Im Auto mobil…in der Toskana

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Gleich geht es los, mit 585 PS durch die Toskana. Dass uns trotzdem die Kleinlaster überholen werden, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Foto: Mercedes

Ein Auto ist dazu da, auf dem schnellsten Weg von A nach B zu kommen? Blödsinn. Manchmal ist einfach auch der Weg das Ziel, wird es zum Genuss, über herausfordernde Strecken,...

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. Ich muss meinem Beifahrer Klaus (Name zum Schutz des Betroffenen geändert, in Wirklichkeit heißt er Hans) jetzt wohl die Wahrheit sagen: Anders als behauptet war die Fahrt durch die sanft-hügelige Toskana von den optischen Eindrücken her ganz und gar nicht langweilig. Lassen Sie mich erklären: Hans kommt mir also bei der Fahrzeugausgabe mit Leichenbittermiene entgegen. "Du musst die ganze Strecke fahren", sagt er und hält seine Brille hoch, in der ein Glas fehlt. "Herausgefallen, beim Putzen." Weil ausgerechnet die Sehhilfe des besseren Auges fehlt, bekommt Klaus/Hans schnell Kopfschmerzen und muss die Augen schließen. Ehrensache für den Fahrer, dass er mehr als einmal kund tut, man verpasse optisch ohnehin nichts. Ist aber leider gelogen.

585 PS und 900 Nm

Immerhin bleiben für Autofan Klaus/Hans andere Sinnesreize. Es geht nicht mit einem Fiat 500 oder einem Renault Kangoo auf Tour, sondern mit dem luxuriös-stärksten Wagen, den die Mercedes-Tochter AMG derzeit zu bieten hat: einem S63 Coupé. 430 kW/585 PS kommen aus dem 5,5-Liter V8-Biturbo-Aggegrat, das mit Motor nur unzureichend beschrieben wäre und deshalb wohl besser Triebwerk genannt werden sollte.900 Nm beschleunigen den schnellsten Stern unter dem Himmel in 4,3 Sekunden, in der 4matic-Allradantrieb-Version in 3,9 Sekunden, auf 100 km/h. Bei 250 km/h ist Schluss, aber nur weil das die abregelnden Ingenieure so festgelegt haben. Sonst wäre man wahrscheinlich in einer knappen Stunde von Florenz aus in Neapel…

Grau ist alle Theorie

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Aber leider zeigt sich wieder einmal, dass alle Theorie grau ist. Durch die malerische Landschaft geht es nur einigermaßen langsam voran. Die Italiener haben offensichtlich bei Ebay eine Ladung Tempo-50-Schilder günstigst erstehen können. Die nämlich stehen fast auf der ganzen Strecke - außer in den Ortschaften, wo sie durch die blechernen Kollegen mit der "30" darauf abgelöst werden. Der S63 AMG reagiert ganz offensichtlich beleidigt auf die Unterforderung, die es wahrscheinlich erlauben würde, sieben der acht Zylinder abzuschalten (bevor jetzt die Ingenieursreaktionen kommen: Ich weiß, dass das nicht geht!). Die Maschine ist allerdings Profi genug, sich das nicht anmerken zu lassen - einzig das Head-Up-Display zeigt fast anklagend, dass die PS-Kanone im dritten oder höchstens vierten Gang des Siebengang-Sportgetriebes unterwegs ist.

Sogar Kleinlaster überholen uns

Wir können nur hoffen, dass unser Testfahrzeug nicht mit jener Stereokamera ausgestattet ist, die die Strecke im Voraus analysiert und unter anderem die Dämpfung darauf ständig neu anpasst. Was diese Kamera sehen würde, kann dem Bordcomputer gar nicht passen. Ständig werden wir, die wir mit fast noch regelkonformen 60, 65 km/h unterwegs sind, überholt. Vom Panda, von Mitsubishi-Modellen, die aus einer Zeit stammen, als Twix noch Raider hieß, sogar von kleinen Lastwagen. Die Tempo-50-Schilder scheinen ebenso wie die, auf denen ein stilisiertes rotes neben einem schwarzen Auto zu sehen ist (genau: Überholverbot) für Einheimische nicht zu gelten. Wir würden gerne glauben, dass sich die Italiener nur den Frust über das frühzeitige Ausscheiden bei der WM von der Seele rasen, wissen aber vom Vortag (und damit der Zeit, als sich die Tifosi noch einen Sieg erst gegen Uruguay und dann gegen die Achtel-, Viertel-, Halbfinal-Gegner und natürlich den Sparringspartner im Endspiel ausmalten), dass die Fahrweise völlig unabhängig ist von Fußball-Großereignissen, den Jahreszeiten oder dem Stand des Mondes. Vielleicht kommt ja die Redewendung, dass man einen heißen Stiefel fahre, ursprünglich aus Italien. Zur Ehrenrettung der Organisatoren, die die Strecke ausgewählt haben: Wahrscheinlich hätte sie noch einmal so viel Spaß gemacht, wenn man die unzähligen Kurven entsprechend engagiert angegangen wäre. Mit einem Beifahrer, der die Augen geschlossen hält, ist das, da wird jeder Autofahrer zustimmen, aber nur bedingt eine gute Taktik.

Erfinder der zusätzlichen Fahrspur

Was die Mercedes-Macher jedoch bewogen hat, die Testfahrt nicht in freier Landschaft, sondern mitten in Florenz enden zu lassen, werden sie wohl nie verraten. Beim Chauffieren des mindestens 170.586 Euro (und 50 Cent, aber die lässt der Verkäufer sicher nach) teuren Luxus-AMG durch die chronisch verstopfte Stadt schwitze ich buchstäblich Blut und Wasser. Die Erfinder der zusätzlichen Fahrspur (das ist jene, die nicht eingezeichnet ist, sondern einfach durch Drängeln entsteht, weil die Zahl der definierten Spuren nicht ausreicht) zeigen sich als nicht interessiert, andere Errungenschaften wie etwa das Reißverschlussprinzip vor Baustellen anzuerkennen. Da wird sich in Lücken gequetscht, in denen allenfalls der Verbandskasten Platz hätte, da wird mit einer Leidenschaft um jeden Zentimeter gekämpft, der den Spielern gegen Uruguay am Vorabend problemlos den Sieg gebracht hätte. Und dann die Kreisverkehre! Aus dem Nichts taucht plötzlich ein Bus rechts neben mir (unnötig zu erwähnen: Ich fahre auf der rechtesten Spur, trotzdem findet da noch jemand Platz, viel Platz) auf, während sich links ein Motorrad zwischen mir und meinem linken Nebenfahrer hindurchzwängt. Der Wahnsinn!

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Keine zusätzliche Runde bitte!

Aber auch der hat ein Ende. Irgendwann ist das Ziel erreicht, Klaus/Hans wird zum nächsten Optiker geleitet und kommt Minuten später mit einer intakten Brille wieder. Er ist klug genug, nicht zu fragen, ob wir noch eine Runde drehen wollen…