WM-Einwurf: Ein gutes Datum für ein deutsches Länderspiel

Joachim Löw gönnt sich ein Spielchen. Die Ruhe vor dem Sturm? Eher nicht, denn der 8. Juli ist für die DFB-elf ein gutes Datum. Foto: dpa

Brasilien, Argentinien, Deutschland und die Niederlande - die im Vorfeld bereits als heiße Titelkandidaten gehandelten Nationen machen den WM-Titel tatsächlich unter sich aus....

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. Von Björn-Christian Schüßler

Europa gegen Südamerika heißt es im Halbfinale. Ein klarer Favorit zeichnet sich in keiner der Begegnungen ab. Brasilien fehlt nun der Superstar, Deutschland hatte nie einen wirklichen Superstar dabei, Argentinien versteckt sich hinter Weltstar Messi, das niederländische Team kann Robbens Tempo kaum mitgehen. Hier die Chancen der Halbfinalisten:

Brasilien - Deutschland

Brasilien ohne Neymar klingt erstmal als Schock für die Gastgeber. Doch mittlerweile dürften sich die Gemüter beruhigt haben, wenn auch die Fans das Spiel gegen Deutschland weniger als Rache denn als Genugtuung ansehen dürften. Hieß es zuletzt "Neymar für Brasilien", heißt es jetzt eben "Brasilien für Neymar". Lässt die Vermutung aufkommen, dass das brasilianische Team nun näher zusammenrückt und weniger für den eigenen Triumph, denn für ihren Superstar auftreten wird.

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Treten ist dabei auch das Stichwort: Nicht wenige Experten rechnen damit, dass sich die Seleção mit Händen und Stollenschuhen gegen Deutschland wehren wird. Spielerischer Glanz war schon vor Neymars schlimmer Verletzung im brasilianischen Spiel Mangelware. Nun nahm Juan Zuniga dem Gastgeber auch noch den Offensiv-Diamanten. Und weil das ja noch nicht genug Demütigung ist, wurden auch noch Thiago Silva Gelb- und Pressesprecher Rodrigo Paiva - nach einem Faustschlag gegen den chilenischen Stürmer Mauricio Pinilla - nachträglich gesperrt.

Dass ausgerechnet Brasilien bei der Heim-WM eine Verschwörung wittert, die Fifa am liebsten zum Mond schießen möchte und die Dreistigkeit besitzt, gegen Thiago Silvas zweite Gelbe Karte Einspruch einzulegen, lässt den Kessel in Belo Horizonte zusätzlich noch hochkochen. Es wird ein heißer Tanz.

Deutschland hingegen zeigt auch bei dieser WM das, was die Fans schon gewohnt sind - sie steigert sich von Spiel zu Spiel, auch wenn Offensivfeuerwerk noch lange nicht der richtige Ausdruck ist für den Verwaltungsfußball, den Jogi Löw seine talentierten Jungs spielen lässt. Ein gutes Omen für das Halbfinale dürfte das Datum sein. Am 8. Juli 1990 war die DFB-Elf schließlich auch in einem wichtigen Spiel siegreich - und durfte nach dem Abpfiff gegen Argentinien dank eines Elfmetertreffers von Andi Brehme den World Cup in den italienischen Nachthimmel strecken.

Dass Löw neben dem bei der WM verletzten Nachwuchsverteidiger Mustafi schon im Vorfeld der WM auch auf den vermeintlich besten Offensivwirbler Marco Reus und die beiden Allzweckwaffen Lars und Sven Bender verzichten musste, geht im Neymar-Geschluchze unter. Letztlich hat sich der Bundestrainer für ein funktionierendes Kollektiv entschieden. In dem Erfahrung auf den Platz kommt und Jungstars wie Großkreuz, Draxler und Durm ein Bankdrücker-Dasein fristen müssen. In dem aber deshalb trotzdem kein Unmut nach außen dringt. Wie 1990, als die Legende vom Günter-Hermann-Syndrom entstand: Mitfahren, Maul halten, Medaille abstauben.

Gegen Brasilien ist Deutschland mittlerweile klarer Favorit, weil Manuel Neuer große Spiele zeigt, die Abwehrreihe sich mit Rechtsverteidiger Lahm und einem ins Rollen gekommenen Mats Hummels bestens formiert hat und vorne ganz viele für ein Tor gut sind. Wenn gerade die Offensivspieler mit der großzügigen Regelauslegung der Schiedsrichter und der vermuteten Härte der Brasilianer zurecht kommen, kann Deutschland nach 2002 wieder ein WM-Finale erreichen.

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Tipp: Die typisch deutschen Tugenden geben den Ausschlag: Die DFB-Elf setzt sich mit 2:1 durch.

Niederlande - Argentinien

Arjen Robben ist vielleicht in der Form seines Lebens. Der 30-Jährige ist der Motor der Elftal, fordert Bälle, reißt Löcher, sucht den Abschluss. Dass sein Aufwand gegen Costa Rica erst spät belohnt wurde, dürfte gleichzeitig die große Schwäche des niederländischen Spiels sein. Van Persie, Lens, Depay und Fer bringen nicht annähernd so viel Offensivdrang auf den Platz wie Robben. Einzig Huntelaar macht den Eindruck, zumindest mehr zu wollen.

Auch über das Spielsystem wird bei Oranje viel diskutiert. Nun ja, zumindest lassen die Niederlande das die Öffentlichkeit glauben. Denn einzig und allein General Louis van Gaal muss das System verantworten und er lässt sich dabei kaum reinreden. Auch wenn sein Trainer-Team auf der Bank eher den Eindruck von Börsenbrokern hinterlässt, so lohnt sich die akribische Arbeit der fünf Jungs im stilvollen Anzug mit der orangefarbenen Verbandskrawatte. Ob 5-3-2, 3-4-3 oder 4-2-4 - der General hat einen Plan, und wenn der mal doch nicht aufgeht, bleibt ja noch der Torwart-Wechsel.

Auch wenn die Niederlande auf dem Papier nicht so stark besetzt ist wie 2010, so ist dieser Mannschaft 2014 der Titel durchaus zuzutrauen. Natürlich gehörte gegen Mexiko und Costa Rica auch eine Portion Glück dazu, dass Marquez Robben im entscheidenden Moment den Kontakt zum irregulären Abheben bot und Krul ohne Einschränkungen wie ein Besessener auf die gegnerischen Elfmeterschützen einreden durfte. Doch dieses Glück muss man sich auch erst mal erspielen.

Messi hier, Messi da, Messi oben, Messi unten, Messi als Vollstrecker, Messi als Vorbereiter, Messi als Volksheld, Messi als Raumschaffer, Messi als Superstar, Messi als Weltmeister. Geht es nach den argentinischen Opernsängern, könnte Messi alles sein, sogar der Barbier von Sevilla. Jedoch birgt das argentinische System ein gebirgegroßes Risiko: Messi könnte ausfallen oder zumindest an einem rabenschwarzen Tag einfach abtauchen. Dass in diesem Fall Aguero und di Maria noch mehr fehlen, liegt auf der Hand.

Trainer Sabella kann sich ansonsten auf ein grundsolides Team ohne richtige Stärken und Schwächen verlassen. Ohne das Offensiv-Dreieck fehlt es dem Team an Typen, die dem Spiel der Albiceleste Glanz verleihen. Gelingt es den Niederländern, Messi aus dem Spiel zu nehmen, dürften es die Argentinier deshalb schwer haben. Wie gut für Sabella und die anderen, dass Messi derzeit keinen Anlass gibt, an seinem Können zu zweifeln. Der Weltsar Lionel möchte in die Fußstapfen von Kempes und Maradona treten und den dritten WM-Titel nach Argentinien holen.

Die Statistik spricht in jedem Fall für die Argentinier: Immer, wenn die Südamerikaner das Halbfinale einer WM erreichten, schafften sie es auch bis ins Finale.

Tipp: Ein Robben in Topform reicht nicht gegen einen Messi in Normalform. Argentinien setzt sich in einem knappen Spiel durch, siegt 3:2, möglicherweise erst nach Verlängerung.