WM-Analyse: Nigeria - Balogun ist einer von uns

Leon Balogun hat sich aus Berlins "Ghetto" bis nach England hochgearbeitet. Archivfoto: Hoffmann

Weil der Fußballverein in Moabit neben der JVA trainierte, landete Leon Balogun bei Hertha Zehlendorf. Die Berufung in Nigerias Nationalteam verdankt der Berliner neben seiner...

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. Von Carsten Schröder

Eigentlich ist er ja einer von uns. Ach, mehr noch. Der Mann ist sogar gut gebildet, hat Abi auf einem althumanistischen Gymnasium gemacht. Gegenüber der Bild-Zeitung lachte er deshalb auch schon mal und erzählte: „Über mich gibt’s keine Ghetto-Storys aus Berlin.“ Dort, genauer in Moabit, ist Leon Balogun nämlich aufgewachsen. Gut behütet. Einer von uns ist er dennoch, und da darf man schon mal die Daumen drücken, wenn es für ihn jetzt mit den Super Eagles in die WM geht. Wäre doch schön, wenn die Adler bei ihrem sechsten Anlauf mal übers Achtelfinale hinaus abheben würden.

Für Leon Balogun war’s sogar, auch das ist zu lesen, mit Fußball erst mal gar nichts: „Weil neben dem Fußballverein ein Gefängnis war, ließ mich meine Mutter da nicht hin.“ Sogar der erste Versuch bei Hertha BSC scheiterte. Irgendwie bezeichnend: Es ging nach Zehlendorf. Auch ein Traditionsverein. Und ein Stück weit weg von der JVA Moabit. In Berlin ist Zehlendorf eine der wohlhabenderen Gegenden. Doch auch wenn es dort eben keine Ghetto-Storys gibt, bewies Leon Balogun doch sein Kämpferherz. Er schuftete, arbeitete sich hoch, kam über Oberliga und Dritte Liga bis nach oben. Bis zu Darmstadt 98, bis zu Mainz 05.

Berliner mit nigerianischen Wurzeln

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Klar, das Thema Nationalmannschaft kam da irgendwie zwangsläufig. Der Vater aus Nigeria, die Mutter mit deutscher und italienischer Abstammung. Es steckt einiges drin in Leon Balogun. Für Deutschland oder Italien war es etwas spät, weshalb der heute 29-Jährige gerne bekennt, froh zu sein, dass er sich nicht hatte entscheiden müssen. Heimat und Kultur des Vaters hätten zudem großen Einfluss auf ihn gehabt. Er unterstreicht: „Ich empfinde mich als Berliner mit nigerianischen Wurzeln.“ Als solcher zieht er gerne das Trikot der NFF, der nigerianischen Fußball-Förderation, an. Geschehen ist dies seit dem Debüt vor vier Jahren fast 20 Mal.

Die WM ist da der Höhepunkt. Zwar wartet neben Island und zum Auftakt schon Kroatien auch die argentinische Nationalmannschaft als Gegner. Gegen die Albiceleste haben die Nigerianer im November aber schon mal 4:2 gewonnen, da stand auch Leon Balogun nach der Pause auf dem Platz.

Höhepunkt hin, Höhepunkt her. Ein Herzensanliegen ist es Leon Balogun bei all dem aber auch, sich gegen Rassismus und Ausgrenzung einzusetzen. Er tut dies immer wieder, tat es erst im März etwa bei einer Aktionswoche der Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule in Wiesbaden. Er betonte dort: „Ich bin Deutscher und Afrikaner. Aber meine Rasse ist Mensch.“ Er ist eben einer von uns.