Gastkommentar von Dirk Metz zu den Volksparteien

Schluss mit der Sprachlosigkeit: "Wer als Politiker mutig ist und Klartext spricht, wird gehört - und bestimmt die Debatte", sagt Dirk Metz.

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. Zu den "Fridays for Future"-Protesten hat Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble den natürlich nur launig gemeinten Hinweis gegeben, notfalls müsse man halt den samstäglichen Schulunterricht wieder einführen. Tatsache ist, dass die Volksparteien weder auf diese Proteste noch auf das Video eines Youtubers eine von Inhalt und Form her akzeptable Antwort gegeben haben. Doch die Sprachlosigkeit treibt nicht nur die Jungen um, sondern auch Eltern und Großeltern. Auf die Frage, welche Partei die besten Antworten auf Zukunftsfragen habe, antworteten laut ARD-Deutschlandtrend 45 Prozent "keine Partei", weit dahinter die Grünen mit 27 Prozent und die Union mit 12 Prozent. Nur jeder 50. Befragte nannte die SPD.

Klar ist: Wer die Meinungsführerschaft beansprucht, wer erfolgreich für sich werben will, muss Diskussionen ermöglichen, Positionen entwickeln und diese verständlich an Mann und Frau bringen. Hauptsache, es kommt mal was Inhaltliches, würde mancher polemisch sagen. Den Europawahlkampf haben beide großen Volksparteien jedenfalls faktisch inhaltslos geführt, während die Grünen - ohnehin Alternative zum bedrückenden Bild Berlins - auf der Zuschauertribüne zusätzlich vom Protest profitiert haben.

Parteien sollen sich nicht von Youtubern, Demonstrationen und Umfragen treiben lassen. Junge Leute waren und sind ungeduldig und erwarten für Probleme die Lösung gerne lieber gestern als heute, aber auf keinen Fall erst morgen. Aber auch jenseits der 30 herrscht Unzufriedenheit. Begriffe wie Machbarkeit und Sachzwänge hören viele Menschen ungern. Politik ist und bleibt aber kompliziert. Gerade Volksparteien müssen unterschiedliche Interessen und Sichtweisen in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Das muss keine Schwäche, sondern sollte eine Stärke sein. Sie müssen und könnten den schwierigen Spagat zwischen "Rettung der Welt" und dem Schutz von Arbeitsplätzen so hinbekommen, dass uns nicht alles um die Ohren fliegt. Ob Menschen das hören wollen weiß ich nicht, aber warum wird es nicht mal versucht? Warum zeigen Volksparteien nicht auf, wie sie abwägen - als Alternative zu jedem Populismus, welchem auch immer? Vielleicht hat man nicht gleich die flotte Lösung, gewinnt aber den Respekt Andersdenkender, weil man mit guten Argumenten und gutem Gewissen um den besten Weg ringt.

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Gerade mit jungen Menschen, der technikaffinsten Generation, die wir je hatten, könnte Politik übrigens darüber sprechen, wie sich Probleme mit moderner Technik und auch mit schnelleren Verfahren lösen ließen. Nur so am Rande: Nicht alles im Netz ist Trash und Hass. Der Youtube-Kanal mit den meisten - und insbesondere jungen - Abonnenten in Deutschland ist einer, der Bildungsvideos hochlädt - zur EU genauso wie zu Robotern, zu psychologischen Themen oder zum Impfen. Warum rufen Parteien nicht zum Ideenwettbewerb auf. Die mit den spannendsten Ideen sollten aktiv eingeladen werden. Da mag auch Verrücktes oder Unrealistisches dabei sein - na und.

Dass die Mehrheitsverhältnisse unübersichtlich geworden sind, jeder mit jedem irgendwo in Koalitionen steckt und niemand sich mit irgendjemandem wirklich anlegen will, trägt zum starren Bild der Politik bei. Und sicher mag auch der drohende Dauerbeschuss im Netz ein Grund sein, weshalb sich Politiker in weichgespülten Aussagen üben. Ich behaupte: Wer mutig ist und Klartext spricht, wird gehört - und bestimmt die Debatte. Dauerhafte Sprachlosigkeit ist jedenfalls keine Option.

In einem Land, in dem sich viele alte Bindungen aufgelöst oder gelockert haben, gibt es heute für keine Partei einen dauerhaften Anspruch, zu regieren. Die Volksparteien mit ihren vielen Mitgliedern und der Verwurzelung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sollten eigentlich ein Gespür dafür haben, was gerade passiert. Ob sie merken, dass es Fünf vor zwölf ist? Der Blick auf die denkbaren Szenarien der nächsten Monate macht leider nicht optimistisch.

Von Dirk Metz