Was doch gesagt werden muss

Schweigen. Symbolfoto: Nadine Schwarz

Ich spreche mit den Händen. Die anderen hören mit den Augen zu. Ich winke. Ein "Hallo" kommt zurück. Ich reibe meinen Bauch. Wir gehen essen. Es war eigentlich nur eine...

Anzeige

. Es wird ein harter Tag und ich werde sehr unhöflich sein müssen, oder zumindest so wirken. Mit Lächeln und Winken komme ich am Vormittag noch größtenteils durch. Bis zum Mittag sage ich gerade einmal "Hallo" und zweimal "Guten Morgen". Ansonsten schüttel‘ ich viel den Kopf und nicke - wie oft ich das tatsächlich tue, merke ich erst am Abend: Ich bin ziemlich verspannt.

Doro! "Doro" spricht man den Namen der Frau aus, die "Dorow" geschrieben wird. Um die geht es nämlich beim Gespräch unter Kollegen. Ich versuche verzweifelt mit den Lippen ihren Namen zu formen. Wortlos. Mein Gegenüber versteht mich aber nicht. Ich gebe ich auf. Winke ab. Wortwörtlich. So schwierig es mir fällt, nichts zu sagen, für mein Umfeld ist es wohl noch viel anstrengender.

"Kinderkram", sagt mein Chef. Er ist also mittags schon genervt. Er sagt, ein Wort kann ich doch schon mal riskieren. Das sagt er mehrfach an diesem Tag. Wie Rülpser brechen hin und wieder einzelne Worte aus mir heraus. "Kaffee", "Schoki", "Autsch": Es sind dann solche Begriffe, die den Wortzählerstand in ungeahnte Höhen treiben. War ich vor der Mittagspause noch bei 3 Worten, habe ich danach schon 13 gesprochen.

Stirnrunzeln und Schulterzucken

Anzeige

Zum Glück ist nicht reden nicht gleichzusetzen mit nicht kommunizieren. Und so finde ich andere Wege das zu sagen, was mir mein selbstauferlegtes Sprachverbot verwehrt. Ich runzel die Stirn, ziehe die Schultern zuckend hoch, zeige energisch auf Gebäude. Was eine Scharade. Mein Gegenüber versteht mich aber meist. Meist. Wenn nicht, erklingt "meine" Stimme mechanisch und abgehackt. Zum Glück gibt es Smartphones. Mittlerweile können sie ja sogar vorlesen.

Verbal eskaliert es nur, als ich, der Fotoneuling, selbst an den Auslöser muss und Fragen zu Blende und Iso-Einstellung habe. Da geht die Arbeit plötzlich vor und die Worte purzeln nur so. Diese verbalen Purzelbäume bleiben aber die einzigen sportlichen Übungen, die meine Stimmbänder vollbringen. Die meiste Zeit nehme ich einfach nur wahr, höre zu, sehe genauer hin.

Auf gewisse Art hat mein unhöfliches Wortfasten doch auch etwas Höfliches: Geflucht habe ich an diesem Tag nur ein Mal. Die meisten meiner 57 Worte - denn exakt so viele, werde ich am Ende des Tages gesprochen haben - waren "Hallo" und "Danke".

Ich rede gerne. Manchmal zu viel.

Wenig reden geht also. Aber es geht mir nicht gut damit. Ich fühle mich extrem unhöflich, teils hilflos, oft missverstanden. Reden ist toll, sehr toll. Ich lerne an diesem Tag aber auch, dass ich schweigen und zuhören kann, sogar gut zuhören. Es gab Momente, in denen ich etwas aufschreiben wollte und mir dann gedacht hab‘: Mein Gegenüber ist nicht blöd, er kommt da selbst drauf. Auch wenn ich nichts sage. Man lernt, anderen mehr zu vertrauen und nimmt sich und seine Worte selbst nicht so wichtig. Es gab wenige Momente, in denen ich wirklich etwas Tolles zu Gesprächen hätte beitragen können. Aber die Unterhaltungen hätten mir das ein oder andere Mal mehr Spaß machen können. Ich nehme die Welt also vielleicht bewusster wahr, aber ich lerne weniger über sie. Es bleiben viele Fragen offen.

Anzeige

Fazit: Ich rede gerne. Manchmal zu viel. An diesem Tag zu wenig. Also einfach die Worte manchmal überdenken, bevor ich sie spreche. Den Worten, die man letztlich spricht, mehr Gewicht geben. Das sage ich mir am Ende des Tages selbst.