Gastkommentar: Die amerikanische Lebenslüge

Christian Nürnberger. Foto: Nürnberger

Angesichts der Unruhen und Trumps Vorgehen offenbart sich auf brutale Weise der Widerspruch der US-Gesellschaft, findet unser Gastautor Christian Nürnberger.

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. Immer wenn du denkst, schlimmer geht‘s nicht mehr, kommt plötzlich Donald Trump daher und beweist: Doch, es geht immer noch schlimmer. So wie jetzt, wo er doch tatsächlich eine Bibel in die Kameras gereckt hat. Er, der ganz bewusst mit Lüge, Hetze und Hass für seinen Machterhalt kämpft, reklamiert ein Buch für sich, das als „Wort Gottes“ für Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit steht – in einer Situation, in der vor aller Welt die große alte Lebenslüge der USA wieder einmal offenbar geworden ist.

Vor rund zweieinhalb Jahrhunderten, 1776, hat sich dieses Land eine Unabhängigkeitserklärung gegeben und darin feierlich verkündet, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden. Hätten die Schöpfer dieses Textes geschrieben, dass „alle weißen Menschen gleich erschaffen wurden“, wäre es ehrlich gewesen, denn ehe das weiße Land der Freiheit dort errichtet werden konnte, mussten erst einmal die indianischen Ureinwohner Amerikas ihres Landes beraubt und fast vollständig ausgerottet werden. Hundert Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 schickten die Franzosen ein Jubiläumsgeschenk, die Freiheitsstatue. Sie begrüßt Neuankömmlinge bei ihrer Einfahrt in den Hafen von New York mit der Botschaft: Komm nach Amerika, ins Land der Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten.

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Das mit großem Pathos formulierte Versprechen ist eingraviert in eine Bronzetafel am Podest der Freiheitsstatue: Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren.

Martin Luther Kings Vision

Für jene 15 bis 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder, die zwischen 1536 und 1848 in Afrika zu Sklaven gemacht und in die Neue Welt verschifft wurden, hatte das Land der Freiheit ein ganz anderes Schicksal parat. Sechs Millionen von ihnen sind nie angekommen, weil schon auf der Überfahrt gestorben. Wer zu entkommen versuchte und ins Meer sprang, wurde ein Opfer der Haie, die angelockt wurden, weil die Händler nicht selten Schwache und Kranke ins Meer warfen. Wer unter 60 Kilogramm wog, wurde wie ein Tier gemästet, bis er das Idealgewicht erreicht hatte. Der Preis eines Sklaven richtete sich bei Männern nach der Muskulatur; Frauen wurden nach ihren Brüsten und Kinder nach dem Gebiss taxiert.

Das Los der Nachkommen dieser Sklavengenerationen war Missachtung. Lebenslang sind sie von den Nachkommen der Sklavenhalter als Menschen zweiter Klasse behandelt worden. Aber dann machten die Nachkommen der Sklaven eine Entdeckung: eben jene feierliche Verkündung der Gleichheit aller Menschen. Die Schwarzen konnten den Weißen jetzt sagen: Da steht es, in eurer eigenen Gründungsurkunde. Aber zwischen dem, was da steht, und dem, was unsere Lebenswirklichkeit ausmacht, klafft eine gewaltige Lücke. Sie muss geschlossen werden.

Sie wird geschlossen werden, verkündete Martin Luther King am 28. August 1963 vor mehr als 250 000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C.. Die Rede hat Geschichte gemacht unter dem Wort „I have a dream“. Darin formulierte er seine Vision von einem Land, in dem Menschen aller Hautfarben freundlich und friedlich miteinander arbeiten und leben können. Er berief sich in dieser Rede nicht nur auf die Verfassung, sondern immer wieder auch auf die Bibel.

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Trump instrumentalisiert die christliche Bortschaft

Damals, als der auf Ausgleich, Freiheit, Versöhnung und Gerechtigkeit bedachte Martin Luther King die Bibel in der Hand hielt, transportierte das Bild davon Wahrheit, die Übereinstimmung von Leben, Wort und Tat. Wenn der Zyniker im Weißen Haus heute mit der Bibel herumfuchtelt, dann tut er, was schon viele vor ihm getan haben und immer noch tun: Er instrumentalisiert die christliche Botschaft für seine Zwecke, trampelt auf ihr herum, verkehrt sie ins Gegenteil, zerstört Wahrheit.

George Bernard Shaw soll einmal gesagt haben: „Man nennt mich allenthalben einen Meister der Ironie, aber auf die Idee, ausgerechnet im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre nicht einmal ich gekommen.“ Seine Ironie war schon damals bitter. Und ist heute bitterer denn je.

Von Christian Nürnberger