Erschlägt Sie die Gegenwart, Herr Westernhagen?

Marius Müller-Westernhagen

Marius Müller-Westernhagen spricht im Interview über seine aktuelle Biografie, politisch unkorrekte Texte und seine einstige Wohngemeinschaft mit Otto Waalkes und Udo Lindenberg.

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Herr Westernhagen, gerade ist im Diogenes Verlag Ihre autorisierte Biografie erschienen; mir fällt auf: Ihr erster Plattenvertrag taucht erst auf Seite 166 von 240 auf. Der eigentliche Erfolg wird auf wenigen Seiten abgehandelt.

Ich lebe überhaupt nicht in der Vergangenheit. Mir war wichtig, dass es kein Fan-Buch wird. Eine so lange Karriere wie meine hat immer mit dem Zeitgeist zu tun, und das ist es auch, was das Buch für mich selbst interessant macht. Viele hängen an der Zeit, wo sie jung und erfolgreich waren und Energie hatten. Wenn du das wiederherstellen willst, läufst du als deine eigene Karikatur durch die Welt. Ich bin froh, mich verändert zu haben. Den Jungen, der da auf den Stadionbühnen stand, der sagen konnte: „Ruhig!“ – und dann waren 100.000 Leute ruhig, den kenne ich gar nicht mehr.

Früher haben Sie Platten geklaut, weil das Geld nicht reichte. Dabei haben Sie schon als Teenager Filme gedreht. Wo sind die Gagen geblieben?

Für meine erste Hauptrolle habe ich 1500 DM bekommen. Zuerst dachte ich: Ich muss nie wieder arbeiten! Aber das Geld wurde zu Hause gebraucht. Uns ging es nicht so gut, vor allem, nachdem mein Vater gestorben war. Und eine Platte kostete 20 Mark – ein Vermögen. Also haben wir gestohlen. Wir brauchten ja Musik; das war also Mundraub. Später hat die Musikindustrie den Menschen ein schlechtes Gewissen gemacht, die im Internet Musik klauen. Da war mein Ansatz: Das hätte ich auch getan.

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In vielen Ihrer eigenen Songs nehmen Sie eine Rolle ein. In „Johnny Walker“ sprechen nicht Sie, da spricht ein Trinker. Auch bei der Debatte um den Song „Dicke“ haben Sie oft betont, dass nicht Sie dicke Leute schmähen . . .

. . . sondern dass ich den Menschen einen Spiegel vorhalte, die hinter vorgehaltener Hand über andere reden. Ich habe das immer für offensichtlich gehalten, aber später erfahren, dass es auch einige Menschen verletzt hat. Ich würde den Song in dieser Form nicht mehr schreiben. Als wir das „Pfefferminz“-Album später neu eingespielt haben, wurde mir geraten, den Text umzuschreiben. Das geht mir zu weit. Er gehört zu meiner Geschichte und so soll es auch bleiben.

Ist auch der Bühnen-Westernhagen eine Rolle? Spielen Sie auf der Bühne so, wie Sie im Kino gespielt haben?

Du bist nur dann ein guter Schauspieler, wenn du auf deine eigenen Gefühle zurückgreifst. Auf der Bühne passiert etwas anderes. Da bin ich ein Medium. Du gehst in eine Zone rein, in der eine Figur aus dir wird. Und die entwickelt ein Eigenleben. Das hat mit dem Publikum zu tun; die Energie der Leute ist körperlich spürbar. Da ist eine Masse, für die du die Verantwortung hast. Du musst das Publikum mit inszenieren, einfach damit da nichts Schlimmes passiert. Aber natürlich bin ich nicht dieser Mann auf der Bühne; privat bin ich introvertiert. Wenn ich fünf, sechs Jahre nicht getourt habe, kann ich mir das selbst nicht vorstellen. Aber dann gehst du auf die Bühne und – klick, ist es wieder da.

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Hier ein Video zum 70. Geburtstag des Künstlers 2018

Lars Eidinger sagt: Im Interview spielt er eine Rolle, aber auf der Bühne ist er bei sich.

Du bist auf der Bühne sehr – live! Du fühlst dich selbst sehr intensiv. Es klingt immer so verlogen, wenn man dann ruft: Ich liebe euch alle! Aber in dem Augenblick tue ich das wirklich; da habe ich unglaublich viel Empathie und Liebe für die Leute. Aber richtige Liebe ist das natürlich nicht.

Die Liebe der Fans bleibt über das Konzert hinaus. Wie drücken Ihre das aus?

Es gibt Leute, die sich kleiden, wie ich mich kleide. Wenn ich einen Bart trage, haben sie auch einen. Ich sage dann immer: Fangt selbst an zu leben. Einmal haben sie ein Mädchen zu mir gebracht, vielleicht 15 Jahre alt, und die wollte sich meinen Namen tätowieren lassen. Da frage ich: Was sagen denn deine Eltern dazu? Sie: Die sagen, ich spinne. Da antworte ich: Ich sage das Gleiche. Vielleicht findest du mich jetzt toll, aber in ein paar Jahren ist es jemand anderes – und dann hast du dieses Tattoo. Sie hat es trotzdem gemacht.

Im Video zum Song „Zeitgeist“ betrachten Sie alle möglichen Nachrichtenbilder, Heidi Klum, Krieg in der Ukraine und Putin. Fühlen Sie sich von der Gegenwart erschlagen?

Man wird erschlagen. Und manchmal denkst du: Das ist nicht mehr meine Welt.

Wer im Video auch auftaucht, ist Gerhard Schröder. Medial wurde das als Distanzierung von Ihrem Freund gedeutet. Wie eng war die Freundschaft und wie stark ist der Bruch?

Es gab eine Freundschaft und ich halte Gerhard Schröder immer noch für einen unserer besseren Kanzler. Aber er hat natürlich Dinge gemacht, die ich schwer nachvollziehen kann. Sein Fehler ist, dass er sich nicht wirklich erklärt.

Nehmen Sie ihm ab, dass er vermitteln möchte? Es wirkt so, als würde er einfach seinen Versorgungsposten verteidigen.

Jeder ist verführbar. Und Gerd kommt aus kleinen Verhältnissen. Jetzt hat er sich in eine Abhängigkeit von Putin begeben. Und wer legt sich schon mit Putin an? Ich hätte es intelligent gefunden, wenn unsere Regierung Schröder zum Sonderbeauftragten gemacht hätte. Keiner kommt so nah an Putin ran.

Herr Westernhagen, man kann nicht über Ihre Biografie sprechen, ohne auf die Hamburger WG mit Udo Lindenberg und Otto zu kommen, aus der vieles überliefert ist.

Wir waren damals alle auf dem Sprung, Erfolg zu haben, nur ich noch nicht so. Udo war der Erste, der selbstbewusst zur Plattenfirma ging. (Westernhagen fällt in Lindenbergs Nuschel-Ton.) „Ich geh heut hin und halt den Finger hoch.“ Er wollte eine Million fordern. Wir alle: Spinnst du? Du Idiot! Du hast sie doch nicht alle. Aber er kam zurück und hatte den Vertrag. Damit hat er die Tür für viele andere deutsche Musiker geöffnet. Auch wenn wir damals mehr Platten verkauft hatten als internationale Stars, waren wir eben nur lokale Helden. Das hat sich lange hingezogen. Ich lebte übrigens nicht ständig in der WG, sondern nur, wenn ich einen Schlafplatz brauchte. Ich kam mit nichts nach Hamburg als mit meinem Pelzmantel und meinen blauen Plateau-Schuhen.

Etwa dem Wolfspelz, den das Buch erwähnt?

Nee, wo die Geschichte herkommt, weiß ich nicht. An einen Wolfspelz kann ich mich nicht erinnern. Vergangenheit wird irgendwann zur Fiktion. Jeder erinnert sich an was anderes. Karl Bartos, mein Freund von Kraftwerk, schreibt in seiner Biografie zum Beispiel, wir wären mit einer Ente zu Uschi Obermaier nach München gefahren.

Wie bitte, bei der waren Sie gar nicht?

Doch, aber ich erinnere mich so daran, dass ich im Auftrag meiner Filmfirma nach München gefahren bin. Eine Zeit lang war ich ja Regieassistent und was weiß ich noch alles. Da habe ich dann wirklich bei Uschi und Rainer Langhans gewohnt – genau in der Zeit, als sie ein Verhältnis mit Mick Jagger hatte. Rainer hat damals allen erzählt: Uschi gehört nicht mir; ich habe keine Besitzansprüche. Und dabei hast du dann gesehen, wie wahnsinnig er gelitten hat. Uschi war einfach unglaublich schön – und daneben dann dieser langhaarige, spiddelige Typ. Sie lief wirklich immer nur nackt durch die Wohnung. Morgens bekam man gleich einen Joint reingesteckt, und dann hat Uschi mir beigebracht, wie man Müsli macht. Vor ein paar Jahren habe ich sie noch mal besucht. Es war, als hätten wir uns gestern erst gesehen.

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Als Sie noch unbekannt waren, sollen Sie anonym Kritiken Ihrer eigenen Konzerte geschrieben und bei der „Rheinischen Post“ eingeworfen haben. Stimmt das wirklich?

Das stimmt so was von. Wir wurden nicht beachtet und da musste ich was tun. Also habe ich Kritiken geschrieben, gerade kritisch genug – und dann wurden die gedruckt, das hat mehrfach geklappt.

Haben Sie schon mal daran gedacht, vorsorglich Ihren eigenen Nachruf zu schreiben?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich überhaupt jemand an mich erinnert. Frag mal auf der Straße, wer Bob Dylan war. So ist das halt. Zehn Jahre nach meinem Tod bin ich nicht mehr existent.

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