Gastkommentar von Michel Friedman: Wahrheit in Corona-Zeiten

Michel Friedman. Foto: Nicci Kuhn

Warum die Suche nach der Wahrheit das wahre Geschenk des Menschseins ist – eine Abrechnung mit den unsichtbaren Hetzern aus dem Netz, die nun ihr wahres Gesicht zeigen.

Anzeige

REGION. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, behauptet die großartige Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Mit dem Wort „zumutbar“ beschreibt sie die Herausforderung und Kompliziertheit, oft auch den Schmerz und die Unbequemlichkeit der Wahrheit. Wahrheiten verändern sich. Der große Maler da Vinci sagt: „Die Wahrheit war immer nur eine Tochter der Zeit.“ Das Besondere an der Wahrheit ist, dass sie dynamisch und nicht statisch ist. Wer von ewigen absoluten Wahrheiten spricht, macht sich zu Recht verdächtig.

Wahrheit ist nicht vom Glauben bestimmt, sondern vom Wissen und dem Nachdenken darüber. Wer heute behauptet, die Sonne dreht sich um die Erde, ist ein Lügner und Betrüger, weil wir es besser wissen. Wer behauptet, es gäbe die Schwerkraft nicht, ist ein Lügner und Betrüger, weil wir es besser wissen. Jedenfalls für heute. Deswegen plädiert der französische Schriftsteller André Gide dafür: „Vertrauen Sie denen, die die Wahrheit suchen, und misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.“

Plötzlich ist alles in Frage gestellt

Die Wahrheit suchen ist der Wesenskern der Wissenschaft und der Wissenschaftler. Sie suchen nach dem Neuen und suchen nach den Beweisen, ob das Neue Erkenntnis oder Sackgasse ist. Während der letzten Wochen haben wir erleben können, wie großartig es sich anfühlt, wenn diese Wissenschaftler in einem permanenten öffentlichen Erkenntnisprozess uns vermitteln konnten, dass das Wissen der Menschen immer noch äußerst begrenzt ist, dass Thesen und Erkenntnisse sich schnell als Irrtum erweisen können. Dass dies aber nicht demotivierend ist, sondern im Gegenteil: dass offen mit der Lücke und der Schwäche umgehen können, um erneut einen weiteren Schritt zu gehen, die Voraussetzung für intelligentes Handeln ist.

Anzeige

Die Corona-Pandemie ist für Millionen Menschen ein existenzieller Schock, den die meisten in dieser allumfassenden Wucht noch nie erlebt haben. Plötzlich ist alles in Frage gestellt. Der bisher erlebte Alltag (mit all seinen Schwierigkeiten) wurde über Nacht abgeschaltet, Undenkbares wurde Realität, Volkswirtschaften wurden abgestellt, Freiheitsrechte eingestellt, Selbstverständlichkeiten wurden zu etwas Besonderem. Existenzangst nicht nur in der Frage um Leben und Tod, sondern auch ökonomische und soziale Ängste wuchsen. Die Grundsatzfrage leuchtete in Neonfarben auf: Was ist uns das Leben wert, die Gesundheit? Und welchen Preis sind wir bereit, dafür zu zahlen? Und ist diese Frage nicht bereits eine ambivalente, ein Dilemma?

Verführen Menschen mit ihren Weltverschwörungstheorien

Seit einigen Tagen schreien, brüllen uns Menschen ihre Antworten auf diese Fragen entgegen. Die bisher unsichtbaren Menschenverachter, Demagogen, Lügner. Die unsichtbaren Hetzer aus der Netzwelt reisen in die reale Welt. Sie zeigen ihr wutverzerrtes Gesicht, sie mischen sich mit Impfgegnern, Systemverachtern, Rechts- und Linksextremisten. Sie nutzen eine furchtbare Krankheit aus, um mit ihren Weltverschwörungstheorien Menschen zu verführen. Sie werden unterstützt von Diktaturen, die mit ihren Bots diese Bewegungen verstärken und deren Ziel es letztendlich ist, die freien Gesellschaften zu zerstören.

Die berechtigte Diskussion, die übrigens die Voraussetzung ist, sich Wahrheiten zu nähern, das kritische Hinterfragen, das öffentliche Streiten, hat mit diesen „Zombies“ aus dem Netz nichts zu tun. Auf der einen Seite die, die mit Emotionen, antisemitischen Vorurteilen und Sündenbock-Fantasien rumpalavern – auf der anderen Seite die verantwortungsvolle Debatte, das Argument, das Zuhören, die Vernunft, die Logik.

Anzeige

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“: Ingeborg Bachmann hat recht. Ich füge dem hinzu: Die Suche nach ihr ist das wahre Geschenk des Menschseins.

Von Michel Friedman