WM-Einwurf: Europa gegen Afrika - Südamerika unter sich

Vier Tore in der Vorrunde - was kann Brasilien von seinem Torjäger gegen Chile erwarten? Foto: dpa

Während Südamerika schon einen Platz im Halbfinale sicher hat, kommt es im Achtelfinale zweimal zu spannenden Kontinent-Duellen zwischen Europa und Afrika beziehungsweise...

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. Von Björn-Christian Schüßler

Nach 48 Vorrunden-Spielen blicken alle Augen auf die durchaus überraschenden Achtelfinal-Paarungen und die sich daraus ergebenden Viertelfinal-Optionen. Dabei kommt es zu erstaunlichen Päckchen. Denn in den ersten beiden Achtelfinals und der resultierenden Viertelfinal-Begegnung machen vier Südamerikaner unter sich einen Halbfinalisten aus. Ähnliche Strukturen gibt es auch für den zweiten Achtelfinalspieltag mit zwei Europäern und zwei mittelamerikanischen Mannschaften und am dritten Spieltag mit zwei Europäern und den beiden im Turnier verbliebenen afrikanischen Teams. Da keine Teams aus Asien oder Ozeanien mehr dabei sind, verbleiben für den vierten Achtelfinal-Spieltag zwei Europäer und zwei Teams von den amerikanischen Kontinenten. Hier die Chancen der Teams im Überblick:

Brasilien - Chile

Der Gastgeber hat in allen drei Spielen der Vorrunde großen Offensivgeist gezeigt und im richtigen Moment gegen Kroatien und Kamerun die Tore erzielt. In Jungstar Neymar hat die Seleção einen treffsicheren Torjäger in ihren Reihen, der mit seinen beiden Doppelpacks viel Selbstvertrauen getankt haben dürfte. Zusätzlich haben die Brasilianer auch in der Defensive ihre anfangs verlorene Sicherheit zurück gewonnen.

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Chile hat Weltmeister Spanien mit einer aggressiven und laufintensiven Spielweise den Zahn gezogen. Auch gegen Australien waren die Südamerikaner stets auf der Höhe. Abnutzung im Zweikampf, Ermüdungserscheinungen? Nein, die Chilenen um Coach Jorge Sampaoli waren stets konditionell auf der Höhe. Das, und dass sie die letzten beiden Duelle gegen die Seleção im vergangenen Jahr sehr knapp gestalten konnten, macht sie zu einem schwierigen Gegner.

Tipp: Brasilien setzt sich knapp mit 2:1 durch.

Kolumbien - Uruguay

Auch wenn die Gruppe mit Griechenland, Elfenbeinküste und Japan nicht sackschwer war, kommen die Kolumbianer mit viel Selbstvertrauen ins Achtelfinale. Drei Siege, drei überzeugende Vorstellungen, mit James Rodriguez einen kontinuierlichen Torschützen, mit Faryd Mondragon den ältesten WM-Aktiven aller Zeiten. Beim höchsten Sieg sogar nur die B-Elf auf dem Platz - und in keiner relevanten Szene müssen die Südamerikaner den Schiris dankbar sein. Das macht was her. So ist das Viertelfinale realistisch.

Suarez, Suarez und kein Ende. Uruguay ist bei dieser WM wahrlich kein Leckerbissen. Der zweifache Torschütze hat sich wenig kultiviert aus dem Turnier verabschiedet. Cavani ist zwar fleißig, aber bisher noch nicht so treffsicher wie für seinen Club Paris St. Germain. Dem gesamten Team, das auch durch Maxi Pereiras Frustfoul gegen Costa Rica negativ aufgefallen ist, fehlt es an der Spritzigkeit, mit der vor vier Jahren noch der vierte Platz herausgesprungen ist.

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Tipp: Kolumbien lässt Uruguay beim 3:1 kaum eine Chance.

Niederlande - Mexiko

Mit seinem Näschen für die richtige Taktik, seinem Gespür für den richtigen Joker im richtigen Moment und seiner Gier, die Louis van Gaal seiner Mannschaft vermittelt hat, dazu mit dem nach Gelbsperre wieder im Team stehenden Robin van Persie kann die Niederlande sich für den Aufwand bei diesem Turnier belohnen. Einzig die Abwehr der Elftal scheint mit drei Gegentoren nicht so sattelfest. Doch zehn Treffer bilden bei dieser WM einen Spitzenwert.

Mexiko ist dagegen ein Abwehrwunder. Dabei sind die Mittelamerikaner körperlich gar nicht so groß. Dennoch stellen sie mit nur einem Gegentreffer gemeinsam mit Costa Rica und Belgien die stärkste Abwehr. Das liegt auch am im Spiel gegen Brasilien überragenden Schlussmann Guillermo Ochoa. Erwischen die Mexikaner einen guten Tag, können sie mit ihren geordneten Abwehrreihen und den flinken Offensivwirblern jede Mannschaft vor unlösbare Probleme stellen.

Tipp: Mexiko kann lange dagegen halten, am Ende siegt aber die Niederlande mit 2:1.

Costa Rica - Griechenland

Dass Costa Rica gemeinsam mit Honduras das Finale erreichen würden, wäre Buchmachern vor Turnierbeginn das 25.000-fache des Einsatzes wert gewesen. Mittlerweile halten ebendiese das Team aber für wettbewerbsfähig. Wer eine Gruppe mit den Ex-Weltmeistern Italien, Uruguay und England als Sieger übersteht, der muss doch Ambitionen auf mehr haben. Doch genau das könnte gegen ein schlagbares Team eben das Problem werden. Denn die Motivierung gegen einen Ex-Europameister sieht da doch ganz anders aus. Erstaunlich: Mit nur drei gelben Karten ist Costa Rica Disziplin-Weltmeister.

Griechenland hingegen hat schon bessere Zeiten erlebt. Das Team zeigte sich vielfach körperlich nicht auf der Höhe, glänzte nicht mit Treffsicherheit und zeigte eigentlich nur ein brauchbares Spiel, das die Hellenen in letzter Sekunde vom Punkt für den Sprung ins Achtelfinale nutzen konnten. Dass mit Kone und Karnezis ausgerechnet zwei starke Säulen des griechischen Spiels im letzten Spiel ausfielen, setzte gleichzeitig bei anderen frische Kräfte frei. Frei nach dem Motto: Keine Chance, aber nutze sie.

Tipp: Griechenland wird Erfahrung wenig nutzen, um Costa Rica aufzuhalten. Die Mittelamerikaner siegen 1:0.

Frankreich - Nigeria

Die französische Tormaschine ist gegen Ecuador ins Stocken geraten. Und das, obwohl die Südamerikaner fast eine Halbzeit mit einem Mann weniger auf dem Platz standen. Vorher dominierten Benzema und Co. vor allem die Schweizer nach Belieben. Es sieht sehr danach aus, dass der Real-Goalgetter und seine Kollegen an diese Leistungen anknüpfen können. Denn vor allem die jungen Wilden brennen auf Erfolge. Und solange sie sich nicht zu Tätlichkeiten hinreißen lassen, die der Schiri mal sieht (Pogba gegen Honduras und Sakho gegen Ecuador blieben verschont), kann das Team weit kommen.

Ein sehr guter Schlussmann Enyeama, ein Top-Vollstrecker Musa, dazwischen eine langbeinige Defensivabteilung und ein Jahrgang, der nicht zu unrecht 2011 den Afrika-Cup gewann - Nigeria ist bei dieser WM gut aufgestellt. Im Gegensatz zu vielen Nationen haben die Afrikaner zudem ihr Leitungspotenzial von Spiel zu Spiel immer besser abgerufen, auch wenn das letzte Gruppenspiel letztlich verloren ging. Kitzelt Trainer Stephen Keshi noch ein paar Prozent mehr heraus, sind die Nigerianer für eine Überraschung gut.

Tipp: Nigeria verteidigt gut und bremst die Franzosen aus: 2:1 nach Verlängerung.

Deutschland - Algerien

DFB-Trainer Joachim Löw hält kontinuierlich an seinem 4-1-2-2-1-System fest. Gegen die USA schien das Abwehrproblem bei schnellen Tempogegenstößen auch weitgehend im Griff. Mit Draxler, Kramer und Schürrle hat Löw zudem noch weitgehend unbekanntes Offensivpotenzial auf der Bank. Zwar wird Algerien mit Mann und Maus verteidigen, doch die deutsche Elf hat genug Leute, um die Lücke zu reißen und zu nutzen.

Algerien hat die Schande von Gijon sicher noch im Blick - zumal es alle Medien bei diesem Turnier noch einmal aufwärmten. Eine wunderbare Gelegenheit, sich also zu revanchieren. Für die Nordafrikaner ist der Einzug ins Achtelfinale allerdings schon ein großer Erfolg, mit dem so wohl keiner gerechnet haben dürfte. Zwar strotzen die Algerier vor Selbstbewusstsein. Doch das Spiel gegen Russland hat auch gezeigt, wie anfällig ihr Spiel ist.

Tipp: Deutschland ist eine Turniermannschaft und wird sich steigern. Algerien hat mit 0:3 das Nachsehen.

Argentinien - Schweiz

Dass Argentinien mehr ist als nur Messi, hat Roja im Spiel gegen Nigeria angedeutet. Allerdings: Nachdem der Star vom FC Barcelona ausgewechselt war, bekamen die Südamerikaner kaum noch einen gescheiten Angriff hin. Zudem ist Agüero zum zuschauen verurteilt. Ausgerechnet Torwart Romero, früher das schwächste Glied in der Gaucho-Kette, ist nach Messi zweitbester Akteur. Beide dürfen sich allerdings keinen schlechten Tag erlauben.

Der Schweiz wird bei dieser WM niemand den Titel "Stehaufmännchen" streitig machen. Gegen Ecuador mit zwei Jokertoren gerade noch in die Spur gekommen, musste Honduras schließlich herhalten, damit sich die Eidgenossen vom 5:2-Nierenschlag der Franzosen wieder aufrichten konnten. Wenn der Bundesliga-gespickte Kader an einem Strang zieht, könnte dem Team von Ottmar Hitzfeld auch mehr als das Achtelfinale zuzutrauen sein.

Tipp: Argentinien muss den WM-Traum begraben, verliert gegen die Schweiz im Elfmeterschießen.

Belgien - USA

Marc Wilmots ist der Mann der Stunde im belgischen Fußball. Erst formte er ein Team, das durch die Qualifikation marschierte, dann einen Kader, der in einer machbaren Gruppe zumindest zum richtigen Zeitpunkt die Tore erzielte. Auch wenn die knappen Ergebnisse einen anderen Schluss zu lassen, so spielen die Belgier forsch, dominant und ergebnisoffen. Dass die Roten Teufel ihre Tore allesamt im letzten Spieldrittel erzielten, spricht für die enorme Kondition und den unbedingten Siegeswillen.

Jürgen Klinsmann hat aus einer bei Weltmeisterschaften meist sehr limitierten US-Mannschaft ein Team mit Wettkampf-Stärke geformt. Besonders auffällig: Die Amerikaner nutzen konsequent die Flügel, um zum Erfolg zu kommen. Kaum ein Team lässt seine Außenverteidiger so hoch stehen. Zudem setzt der schwäbische Coach auf eine offensichtlich erfolgreiche Mischung aus Erfahrung und jugendlichem Ehrgeiz. Der Ausfall von Altidore schmerzt, aber er schadet nicht.

Tipp: Belgien und die USA liefern sich einen offenen Schlagabtausch, bei dem die US-Boys das bessere Ende für sich haben: 3:2.