Eine Kennenlernfahrt mit dem McLaren 570S

aus Im Auto Mobil

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Der 570S gehört zur McLaren Sports Series, die nach Angaben des Herstellers "erschwinglichste Modellreihe". Einigermaßen nett ausgestattet werden für den 570S dennoch um die 200.000 Euro fällig. Foto: Torsten Boor

McLaren verbindet man eigentlich mit dem Formel-1-Motorsport. Die Marke schafft es aber auch, im Pkw-Bereich Fuß zu fassen. 3300 Supersportwagen fertigte die Autoschmiede im...

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. Eigentlich ist es ja so: Wenn man als Angestellter sein Tagewerk vollbracht hat, hält einen eigentlich nichts mehr in der Nähe des Arbeitsplatzes. Strammen Schritts geht es in Richtung Auto, Fahrrad oder öffentliches Verkehrsmittel, um den wohlverdienten Feierabend zu genießen. An diesem späten Nachmittag aber ist alles anders. Auffallend viele Kolleginnen und Kollegen auf dem Weg nach Hause haben es überhaupt nicht eilig, das Bürogebäude hinter sich zu lassen, stehen im Eingangsbereich – und staunen. Denn vor dem Haus hält eine automobile Rarität Hof, ein McLaren 570S, giftgrün lackiert, die Flügeltüren weit geöffnet.

Eine Einladung, die man nicht ausschlagen kann

Morgens hatte der für den deutschsprachigen Raum zuständige PR-Berater der britischen Supersportwagenschmiede eine Mail geschrieben. Er sei mit dem 570S bei Terminen im Rhein-Main-Gebiet unterwegs und könne kurz vorbeischauen. Ob man Lust auf eine Kennenlernfahrt mit dem Supersportwagen hätte? Eine solche Frage einem Autofan zu stellen ist ungefähr so, als würde man einem Lottospieler anbieten, die Gewinnzahlen des kommenden Wochenendes schon jetzt verraten zu wollen.

Apropos Lottozahlen: Wer ein – siehe oben – normales Angestelltenleben führt, ist schon auf einen Lottogewinn oder eine Erbschaft angewiesen, wenn es mehr als nur eine Kennenlernfahrt mit dem 570S sein soll. Der Wagen gehört zu McLarens Sports Series, die der Sportwagenhersteller im Pressetext als erschwinglichste Modellreihe (darüber positioniert sind noch die Super Series und die Ultimate Series) beschreibt. Das mit dem „erschwinglich“ aber – man ahnt es – ist relativ. Der Einstiegspreis des 570S liegt bei 185.400 Euro, so, wie der Wagen vor dem Eingang des Verlagsgebäudes steht, mit Karbonverzierungen noch und nöcher, geht der Preis langsam, aber sicher in Richtung der Viertelmillionenmarke. Nicht schlecht für einen typischen Zweitwagen. Ja, richtig gelesen: Zweitwagen. Die überwiegende Zahl der McLaren-Kunden, so erzählt PR-Consultant Frank Steffling, während er den 570S in Richtung A63 steuert, hat noch einen oder mehrere andere Wagen im privaten Fuhrpark. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel. Steffling erzählt von einem McLaren-Käufer, der sich einen Wunschtraum erfüllte und sein gesamtes Erbe in ein Fahrzeug der Marke investierte. Allerdings musste der arme Mann bald darauf feststellen, dass es mit der Entrichtung des Kaufpreises nicht getan ist, Stichwort Unterhaltskosten.

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Im 570S sitzt man erstaunlich bequem

An mangelnder Alltagstauglichkeit des 570S liegt es sicherlich nicht, dass der Wagen in den meisten Autobesitzerfamilien kein Einzelkind bleibt. Hat man sich erst einmal in die „Flunder“ hineingezwängt, sitzt man erstaunlich bequem – und auch der Fahrkomfort lässt lange Strecken als keine übergroße Herausforderungen erscheinen. Vorausgesetzt natürlich, man setzt den Fahrmodusschalter auf die Stufe „Normal“.

Das aber ist natürlich nicht der Sinn einer Kennenlernfahrt. Also wählen wir die Einstellung „Sport“ - und dann geht es schon gehörig zur Sache. 570 PS und 600 Nm übersetzt der McLaren 570S in eine Beschleunigung von 3,2 Sekunden von Null auf 100 und von 9,5 Sekunden von Null auf 200. Schluss ist da natürlich noch lange nicht: Der 3,8-Liter-Doppelturbo-Mittelmotor treibt den Boliden auf eine Höchstgeschwindigkeit von 328 km/h. Heißt es jedenfalls im Datenblatt – im Feierabendverkehr auf der A63 können wir froh sein, wenn wir ab und zu mal ein freies Stück linke Spur erwischen, um – wrooooooooom – in gefühlt nullkommanix von 70 auf 170 zu beschleunigen. Die Elastizität sei das große Plus des 570S, erklärt Steffling. Man könne mit dem Wagen entspannt mit 120, 130 km/h auf der Autobahn dahingleiten – und dann sekundenschnell auf Rennfahrertempo beschleunigen. Aus jedem Tempo heraus schier endlos viel Schub bis mindestens 280 km/h – das ist es, was die McLaren-Kunden wollen.

Der Wagen gibt dem Weltklima sicherlich nicht den Rest

Was uns natürlich zu der beinahe schon philosophischen Frage bringt: Wer braucht eigentlich so ein Auto? Die ernüchternde Antwort. Niemand natürlich. Braucht man aber Zigarren für 50 Euro das Stück, Wein für 500 Euro die Flasche? Anzüge für 5000 Euro? Eine Küche für 50.000 Euro? Natürlich lässt sich nicht wegdiskutieren, dass der 570S schon bei entspannter Fahrweise um die zwölf Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrennt (gibt man den 570 Pferden die Sporen, können es laut Steffling auch 20 oder gar 30 Liter je 100 Kilometer sein). Da der Bolide aber nicht als Alltagsauto eingesetzt wird und es auch nicht gerade Millionen davon gibt, ist die Flottenlaufleistung durchaus überschaubar und wird dem Weltklima nicht den Rest geben. (Wer das anders sieht, sollte, um nur ein Beispiel zu nennen, auch den Zeitfahrwettbewerb bei der Tour de France abschaffen, bei dem vor jedem der fast 200 Radler zwei Motorräder den Weg sichern und jeweils mindestens ein Begleitfahrzeug dem Velofahrer folgt.).

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Mit dem 570S sind wir eindeutig die Exoten auf der A63. Die meisten Autos, die sonst eine Dauernutzungsberechtigung für die linke Spur im Handschuhfach haben, machen dem Boliden bereitwillig Platz, einige wenige Zeitgenossen ziehen mit ihren Wägelchen ohne Grund mit Tempo 110 auf die linke Spur, wohl um zu zeigen, was sie von Sportwagenfahrern im Allgemeinen und dem giftgrünen McLaren im Besonderen halten (oder ist es das britische Nummernschild?). Wer auf derlei mobile Verkehrshindernisse dauerhaft verzichten will, hat wohl nur eine Chance: Rennstrecke mieten und den Boliden mal ordentlich ausfahren – im superscharfen „Track“-Modus, versteht sich, mit noch direkterer Gasannahme und aggressiveren Schaltkennlinien.

Sound kündigt die Rückkehr im Verlag an

Der Sound übrigens ist schon im „Normal“-Modus beeindruckend. Und so wissen die Kollegen, als wir mit dem 570S wieder beim Verlag vorfahren, dass ich wieder da bin, noch bevor ich ausgestiegen bin. Zurück am Schreibtisch, mache ich sofort das E-Mail-Programm auf. Hat Spaß gemacht, die Kennenlernfahrt, schreibe ich, Wiederholung jederzeit gerne wieder. Wenn es nicht zu viel Mühe macht, gerne auch mit dem großen Bruder des 570S, dem 720S. Der hat, erraten, 720 PS, 770 Nm, beschleunigt in 2,9 Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde und fährt maximal 341 km/h schnell.