Termine gezeigt haben. Und trotzdem kann ich nun immerhin ein bisschen besser verstehen, wie und warum die Mainzer hier feiern. Doch nun habe ich ja erst einmal ein Jahr Zeit, mich von meinem Schock zu erholen… Vielleicht läuft es im nächsten Jahr besser. Helau!