Volo-Blog: Der Aufstieg zum Gipfel des guten Geschmacks - Das...

Ein Prachtwerk in Himbeer und Sahne. Foto: Hermann

Bei der VRM gibt es aus zwei Gründen Volos: Erstens, weil Journalistischer Nachwuchs ausgebildet werden soll und zweitens, weil die Volos alle drei Monate, am Ende jeder...

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. Männer, die auf Rezepte starrenVon Stephen Weber

Im Basislager: Das Gefühl, zwar zu atmen, aber trotzdem keine Luft zu bekommen, setzt allmählich ein, Halluzinationen lassen nicht mehr unterscheiden, was Realität, was Traum ist. Das eigene Tun besteht nur noch aus einem: Willen. Reinhold Messner, Extrembergsteiger und Mathematiklehrer, sinnierte einst über seine heroischen Taten: „Ich wollte einmal hoch hinaufsteigen, um tief in mich hineinsehen zu können.“ Die Lebensgeschichte Messners ist die des Kampfes eines Mannes gegen sich selbst, gegen die Natur, gegen die Gesetze der Physik. Auf den Gipfeln des Himalaya, oberhalb der Todeszone ab 7000 Höhenmetern, wachsen keine Pflanzen mehr, leben keine Tiere. Diese unwegbare Tristesse war für zwei Jahrzehnte das Wohnzimmer Messners. Knapp 7000 Meter tiefer sitze ich, ebenfalls in meinem Wohnzimmer. Hochkonzentriert, einen biologisch-hergestellten marokkanischen Minze-Tee trinkend. Ich habe eine Mission. Wie Messner will ich hoch hinaus, mich dabei auf spirituelle Weise selbst finden. Ich möchte zum Abschied meines dreimonatigen Gastspiels am Lokaldesk eine Himbeer-Torte backen. Soul für den Gaumen, Blues für die Hüfte.

Der mühsame Aufstieg: Gipfeltouren und Tortenbacken haben denselben Ursprung: beide beginnen mit dem Boden. Ich bin vorbereitet, das handgeschriebene Rezept meiner Mutter photokopierte ich bereits vor drei Wochen. Wie ein Schulzeugnis lagert es seitdem in einer Klarsichtfolie, erinnert mich täglich an meine Mission. „Ich lerne, wenn ich gescheitert bin und nicht, wenn ich Erfolg hatte“, philosophierte Messner rückblickend. Ich hoffe, dass er irrt. Mein Küchentisch sieht aus, als hätte ich ihn aus Zuckowskis Weihnachtsbäckerei geklaut: Eier, Mehl, Zucker, Öl, Milch und Backpulver. Alles wird mit einem Handrührgerät vermischt – und zwar lange, sehr lange. Solange, bis man das Gefühl hat, der Arm fällt einem ab. Den Teig anschließend in eine runde Kuchenform einlassen.

Am Gipfel: Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, das rote Lämpchen des Backofens erlischt. 200 Grad Ober- und Unterhitze, die Rohmasse wird behände in den Ofen manövriert. Bergfest. Doch fertig bin ich nach Messners Lehren noch nicht. Ganz im Gegenteil. „Die Spitze des Berges ist nur ein Umkehrpunkt.“ Okay, Weber. Fokussiert bleiben.

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Der Abstieg: Auf den letzten Metern passieren bekanntlich die meisten Unglücke. „Hinaufzusteigen und oben umzukommen, ist keine große Kunst“, sagte Messner. Recht hat er. Mal wieder. So sitze ich gebannt vor dem Backofenfenster, versuche, durch die verdunkelte Scheibe Fortschritte auszumachen. Um allein mit meiner körperlichen Präsenz den Tortenboden am Verbrennen zu hindern. Und komme zu einer erstaunlichen physikalischen Erkenntnis: Am Berg und vor dem Backofen wird Zeit anders wahrgenommen. Während am Fels, eingehakt in ein Sicherungsseil, hunderte Meter über festem Boden hängend, einem eine Stunde wie eine Minute vorkommt, ist es vor dem Backofen sitzend genau umgekehrt. Für die finalen Meter, angesichts schwindender Kräfte, habe ich mir die Unterstützung des Volokollegen Jonas Hermann eingeholt. Er hat an alles gedacht, die Zutaten für den restlichen Abstieg stauen in seinem Wanderrucksack: Philadelphiakäse, Puderzucker, Milch, Sahnesteif und Vanillezucker werden mit höchster Umsicht in eine Schüssel gegeben und mit einem Mixstab zu einer sirupartigen Melasse geschlagen. Die steife Masse verstreichen wir anschließend auf dem Tortenboden, setzen danach mit chirurgischer Akkuratesse einzeln gefrorene Himbeeren darauf. Zwangsneurotisch wird penibel darauf geachtet, dass eine gewisse Systematik beim Platzieren eingehalten wird, so viel Zeit muss sein. Unsere letzte Amtshandlung besteht schlussendlich aus dem Verteilen des Tortengusses, frisch angerührt mit Wasser und Zucker. Hier siegt dann schlechterdings die Grobmotorik, doch wer kann sich noch auf Genauigkeit und Ästhetik besinnen, wenige Zentimeter vor dem Zieleinlauf?

Die Ankunft: Stunden später. Die Torte ist fertig, dampft tiefenentspannt auf dem Balkon aus. Ich sitze stolz in meinem Wohnzimmer, habe viel gelernt, über mich, die Natur und die Gesetze der Physik. Mein Tun bestand nur aus einem: Willen. „Man kennt sich selbst erst richtig, wenn man weiß, was Angst ist und sie überwunden hat.“ Danke, Reinhold.

Packliste für die Gipfeltour: Boden 3 Eier 6 EL Öl 6 EL Milch 180g Mehl 1 Pg. Backpulver Masse 300g Philadelphiakäse 1,5 Tassen Puderzucker 0,5 l Milch 2 Pg. Sahnesteif 1 Pg. Vanillezucker Topping 500 gefrorene (!) Himbeeren 2 Pg. Tortenguss

Rührkuchen? Ernsthaft?Von Denise Frommeyer

Der Ausstand in der Alzeyer Redaktion rückt näher und näher. Soll ich etwas Neues ausprobieren oder lieber auf etwas Altbewährtes setzen? Ich wälze meine Rezeptbücher, recherchiere im Internet und telefoniere mit meiner Mama und meiner Oma. Dann steht das Ziel meiner Backmission fest: ein Marmorkuchen nach Mamas Rezept. Gelingt immer und kam bisher auch immer gut an! Als ich ein paar Tage später von Stephens Mission höre, packt mich der Ehrgeiz. Von meinem ursprünglichen Rezept will ich aber nicht abrücken – vielmehr sollte mein Marmorkuchen mit seiner Form und Dekoration beeindrucken. Wozu hatte ich ein Mini-Muffinblech, pinke Gugelhupf-Silikonformen und Zuckerdekor geschenkt bekommen? Stephen lachte nur: „Du machst nicht ernsthaft einfach nur einen Rührkuchen?!“ Der würde sich noch wundern… Für meine Mission finde ich noch am selben Tag noch einen treuen Begleiter. Mein Volo-Kollege Paul ließ sich dazu überreden, den Aufstieg zum Gipfel des Geschmacks gemeinsam zu wagen. Ich drapiere die Zutaten wie bei einer Kochshow auf meinem Küchentisch. Und nachdem der „Gegner“ ja schon befürchtet hatte, dass mein Begleiter nichts zu tun haben und sich quasi Huckepack zum Gipfel tragen lassen würde, geht es an die Aufgabenverteilung. Paul ist für die Mehlmischung und das Einfetten der Backform zuständig. Ich hingegen sorge dafür, dass aus allem ein Teig wird.

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Mit Verständigungsproblem beginnt das große Backen

Mit einem kleinen Verständigungsproblem beginnt dann das große Backen. Da nur fünf Leute von diesen Köstlichkeiten essen werden würden, dachte ich daran, nur die Hälfte der Menge zu machen. Paul sieht das offensichtlich anders und wiegt munter die im Rezept angegebenen Mengen von Mehl, Backpulver und Mandeln ab, um sie zu vermischen. Das merke ich zum Glück noch BEVOR ich Butter, Zucker und Vanillezucker miteinander verschlage. Nun gut, gibt es doch die normale Menge…auch wenn es viel zu viel sein wird. Die drei Komponenten verschlage ich zu einer gelben zuckrigen Masse, nach und nach gesellen sich mit Hilfe meines Begleiters die Eier, das Mehl-Mandel-Gemisch und die Milch hinzu. Den Teig teile ich dann in zwei Hälften, um eine davon Paul für die eingefetteten Formen zu geben und die andere mit Kakao, Zucker und Milch zu einer schokoladigen Masse der allerfeinsten Sorte zu machen. Sie landet ebenfalls in den Förmchen, damit die Marmorierung überhaupt entstehen kann.

200 Grad Umluft machen schließlich aus dem „zähreißend vom Löffel fallenden und deswegen perfekten Teig“ (Zitat Paul) 24 Mini-Muffins, sechs Mini-Gugelhupfe, sechs Muffins in Silikonformen und acht Muffins in Papierförmchen. Ein geschmolzener Schoko-Osterhase dient als Kuvertüre-Ersatz und stirbt im Wasserbad einen ehrenvollen Tod – alles für die Backkunst. Paul hatte dann noch eine weitere zündende Idee: Warum nicht die flüssige Schokolade in die Löcher der Gugelhupfe füllen? Gummibärchen und Zuckerherzchen runden das Erscheinungsbild ab. Stephen und sein Kollege können einpacken, da sind wir uns sicher – wir hatten den Gipfel ohne weitere Hindernisse und Schwierigkeiten erklommen, gar erstürmt.

Unser „Gegner“ konnte sich einen Tag später sogar ein eigenes Bild von unseren Backkünsten machen – und musste zugeben, dass die Mini-Marmorkuchen schmeckten. Schade, dass wir Gipfelstürmer nicht in den Genuss der Himbeer-Torte kamen…