Von Marsreisen und intelligenten Mülleimern

Ein Rosetta-Modell in Darmstadt. Foto: Sebastian Stenzel

Die Volontäre der Verlagsgruppe Rhein Main besuchen das ESA-Gelände in Darmstadt und lernen Unternehmensgründer kennen. Das ist besonders spannend, weil hier auch das Tor zu...

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. Von Constantin Lummitsch

Mittwochmorgen, 9 Uhr. Der Volontär braust mit seinem Fiat durch ein Industriegebiet in Darmstadt, hält mit laufendem Motor vor dem grauen, vierstöckigen ESA-Gebäude. Nirgendwo ein freier Parkplatz. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist eine Schranke, dahinter zahlreiche Autos. Aber der Volontär mag keine Schranken, keine Papierkärtchen, die man irgendwo entwerten muss, und drückt das Gaspedal durch, fährt rund um das ESA-Gelände. Es ist wirklich groß. Grünflächen, hohe Ahornbäume, etwas, das wie ein Holzhaus für Kinder aussieht, vielleicht gehört es zum betriebseigenen Hort. Eine Kopfsteinpflasterstraße führt an einem hohen Metallzaun entlang, davor stehen Männer in dunklen, wattierten Jacken. Dann ein Wohngebiet mit niedrigen, kleinen Einfamilienhäusern. Hier stellt der Volontär seinen Wagen ab und läuft den Metallzaun entlang Richtung Eingangstor.

Dort warten die anderen Volontärinnen und Volontäre, machen Smalltalk. Jemand erzählt etwas von einer Testfahrt mit einem Maserati. Ein Volontär in grauer Windjacke zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in die kalte Herbstluft. Ein Jobtraining hat sie alle vor das ESA-Tor geführt. Jobtraining, das klingt erst mal nicht gut, erinnert ans Jobcenter, an Seminare, in denen Arbeitslose das Verfassen von Bewerbungsanschreiben üben müssen, in einem hässlichen Souterrainbüro, morgens um sieben.

Dabei ist es gar keine so schlechte Sache. Einmal im Monat besuchen die Volontäre der Verlagsgruppe Rhein Main eine regionale Einrichtung. Das kann eine Weinprüfstelle oder das BKA in Wiesbaden sein. Selbstverständlich versucht jeder Gastgeber, sich so gut wie möglich darzustellen, aber es bleibt jedem selbst überlassen, sich ein eigenes Bild zu machen. Danach darf jemand im Volo-Blog darüber schreiben. Ob streng nachrichtlich oder als Gonzo-Erzählung, das kann jeder für sich entscheiden, alle journalistischen Darstellungsformen stehen einem zur Verfügung. Der Volo-Blog ist eine Spielwiese, um sich auszuprobieren, solange man nicht gegen den Pressekodex verstößt.

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Besucher müssen Ausweise abgegeben

Heute sei ich an der Reihe, teilen mir meine Darmstädter Kolleginnen mit. Na gut, irgendwann ist jeder von uns mal dran. ESA. Satelliten. Reisen zu anderen Planeten. Könnte gut werden. Dann öffnet sich das Eingangstor, wir werden hereingebeten. Sicherheitskontrollen, natürlich. Die Ausweise müssen abgegeben werden. Aber warum eigentlich? Der Volontär denkt nicht lange darüber nach, aber ein unterschwelliges Gefühl von „1984“ bleibt bestehen.

Die Gruppe wird quer über das Gelände geführt, zu einem hohen Gebäude. Dort verbirgt sich der Hauptkontrollraum des European Space Operations Centres (Esoc). Beim Europäischen Raumflugkontrollzentrum (ESOC) der ESA arbeiten rund 900 Menschen, davon sind 270 direkt bei der ESA angestellt. Von Darmstadt aus werden Satelliten und Sonden kontrolliert. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Entwicklung von Bodensegmenten oder Steuerungs- und Simulationssoftware für den Raumflugbetrieb. Auch ist das ESOC die Steuerungszentrale internationaler Bodenstationen. Laut ESA-Informationen wurden seit 1967 mehr 100 Satelliten erfolgreich betrieben.

Bevor es in den Kontrollraum geht, von dem aus spektakuläre Weltraumoperationen wie das Raumsondenprojekt ExoMars gelenkt werden, lädt Pressesprecher Bernhard von Weyhe in einen Vorraum. Dort gibt es Kaffee. Bei gedämpftem Licht hält Flight Director Mike McKay eine Powerpoint-Präsentation. Er trägt ein auffällig schlichtes graubraunes Sakko. Viele ESA-Mitarbeiter tragen Braun, oft Cord.

McKay erzählt von vergangenen und zukünftigen Weltraummissionen. Er spricht von einer bemannten Mondstation und gemeinsamen Plänen mit der Nasa, von Venus und Jupiter. Der Hauptkontrollraum, der durch eine Glasfront zu sehen ist, löse bei ihm immer noch eine Gänsehaut aus, sagt er. Der Volontär glaubt es ihm. Doch im Laufe der Präsentation nimmt McKays Begeisterung gar kein Ende mehr. Stichworte wie globale Umweltbeobachtung oder industrielle Kompetenzstärkung wiederholen sich, werden fast zum Mantra seines Vortrags. Dann betreten die Besucher den Kontrollraum. Monitore, hohe schwarze Ledersessel mit gerillter Lehne. Ein bisschen wie der Nasa-Control-Room in Houston, nur kleiner. Trotzdem, es ist ein Tor zu anderen Planeten. Ein Ort, der zum Träumen einlädt, von anderen Welten, von Utopien, von einem Neustart der Menschheit, irgendwo dort draußen.

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Der Zeitplan des Besucherprogramms unterbricht die Phantasien des Volontärs. Es gibt Mittagessen. Dann stellen sich im Gründerzentrum der ESA Unternehmer mit satellitengestützten Projekten vor. Einer von ihnen ist Andreas Halbig von Rooy. Dessen Physiognomie, aber auch die selbstbewusste, ruhige Performance erinnern den Volontär an Bryan Batt, der in der US-Serie Mad Men einen Art Director verkörperte. Von Rooy möchte mit intelligenten Mülleimern die Abfallentsorgung im urbanen Raum revolutionieren. Doch der Volontär kann sich nicht mehr richtig darauf einlassen, er bleibt in Gedanken bei zukünftigen Raummissionen, träumt sich weit weg von dieser Welt.

US-Präsidenten beeinflussen die Raumfahrt

Wochen später, kurz vor Abgabefrist des Textes, überlegt der Volontär: Was ist denn wirklich von diesem Tag hängen geblieben? Was bleibt? Außer dem Esoc-Raum, der Marssonde und den imposanten Kommandostühlen nicht so viel, vielleicht noch der Einzug der Personalausweise. Aber die Welt hat sich verändert. Trump wird Präsident. Wird er die Politik der Nasa und somit auch der ESA beeinflussen? Und was hat es mit der braunen Kleidung der ESA-Mitarbeiter auf sich? Der Volontär greift nach seinem Portmonee, zieht die weiße Visitenkarte des ESA-Presssprechers heraus und wählt dessen Nummer. Was wird Bernhard von Weyhe auf diese Fragen antworten?

Ein Interview mit dem ESA-Pressesprecher Bernhard von Weyhe lesen Sie im nächsten "Perspektivwechsel".