WM-Einwurf: Der Videobeweis verändert das Turnier

Eine häufige Szene bei dieser WM: Schiedsrichter Mark Geiger prüft am Videoscreen die Torsequenz im deutschen Spiel gegen Südkorea. Am Ende gibt er den Treffer der Asiaten. Foto: dpa

Bei dieser Weltmeisterschaft gibt es so viele Elfmeter wie noch nie. Auch ein Ergebnis des eingeführten Videobeweises, der stets bei Toren auch auf Abseits und andere...

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. Von Carsten Schröder

Kann es einen besseren Beleg dafür geben, dass der Videobeweis zwingend notwendig ist, weil er den Fußball gerechter macht? Es ist die 91. Minute in der Kasan-Arena. Es ist der Moment, in dem der Südkoreaner Young-Gwon Kim die Kugel an Manuel Neuer vorbei in die Maschen drischt. Der deutsche Nationalkeeper ist geschlagen, das desaströse Aus der deutschen Mannschaft bei der WM in Russland besiegelt. Oder doch nicht? Der Mann an der Seitenlinie hat schließlich die Fahne gehoben. Abseits. Da blieben doch immerhin noch fünf, sechs Minuten, um das erstmalige Aus einer deutschen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft durch einen eigenen Siegtreffer noch abzuwenden.

„Nein“, funkt es aber aus dem Videoraum ins Ohr von Schiedsrichter Mark Geiger. Der US-Amerikaner studiert die Szene in der Review Area – und sieht: Den Ball, der in der Nachspielzeit nach dem koreanischen Eckball vor den Füßen von Young-Gwon Kim gelandet war, hatte Toni Kroos durch die Beine seines deutschen Teamkollegen Niklas Süle gespitzelt. Kein Abseits. Tatsächlich Tor. Deutschland ist raus. Okay, noch nur fast. Aber gleich.

Erst klare Linie

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Fazit? Der Beweise ist erbracht: Der Videobeweis sorgt für mehr Gerechtigkeit im Fußball. Und damit ist nicht gemeint, dass das deutsche WM-Aus ja sowas von gerecht war. Nüchtern betrachtet wäre eine Aberkennung des koreanischen Treffers eben schlichtweg eine krasse Fehlentscheidung gewesen. Und genau die sollen ja beseitigt werden.

Fakt ist auch: Frei von Grenzfällen und in der Konsequenz ausufernden Stammtisch-Debatten wird der Fußball selbst durch den Videobeweis nicht werden. Auch das macht die WM in Russland deutlich. In den ersten Tagen schien sogar dies möglich. Der Videobeweis lief prima an. Von einem Lehrstück für die Bundesliga war die Rede. Der Blick auf den Monitor war seltener, korrigiert wurden (gefühlt) nur klare Fehlentscheidungen – mit einheitlicher Linie.

Dann auch Fehlinterpretationen

Diese ist zwischenzeitlich abhanden gekommen. Da üben sich im Duell zwischen England und Tunesien gleich zwei Afrikaner am Fünfmeterrraum in „Griechisch-Römisch“, reißen England-Angreifer Harry Kane zu Boden, ohne dass es einen Elfmeter gibt. Für Nigeria ertönt derweil ein Elfmeterpfiff, weil der Argentinier Javier Mascherano seinen Gegenspieler Leon Balogun kurz an der Schulter packt. Oder das Thema Handspiel: Ein Abpraller vom eigenen Körper an den Arm – der Elfmeterpfiff war da in Russland ebenso schon dabei wie ein abwinkender Schiedsrichter. Auffallend auch: Je hitziger die Spiele werden, desto mehr Probleme gibt es.

In der Konsequenz gibt es Nachspielzeiten von ungeahnter Dauer, aber auch Elfmeter in nie dagewesener Zahl. Unterm Strich bleibt aber doch eines: Die Trefferquote richtiger Entscheidungen bei umstrittenen Szenen ist größer geworden. Auch die Transparenz der Entscheidungen ist klar verbessert, weil auf der Videoleinwand die Entscheidungsfindung verfolgt werden kann. Und selbst die Emotionen kommen trotz einer derartigen Überprüfung nicht zu kurz. Man erinnere sich an die mittlerweile dritte Minute der Nachspielzeit in der Kasan-Arena. An den Jubel bei Young-Gwon Kim und den Seinen. Und an die Gesichter von Thomas Müller, Manuel Neuer, Jogi Löw …