Im Auto mobil… in Kopenhagen und Südschweden

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Der S 500 Plug-in Hybrid in Malmö. Innerhalb von Stadtgrenzen versucht die intelligente Bordelektronik, die Luxuslimousine nach Möglichkeit rein elektrisch anzutreiben. Foto: Mercedes

Die S-Klasse gibt es jetzt auch als Plug-in Hybrid. Ein Fahrzeug der absoluten Luxusklasse kombiniert mit nachhaltigem Energieeinsatz - das ist alles andere als ein Widerspruch,...

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. "There are nine million bicycles in Beijing" sang Katie Melua mit ihrer unvergleichlich träumerischen Stimme. Die georgisch-britische Sängerin sollte einmal Kopenhagen einen Besuch abstatten. Die absolute Zahl der Drahtesel ist zwar naturgemäß geringer als die in der zig-mal größeren chinesischen Metropole, es wirkt aber so, als seien in der dänischen Hauptstadt mehr Rad- als Autofahrer unterwegs. Vielleicht ist dieser Eindruck gar nicht so falsch. Mehr als jeder dritte Einwohner der Stadt pendelt auf zwei Rädern zur Arbeit, täglich werden, weiß zumindest Wikipedia, 1,27 Millionen Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Und ausgerechnet hier lädt Mercedes zu Probefahrten mit dem extremsten Kontrast zu einer Fortbewegung mit Muskelkraft auf zwei Rädern ein, der langgezogenen S-Klasse? Na denn los!

Anschluss an handelsübliche Steckdose

Schon bei der Fahrt vom Flughafen in die City stellt sich heraus: So willkürlich, wie es zunächst scheint, ist Kopenhagen tatsächlich nicht gewählt, um die Luxuslimousine mit dem Stern in Szene zu setzen. Es handelt sich nicht. wobei diese Wortkombination an sich schon gewagt ist, um eine x-beliebige S-Klasse, sondern die erste, die den Namenszusatz Plug-in Hybrid trägt. Auch wenn ich hier vielleicht Eulen nach Athen trage: Ein Plug-in Hybrid zeichnet sich gegenüber einem "normalen" Hybriden dadurch aus, dass der Strom für die Batterie des fahrzeugantreibenden E-Motors nicht nur durch Rekuperationsmaßnahmen wie Bremsrückgewinnung in den Akku gelangt, sondern auch durch Anschluss des Fahrzeuges an eine handelsübliche Steckdose. Im Vergleich zu einem Hybriden herkömmlicher Bauart erhöht sich dadurch die Reichweite, die man mit rein elektrischem Antrieb zurücklegen kann.

E-Reichweite: 33 Kilometer

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Im Fall der S-Klasse sind das - theoretisch zumindest - 33 Kilometer. Das reicht - auch praktisch -, um ohne Verbrennungsmotorunterstützung vom Flughafen in die Stadt zu fahren. Und hier kommen nun die Fahrräder ins Spiel. Naturgemäß erzeugt die elektrisch dahinschnurrende S-Klasse keine Motorgeräusche. Muss ich jetzt also dreifach und vierfach aufmerksam sein (doppelt ja sowieso, denn die Radfahrer sind, wie es in der Mercedes-Begrüßungsansprache warnend heißt, den Autofahrern mindestens gleichberechtigt, mitunter sogar bevorzugt), damit ich nicht einen auf Geräusch fahrenden Zweiradler in Gefahr bringe?

Parkende Autos als Trennlinie

Die Sorge ist, wie sich zeigt, unbegründet. In den meisten Fällen haben Auto- und Radfahrer getrennte Spuren, die in den Nebenstraßen sogar noch durch die parkenden Fahrzeuge voneinander abgetrennt werden. Zu kritischen Situationen kann es also eigentlich nur beim Einbiegen kommen. Da aber macht es keinen Unterschied, ob ich mit dem surrenden S-Klasse-Hybrid oder einem wummernden Zwölfzylinder unterwegs bin. Gefühlt ein Drittel der Radfahrer hat Kopfhörer so groß wie halbierte Wassermelonen über die Ohren gestülpt, ein weiteres Drittel fährt einhändig, während es mit der anderen Hand das Handy ans Ohr hält und nur der Rest zeigt ein gewissen Grundinteresse an dem, was auf der Straße vor sich geht. Dafür kann ich in meine "Das-habe-ich-noch-nie-gesehen"-Liste einen weiteren Eintrag machen: Zum ersten Mal werde ich in Kopenhagen Zeuge eines Fahrradfahrer-Staus. Auf dem Radweg reihen sich die Drahtesel-Fahrer auf einer Länge von fast einem Kilometer, weil eben an der Ampel bei Grün deutlich weniger Räder durchkommen, als von hinten nachrücken. Ich bin auf der Autospur an besagter Ampel bei der zweiten Grünphase mit dabei. Ha!

Ein Superlatib findet sich immer

Aus Kopenhagen heraus geht es nach Südschweden. Die Fahrt über die Öresundbrücke ist wie jedes Mal ein Erlebnis. Zusätzlich lerne ich diesmal, dass es die weltweit längste Schrägseilbrücke für kombinierten Straßen- und Eisenbahnverkehr ist. Es lebe der Superlativ - auch wenn er erst durch den individuellen Zuschnitt der Kategorie entsteht. Ausgerechnet in Südschweden scheitere ich das erste Mal mit meinem Wettkampf, den ich, egal wo in Europa ich mich gerade aufhalte, gerne mit meiner Begleitung spiele: Wer sieht die erste Ikea-Filiale? Meistens ist die Angelegenheit nach spätestens einer halben Stunde entschieden, wenn man nicht bereits beim Landeanflug beinahe das Dach der blaugelben Möbelhäuser abrasiert. Vielleicht exportieren die Ikea-Macher ihre gesamten Produkte ins Ausland, sodass für die Heimat nichts mehr übrig bleibt. Es gibt jedenfalls während der ganzen Fahrt keine einzige Ikea-Sichtung!

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Vorausschauendes Energiemanagement

Aber es geht ja auch um die S-Klasse als Plug-in Hybrid. Die Schwaben sind weder die ersten, die ein Hybrid-Fahrzeug auf den Markt bringen (bitte beachten: eine elegante Umschreibung dafür, dass die komplette deutsche Autoindustrie bei der Hybridisierung jahrelang hinterlief), noch Pioniere in Sachen Plug-in Hybrid. Bei der Vernetzung von Fahrzeugintelligenz und Hybridtechnik aber macht Mercedes so schnell niemand etwas vor. Die Schwaben haben einen Algorithmus entwickelt, der dafür sorgt, dass die aus Platz- und Gewichtsgründen begrenzte Kapazität der Batterie optimal ausgenutzt wird. Anders als bei anderen Systemen (ich nenne keine Herstellernamen), bei denen Energie gewonnen wird, wenn man Energie gewinnen kann, und elektrisch gefahren, wenn der Akku geladen genug ist, wird bei Mercedes das Hybrid-System in Abhängigkeit von der Fahrtstrecke eingesetzt. Vorausgesetzt, der passende Modus ist eingestellt und das Ziel ins Navi eingegeben, erfolgt die Ladung der Batterie und Nutzung des E-Motors vorausschauend. Was das heißt, erlebe ich vor der aufstrebenden Universitätsstadt Lund. Obwohl der Akku genug Energie gespeichert hat, um mal wieder einige Kilometer elektrisch zu fahren, setzt das System zehn, 15 Kilometer vor Lund ausschließlich auf den Verbrenner. Beim Passieren des Stoppschilds wird dann ebenso automatisch in den E-Modus gewechselt. Einer der Parameter, der dem - natürlich in seiner Gesamtheit streng geheimen Algorithmus - zugrunde liegt, ist, dass in Stadtgrenzen möglichst mit E-Antrieb gefahren wird.

Beeindruckender Effizienzgewinn

In einer Präsentation werden uns zwei Kurven gezeigt. Die untere definiert die Sprit-Einsparpotenziale, wenn man ohne aktiviertes Navi fährt, die obere jene, wenn das Auto weiß, wo der Fahrer hin will. Der Abstand zwischen den beiden Kurven ist nichts anderes als beeindruckend. Man kann es gar nicht oft genug betonen: Der Fahrer braucht, um diese Einsparergebnisse zu erzielen, nicht vorausschauender zu fahren, als er es - hoffentlich - ohnehin schon tut. Die Elektronik kümmert sich komplett um die Hybrid-Optimierung. Überhaupt weist eigentlich nur der Schriftzug "Plug in Hybrid" darauf hin, dass man in einem entsprechenden Fahrzeug unterwegs ist. Und das ist vermutlich das größte Lob, das man den Daimler-Ingenieuren machen kann.