Verspätungen sind weiblich

Die Frauenquote - entweder besetzen Geschäftsfrauen wie diese 30 Prozent der Spitzenpositionen in 108 börsennotierten Unternehmen - oder die Stühle bleiben frei. Foto: dpa

Es heißt "die" Verspätung. Femininum. Das sollte uns zu denken geben angesichts der gerade beschlossenen Frauenquote.

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. Die Bahn hatte in diesem Jahr insgesamt rund 3,7 Millionen Minuten Verspätung. Da kommt aber noch Mehrwertsteuer drauf. Versuche, unter Anwendung der "Bahncard 50" die Verspätungsminuten auf 1,8 Millionen zu drücken, sind angeblich im Gange. Der erfolgversprechendste Vorschlag, Abhilfe zu schaffen: über die Lautsprecher in allen Zügen und auf allen Bahnhöfen Elvis Presleys "Love me, Tender" in einer Endlosschleife spielen.

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Andererseits: Jetzt macht mal nicht so ein Geschrei. Was ist das schon im Vergleich zu den zehn Jahren, die die Sonde "Rosetta" brauchte, um zum niemals in Betrieb gehen werdenden Berliner Großflughafen BER zu gelangen, damit dort ihre angebliche Landung auf dem Kometen Tschuri-Dingsbumms gefilmt und den Menschen im Land als Hammer-Weltraumereignis verkauft würde. Böse Zungen behaupten, die Bahn überlege auch schon, einen Zug zum Beispiel in München einfach drei Stunden stehen zu lassen, Fenstervorhänge automatisch zu, und dann den Menschen, die aussteigen, einen Film vom Hauptbahnhof Mannheim vorzuspielen. Das würde beruhigen, zumindest für die ersten Minuten. Ferner sind 3,7 Millionen Verspätungsminuten ein Nichts im Vergleich zu der Situation, die viele Männer kennen: Die Gattin haucht vor dem abendlichen Aufbruch ins Kino/Theater/Restaurant: "Ich brauch‘ noch zehn Minuten." Es soll Männer geben, die haben schon Umrechnungstabellen erstellen lassen, was das in Echtzeit bedeutet. Beim ersten Sichten der Ergebnisse bedurften sie kardiologischer Behandlung und/oder nachhaltiger Zufuhr von Beruhigungsmitteln und/oder alkoholischer Getränke. Was die Sache aber auch nicht immer einfacher macht.

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Wir lesen in der wunderbaren Zeitung "Die Welt": "Die Bahn verwies auf Unwetter und Naturkatastrophen." Sie meinte damit aber nicht sich selbst. Ferner: Die Pünktlichkeitswerte im Fernverkehr seien über die Jahre stabil. Lediglich im Extremwinter 2010 und durch das Elbe-Hochwasser 2013 seien sie deutlich gesunken. Nun, das kann man den armen kleinen Werten natürlich nicht übel nehmen, bei so einem Hochwasser sinken sogar Schiffe und Brücken. Und der Winter 2010 war kalt, sodass die Bahnverantwortlichen überrascht wurden, wie immer, wenn es im Winter kalt und im Sommer heiß ist. Wenn wir an die Bahn denken, fällt uns immer dieser Tenniswitz ein. Der Trainer sagt: "Drei Dinge stehen Deinem Erfolg im Weg: der Ball, das Netz, der Gegner." Drei Dinge stürzen die Bahn ins Elend: die Züge, die Gleise, die Passagiere.

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A propos Verspätung. Hat sich eigentlich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, warum es "die" Verspätung heißt? "Die", also weiblich, femininum, nicht zu verwechseln mit Feminismus. Es heißt ja auch "die" Schuhe. Dass es andererseits "der" Schuhschrank heißt, sagt eine Menge aus über das Leben als solches. Wie auch immer, jedenfalls fragte sich die bunte Truppe, die in der Nacht zum Mittwoch bei unser aller Kanzlerin zusammensaß, ob man nicht irgendwas ändern könne. Und dann beschlossen sie die Frauenquote. Wir sehen das förmlich vor uns, wie Mutti später zum Telefon greift, zuerst Putin anruft, triumphierend in den Hörer brüllt: "Äääätsch!", dann ihren Ehemann anruft, den Chemieprofessor Joachim Sauer, Salpeter-Achim, wie wir ihn - auch wegen seiner meist bedeckten Miene - nennen. Sie sagt ihm, was passiert ist, hört kurz seine Antwort und faucht dann: "Dann heul‘ doch! Wenn Du weiter so einen Zirkus machst, lass ich mich im Urlaub nicht mehr im Badeanzug mit Dir zusammen fotografieren wie im Frühjahr 2013 auf Ischia!" Wir Älteren erinnern uns. Putin forderte die Bilder seinerzeit sofort vom KGB an. Die Nation war in Aufruhr. Der Begriff "Ischiasnerv" erscheint seitdem in neuem Licht.

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Ganz schwieriger Übergang jetzt. Das Schulessen ist angeblich nicht gut in Deutschland. Wissenschaftler haben Schulleitungen, Schulträger und Schüler befragt. Resultat: Nudeln, Pizza, Pommes super. Wahrscheinlich hat sich unser aller Kanzleramtsminister Peter, the Body-Mass-Index Altmaier in die Befragung eingeschlichen. Dabei sind doch die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) eindeutig: mindestens einmal pro Woche Seefisch. Aber wo soll der so schnell herkommen in, sagen wir mal, Wanne-Eickel? Wenn selbst Käpt‘n Iglo in der Bahn hockt, mit ihren 3,7 Millionen Verspätungsminuten. Wenn der alte Seebär da das Wort "Bord-Restaurant" hört, wird er depressiv.