„Mental Load“: Warum es den Müttern häufig zu viel wird

Mit dem ersten Kind rutschen viele Mütter in die Hausfrauenrolle. Foto: dpa

Trotz Gleichberechtigung und Vätermonaten sind viele Mütter im Dauerstress. Woran das liegt und was man dagegen tun kann.

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. Mentale Überlastung ist ein Begriff, der derzeit bei Müttern und Vätern diskutiert wird. Die Frage stellt sich allen Eltern: Wie bekommt man im Alltag Gleichberechtigung hin?

Das Kind braucht neue Schuhe! Keine Milch mehr da! Und die Packung Windeln ist auch fast leer. Welche Mitgebsel zum Kindergeburtstag? Schulbücher einschlagen. Morgen Reitunterricht. Und nicht vergessen: Elternkochen in der Kita!

Den meisten Müttern raucht der Kopf, und zwar heftig. So viel ist zu bedenken, im Kopf zu behalten, zu organisieren, zu tun. Es ist nicht nur der Zeitaufwand, all die Alltagsaufgaben zu erledigen, es ist auch die große mentale Last, die verhindert, sich entspannen zu können. Sich konzentrieren zu können. Sich auf das Kind, das ganz im Hier und Jetzt verhaftet ist, einzulassen.

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Keine Frage, auch Väter bewähren sich zunehmend im Familienalltag Sie nehmen Elternzeit, machen Väter-Kinder-Ausflüge, bereiten Babybrei zu, lesen vor. Doch den Gesamtüberblick haben sie meist nicht, da können sie sich ganz auf die Partnerin verlassen.

Selbst wenn sie mit dem Nachwuchs allein sind, werden sie per Whatsapp instruiert: „Denk bitte dran, Lena hatte noch kein Frühstück“, „Tims Radbremse ist kaputt, musst du noch vor eurer Tour reparieren“. Abschalten fällt Frau schwer, wenn Frau weiß, dass Mann vieles nicht weiß. Ein Teufelskreis. „Klar, je mehr Frau an alles denkt, umso mehr schaltet Mann ab“, so die Psychologin und Systemische Therapeutin Dr. Friederike Gerstenberg.

Dabei teilen sich Paare ganz selbstverständlich Alltagsarbeit, solange sie noch zu zweit sind und beide arbeiten. „Das alte Rollenmuster wird oft brutal aktiviert, sobald das Baby auf der Welt ist“, sagt Friederike Gerstenberg. In ihrer Privatpraxis im baden-württembergischen Esslingen stellt sich immer wieder dar: Wenn Nachwuchs kräht, orientieren sich junge Mütter am alten westdeutschen Rollenbild. Weil sie mehr zu Hause ist, kümmert sie sich nicht nur mehr ums Kind, sie rackert plötzlich auch weit mehr im Haushalt. Klar geht sie regelmäßig einkaufen – schließlich muss das Baby eh mal an die frische Luft. Und sie übernimmt weitgehend die Putzerei – sie ist ja viel öfter zu Hause.

Rollenverteilung kippt, sobald das erste Kind da ist

So muss sie mehr und mehr den Überblick über alles behalten, ausgenommen die Arbeit des Mannes. Gleichzeitig versucht sie, gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Das heißt: zusätzlich noch Geld verdienen. Das macht die mentale Überlastung perfekt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verdeutlichte in einer Pressemitteilung 2016 den Aufwand, den Frauen betreiben, mit Zahlen: Sogar Frauen, die selbst in Vollzeit arbeiten, wenden an einem Werktag durchschnittlich gut drei Stunden mehr Zeit für Hausarbeit und Kinderbetreuung auf als der Partner.

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Versuche, den Partner zu mehr Mitdenken zu bewegen, scheitern oft. Weil sie im Streit enden. Weil die Ergebnisse dann doch nicht umgesetzt werden. Und auch, weil Frauen es oft schwerfällt, loszulassen. Denn ja, in ihrer Sicht auf die Welt machen sie es einfach besser, nahezu perfekt.

Mama gelingt es, dem Kind genügend Vitamine am Tag zu verabreichen. Bei Mama ist das Kleine auch besser gelaunt. Und es kommt täglich an die frische Luft – mit dem richtigen Lichtschutzfaktor. Friederike Gerstenberg: „Frauen betreiben oft Gate-Keeping – zu deutsch Tor-Wache: Sie glauben zu wissen, wie es geht. Und es fehlt Vertrauen, dass es auch anders gehen kann. Das kann die Väter ausbremsen.“

Mütter wollen gute Mütter sein, ist die Psychologin überzeugt, die auch aus eigener Erfahrung spricht. Ihre Töchter sind zwei und fünf Jahre alt. „Wir Frauen neigen dazu, wie die eigene Mutter zu handeln, denn wir wollen Kindern geben, was wir selbst hatten. Zum Beispiel, dass Mama am Fenster steht und gekocht hat, wenn die Kinder aus der Grundschule wiederkommen. Offenbar schlagen ganz traditionelle Teile in uns zu.“ Nicht nur Frauen gehe es so, auch Männer seien betroffen. „Oh Gott, jetzt muss ich die Familie ernähren“, gehe vielen Vätern durch den Kopf. „Oft fehlt die Idee vom Vatersein, weil der eigene Vater in der Kindheit wenig präsent war.“

Weil jede Familie unter anderen Bedingungen lebt, müssen Eltern selbst ihren Weg finden. Der Schlüssel zu diesem Weg heißt: miteinander sprechen, so Friederike Gerstenberg. Doch wie lässt sich die mentale Last der Frauen reduzieren, wie lässt sich das Feuer im Kopf löschen? „In meiner Praxis beklagen sich Eltern oft, dass sie keine Zeit für ruhigen Austausch finden. Ihnen fehlt zum Beispiel ein Babysitter“, berichtet Friederike Gerstenberg. Doch es sei effizienter zu schauen, was geht, als was nicht geht. „Vielleicht lässt sich morgens Zeit freischaufeln, wenn die Kinder in der Kita sind.“

Die Basis von allem ist die Paarbeziehung

Nörgeln und Vorwürfe machen führt zu nichts. Stattdessen werden Bedürfnisse und Gefühle benannt. Auch wenn’s schwerfällt, ergibt es durchaus Sinn, zuzugeben: „Ich fühle mich furchtbar überlastet, ich brauche Hilfe.“

Außerdem sollte man besprechen, welche Aufgaben im Alltag anstehen. Und wer übernimmt in Zukunft selbstverantwortlich welchen Teil? Den darf er natürlich prägen, wie er möchte. Heißt: Die Ergebnisse entsprechen nicht immer den eigenen, oft auch zu perfektionistischen Ansprüchen.

„Müttern sollte bewusst sein, dass auch Papa eine außerordentlich wichtige Bezugsperson ist“, erklärt die Psychologin. „Es ist den Kindern also zum Beispiel zuzumuten, dass er sie ins Bett bringt.“ Zudem neigen Frauen dazu, ungefragt Hilfe anzubieten und sich so neue zeitliche und gedankliche Last aufzubürden. Doch tatsächlich lösen sich viele Probleme ganz ohne Zutun. Also: „Einfach mal sitzen bleiben und abwarten“, rät die Psychologin. Wird gefordert, was gerade gar nicht in den Kram passt, gibt es ein Zauberwort. Das heißt: nein. „Nein, ich möchte heute nicht nach den Steuerunterlagen suchen, weil ich müde bin.“

Und Mutter und Vater sind mehr als Familien-Dienstleister. „Kinder sind wichtig, aber die Paar-Beziehung ist die Basis. Deshalb nicht vergessen, in diese Basis zu investieren!“, betont Gerstenberg. „Da muss man sich immer wieder fragen: Was würden wir gern zusammen machen?“

Von Sigrid Schulze