Weder Helden noch Opfer

Volontärin Lisa Maucher probiert eine der Brillen aus. Foto: Danielle Schwarz

Ob Nomen, Verb, Adjektiv oder Präposition – ein Wort zu viel, ein Wort zu wenig oder einfach nur falsch gewählt, und nichts ist mehr, wie es vorher einmal war. Wörter...

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. Von Danielle Schwarz

„Ey guck ma, wie behindert“ oder „Du Spast“ – Wer hat solche Sätze nicht schon mal irgendwo auf der Straße gehört? Nicht, dass die Artikulierenden in diesem Falle tatsächlich auf Menschen mit Behinderung referieren würden, aber dieses Beispiel aus dem Alltag zeigt doch schon recht deutlich, wie unbedacht manch einer mit Vokabeln um sich wirft.

Wahrlich, als angehende Journalisten und als Menschen mit einem Mindestmaß an Geist wird man solche Sätze niemals ernst gemeint und unzitiert von uns lesen oder gar hören, dafür aber Phrasen wie „Er ist seit seinem fünften Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt“ oder „Sie leidet am Down-Syndrom“. Diese beiden Beispiele sind Prototypen der Berichterstattungsfloskeln, wenn es um Menschen mit Behinderung geht. „Sehe ich für euch aus, als würde ich leiden?“, fragt uns Gracia Schade, Geschäftsführerin des ZsL. Nein, tut sie nicht, ganz und gar nicht. Und ja, sie sitzt im Rollstuhl, aber zugegebenermaßen: Irgendwie gestikuliert sie dann doch zu viel, um gefesselt zu sein. Wie viele solcher Redewendungen Einzug in den Journalismus gefunden haben, hält man kaum für möglich. Das reicht von „Trotz seiner Behinderung hat er Spaß am Leben“ (Warum auch nicht? Das Grundrecht auf Spaß ist unantastbar) über „Er führt ein Leben in absoluter Dunkelheit“ (auch Blinde können hell und dunkel, teilweise sogar Farben unterscheiden – das kommt ganz darauf an, ob jemand erblindet oder sehbehindert ist und in welchem Ausmaß) bis hin zu „Die Normalen“, wenn es um Menschen ohne Behinderung geht (dass die alle normal sind, sei an dieser Stelle kühn negiert).

Was Mutter und Vater noch sagen durften...

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Zugegeben, manchmal kann einen als Journalist die political correctness in den Wahnsinn treiben. Was Mutter und Vater noch sagen durften, ohne schief angesehen zu werden, dafür wird man heute geächtet. Nur gibt es eben auch Fälle, über die man nicht streiten muss. Die Frage für uns ist einzig: Was dürfen wir denn überhaupt noch sagen, ohne jemanden zu verletzen? Und vor allem: Rede ich mit und schreibe ich über einen Behinderten, einen Menschen mit Handicap oder gar einen Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung? Gracia Schade klärt uns auf: „Schreibt Mensch mit Behinderung oder eine behinderte Frau, ein behinderter Mann.“ Denn dem bloßen Wort „Behinderter“ fehle der Mensch.

Eigentlich kaum verwunderlich, dass wir uns so etwas erklären lassen müssen – wie wir im Gespräch merken, haben die wenigsten von uns privaten, regelmäßigen Umgang mit Menschen mit Behinderung. Und ja, wenn wir alle ganz ehrlich sind: Das macht es uns in Interviewsituationen nicht immer leicht. Wie rede ich mit jemandem, der Lernschwierigkeiten hat, der vielleicht nicht versteht, was ich genau von ihm möchte? Darf ich jemanden mit Sehbehinderung nach seinem Blick auf die Dinge fragen? Gracia Schade gibt uns die folgenden Tipps:

1) Keine plumpe Neugier: Nicht fragen, seit wann jemand eine Behinderung hat. Wenn er will, wird er es erzählen. Anstarren gehört nicht zu den guten Umgangsformen. 2) Unterstützung anbieten und abwarten – Blinde nicht einfach am Arm greifen und über die Straße zerren. Und akzeptieren, wenn jemand die Hilfe ablehnt. 3) Rede mit dem Menschen und nicht über ihn hinweg, zum Beispiel mit Begleitpersonen: „Möchte er noch etwas trinken?“ 4) Beachte die Distanzzonen: Nicht die Position von Blindenstock oder Rollstuhl verändern oder den Blindenhund ablenken. 5) Keine Angst vor Redewendungen: Auch zu einem blinden Menschen darf man „Auf Wiedersehen“ sagen und Rollstuhlfahrer gehen ebenso spazieren wie andere. 6) Vorsicht vor Diskriminierung: Gehörlose Menschen sind nicht taubstumm, sie kommunizieren über Gebärdensprache. Mongoloismus ist keine Diagnose, sondern eine Diskriminierung. Sprich von Trisomie 21 oder dem Down-Syndrom. 7) Suche Blickkontakt: Mimik und Gestik helfen beim Verstehen. Vermeide es, jemanden anzuschreien oder Babysprache zu verwenden, schwerhörig bedeutet nicht begriffsstutzig. 8) Der Dolmetscher hat die Nebenrolle: Wenn ein Gebärdendolmetscher im Einsatz ist, sehen Sie dennoch nicht ihn, sondern Ihren Gesprächspartner an. Und: Erwachsene Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, werden gesiezt. 9) Kommuniziere besser zu viel als zu wenig: Gerade für blinde Menschen ist das wichtig. 10) Die Behinderung ist nur ein Merkmal von vielen: Eine Rollstuhlfahrerin ist auch eine Frau, vielleicht eine Angestellte, Vereinsmitglied oder Mutter. Verzichten Sie darauf, Menschen mit Behinderung auf ihre Behinderung zu reduzieren.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was eine Behinderung eigentlich bedeutet, ließ uns Gracia Schade abschließend abwechselnd mithilfe von Brillen Formen der Sehbehinderung erfahren, mit geschlossenen Augen Orientierung durch einen Blindenstock suchen und mit dem Rollstuhl über Türschwellen fahren. Nein, einfach haben es Menschen mit Behinderung nicht, aber so hilflos, wie manch einer gedacht hat, sind sie eben auch nicht.

Für uns als Journalisten ist abschließend vor allem eines wichtig: Nicht alle Menschen mit einer Behinderung sind „Helden, die ihren Alltag meistern“ und auch keine „Opfer, die unter ihrer Behinderung leiden“. Manche Menschen mit Behinderung sind nett, manche sind es nicht. Manche sind intelligent, manche sind es nicht. Manche sind vielleicht tatsächlich Helden, manche nicht. Menschen mit Behinderung sind Menschen. Punkt.