Nero – Künstler auf dem Kaiserthron

Collage: dpa/vrm

Er stieg in die Arena, sang und rang nackt mit Athleten. Mythen zufolge war der römische Cäsar irre – doch hatte der Wahnsinn Methode?

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. In die Geschichtsbücher ist Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus (37-68 n. Chr.) als größenwahnsinniger Despot eingegangen, der seine Mutter meuchelte und seinem Lehrer Seneca den Selbstmord befahl. Rom habe er zum Zwecke der künstlerischen Entfaltung in Flammen aufgehen lassen – was wohl eine Verleumdung war – und den Christen dafür die Schuld in die Schuhe geschoben – was zutraf.

Die moderne Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Es zeigt den jungen Kaiser mal als willenloses Werkzeug einer herrschsüchtigen Mutter, mal als glühenden Verehrer griechischer Kultur. Nur eines scheint niemand so recht für möglich zu halten: dass sein Gehabe auch Kalkül gewesen sein könnte.

Kaiser sollte er werden, lautete das erklärte Ziel von Neros Mutter Agrippina der Jüngeren. Diesem Ziel ordnete sie alles unter, intrigierte, konspirierte und tötete. Immerhin war sie eine Nachfahrin des ersten Kaisers Augustus. Als Schwester des Kaisers Caligula sowie als Nichte seines Nachfolgers Claudius standen ihre Chancen gut, den Spross eines Tages im Purpurmantel zu sehen.

Durch Adoption näher an die Macht

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Noch hieß der Knabe Lucius Domitius Ahenobarbus, benannt nach der Familie seines Vaters. Doch im Jahr 49 heiratete die machthungrige Agrippina ihren wesentlich älteren Onkel Claudius und konnte ihn bald überzeugen, ihren Sohn zu adoptieren und damit seinem eigenen Spross Britannicus gleichzustellen. Nun erhielt Nero den Namen, unter dem ihn die Welt kennenlernen und fürchten sollte.

Seit Augustus im Jahr 27 v. Chr. mit dem Prinzipat (Herrschaft des ersten Mannes) das Kaisertum in Rom etabliert und die Aristokratie entpolitisiert hatte, galten für dieses Amt höchste Anforderungen: Von seinem Inhaber erwartete man militärische Fähigkeiten, aber auch Tugenden wie Milde, Frömmigkeit und Mäßigung. Agrippina stellte Nero deshalb als Erzieher den berühmten Philosophen Seneca zur Seite.

Unglücklicherweise interessierte sich der künftige Herrscher nur bedingt für römische Tugenden. Nach seinem Berufswunsch gefragt, wäre eine Antwort wohl gewesen: Wagenlenker. Seine zweite Leidenschaft galt dem Theater. Die konservative Aristokratenklasse Roms war darüber wenig amüsiert; in ihren Augen galten die entsprechenden Berufsgruppen als verrufen und sozial wenig geachtet. Rom war immer noch ein traditionsbewusster Soldatenstaat.

Doch Seneca, Agrippina und Neros Berater Burrus, der Kommandant seiner Leibgarde, der Prätorianer, hielten den Deckel auf dem Topf. Als Claudius im Jahr 54 starb – Gerüchten zufolge von Agrippina vergiftet – wurde Nero zum Kaiser ausgerufen. Damit stand der 17-Jährige plötzlich an der Spitze des römischen Imperiums. Zunächst benahm er sich, wie man es von ihm erwartete. Doch immer verhasster wurde ihm die Gängelei. Nero begehrte auf, zog mit Freunden nächtens durch die Spelunken, prügelte sich, und begeisterte sich mehr für die Wagenrennen als für sein politisches Amt.

Der Haussegen hing schief im Kaiserpalast und die Fetzen flogen. Selbst in Sachen Ehe entwickelte Nero andere Vorstellungen als seine Mutter. Standesgemäß verheiratet mit Octavia, verliebte er sich bald in die ehemalige Sklavin Acte. Und es sollte noch schlimmer kommen, als sich der junge Kaiser in die ebenso schöne wie ehrgeizige Poppaea Sabina verliebte. Im Jahr 59 ließ Nero seine Mutter ermorden. Nicht nur die Senatoren, auch die Bevölkerung empörte sich. Doch Seneca ließ die Mär verbreiten, Nero sei nur einem Attentat seiner Mutter zuvorgekommen. Nero glaubte sich am Ziel: Endlich Künstler sein! Als Dichter und Sänger bewies er tatsächlich Talent – allerdings entsprachen diese Qualitäten so gar nicht den altrömischen Wertvorstellungen.

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Mehr den schönen Künsten zugewandt als dem Kriegshandwerk, holte sich Nero schon bald nach der Regierungsübernahme den damals berühmtesten Gesangsvirtuosen Terpnus an seinen Hof und ließ sich unterweisen. Eine Kostprobe seines Könnens gab Nero anno 59 bei den Iuvenalia, Bühnenspiele, die er anlässlich seiner ersten Bartrasur ausrichtete. Für Beifall war gesorgt: Dafür hatte der Bühnenkaiser eine Jubeltruppe von bis zu 5000 jungen Männern aus dem Ritterstand rekrutiert. Dieser „Fanclub“ hatte keine militärischen Aufgaben, sondern wurde nur darin geschult, Beifall in unterschiedlicher Intensität zu bekunden.

Bald darauf ließ Nero auf dem Marsfeld ein Gymnasium (vom griechischen gymnazein: „nackt kämpfen“) bauen, damit sich seine Landsleute in den hellenischen Sportarten ertüchtigen konnten. Konservativen Aristokraten missfiel vor allem die Zurschaustellung des unbekleideten Körpers der Athleten. Körperertüchtigung hatte der Militärausbildung zu dienen, die griechische Variante galt als verweichlicht und verdorben. Zu allem Übel machte Nero dieses fremde Treiben nicht nur salonfähig, sondern praktizierte es selbst. So erblickte ihn der Philosoph Demetrios eines Tages im Gymnasium beim Ringen, nackt und von Öl triefend. Ein für den Gelehrten peinlicher Anblick.

Immer stärker spürte Nero, welche Allmacht ihm seine Stellung gab. Unterstützt von willigen Helfern schlug seine Regierung bald in despotische Willkür um. Kritik am Künstler Nero war Majestätsbeleidigung und darauf stand der Tod. Vorsicht war geboten, denn überall in Rom wachten Spitzel. Selbst die Latrinen hatten Ohren. Einmal erleichterte sich der Dichter Lucan dort und zitierte dabei einen Vers des Kaisers: „Es war wie Donner aus dem Bauch der Erde.“ Dieser Scherz kostete ihn das Leben. Rom war zu einem Überwachungsstaat geworden.

Besonders im Bühnenfach versuchte der kaiserliche Mime nun zu glänzen, wobei er besonders tragische Rollen bevorzugte. Er gab den vor Wut rasenden Herkules, schlüpfte aber auch gern in Frauenrollen und mimte auf der Bühne in den Wehen liegende Schwangere. Doch während die hinteren Ränge bei derartigen Darbietungen tobten, machten die Senatoren in den Logenplätzen gute Miene zum bösen Spiel und applaudierten artig.

Selbstverwirklichung statt Politik

Beinhaltete der von Augustus installierte Prinzipat die Idee, der Kaiser sei als Erster unter Gleichen dem Gemeinwohl verpflichtet, zielte Nero vor allem auf Selbstverwirklichung. Während seine Vorgänger zum einfachen Volk Distanz wahrten, demonstrierte der kaiserliche Entertainer Volksnähe.

Neues Licht auf Neros künstlerische Extravaganzen wirft vielleicht auch das bislang wenig beachtete zeitgenössische Gedicht „Laus Pisonis“. Der unbekannte Autor bezeichnet nämlich darin die kriegerische Tüchtigkeit als unzeitgemäß, ein Aristokrat solle besser friedliche Künste üben. Jüngere Forschungen sehen in Neros Bühnenauftritten deshalb nicht nur den Ausdruck seiner künstlerischen Obsession, sondern auch ein wohlkalkuliertes politisches Programm zur radikalen Umwälzung des altrömischen Wertesystems. Nero wäre dann, wie der Religionssoziologe Horst Herrmann vermutet, so eine Art „Kulturrevolutionär auf dem Kaiserthron“ gewesen, der – dem Zeitgeist folgend – gegen die römertümelnde Mentalität des aristokratischen Establishments aufbegehrte.

Damit habe Nero die beharrenden Kräfte Roms gegen sich aufgebracht, die den exzentrischen Despoten postum als „Feind des Menschengeschlechts“ verleumdeten und so für dessen schlechten Presse sorgten, meinte der italienische Journalist Massimo Fini bereits 1994 in seinem Buch „Nero – 2000 Jahre Verleumdung“.

Anno 66 startete Roms Bühnenkaiser eine 16-monatige Tournee durch Griechenland und ging dort 1808-mal bei musikalischen und sportlichen Wettbewerben als Sieger hervor. Doch andernorts im Reich putschten Provinzstatthalter gegen ihren unglaubwürdig gewordenen Herrn. Manch einem erteilte Nero den Suizidbefehl, aber die Stimmung in Rom verschlechterte sich. Zunehmend echauffierte sich nun auch das Volk über einen Kaiser, der wegen der Kunst die Staatsgeschäfte vernachlässigte und monatelang auf seinem Ego-Trip durch die Weltgeschichte tingelte.

Wie sehr Nero den Bezug zur Realität verloren hatte, bewies der Triumphzug, mit dem er wie ein siegreicher Feldherr in Rom einmarschierte – allerdings nicht, wie üblich, mit militärischen Trophäen unterworfener Völkerschaften, sondern mit „musischem Lorbeer“, Hunderten von Siegeskränzen aus der Hand der von den Römern als verweichlicht verachteten Griechen. Damit hatte Nero den Bogen überspannt. Der exaltierte Potentat hatte Tabus gebrochen, Traditionen verletzt und Verhaltensregeln missachtet.

Am 9. Juni 68 fiel der letzte Vorhang für den Bühnenkaiser. Statt sich der Unzufriedenheit im Heer und in Rom anzunehmen, sprach Nero lieber mit seinen Beratern über die Vorteile der Wasserorgel und über seine Absicht, auch als Balletttänzer zu brillieren. Unfähig in dieser Situation die notwendigen Entscheidungen zu treffen, schwand Neros Rückhalt in der Bevölkerung rapide, bis am Ende selbst die Prätorianergarde dem vergnügungssüchtigen Herrscher abschwor und der Senat ihn schließlich zum Staatsfeind erklärte. „Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde“, sollen seine letzten Worte gewesen sein, ehe er sich – erst im zweiten Anlauf und mit Hilfe eines Freigelassenen – den Dolch durch die Kehle stieß.

Mit seinem schwachen Abgang endete das iulisch-claudische Herrschergeschlecht. Generäle kämpften nun um die Macht im Reich. Am Ende ging einer als Sieger hervor, der es einmal gewagt hatte, bei einem der Auftritte Neros einzuschlafen: der Flavier Vespasian.

Von Theodor Kissel