Ein Rundweg auf den Spuren der Berliner Mauer

Von einst 300 Wachtürmen stehen heute nur noch fünf. Foto: Dirk Engelhardt

Jeder Schritt auf diesem Spaziergang trifft auf geschichtsträchtigen Boden: Was erhalten blieb, wie die Menschen die historischen Reste geschützt und verändert haben.

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. Klassischerweise beginnt man die Mauertour am Brandenburger Tor. Von hier sind es rund 160 Kilometer rund um das alte West-Berlin, bis man wieder am Ausgangspunkt ist. In drei Tagesetappen lässt sich der Weg gut abfahren. Dann ist auch genügend Zeit, um berühmte Bauwerke oder Parks zu bestaunen. Ausgeschildert ist der Weg recht gut, wobei das Schild mit dem Mauerweg-Logo immer in 3,6 Metern Höhe angebracht ist – exakt die Höhe der ehemaligen Mauer.

Von einst 300 Wachtürmen stehen heute nur noch fünf. Foto: Dirk Engelhardt

Nach dem Selfie am Brandenburger Tor geht es in Richtung Potsdamer Platz, 1990 noch eine wüste, leere Fläche. Der Mauerverlauf lässt sich gut an der doppelreihigen Kopfsteinpflastermarkierung erkennen. Manchmal ragt diese merkwürdig nah an Häuser heran – wobei zu DDR-Zeiten hier Fenster und Türen zugemauert waren, um Fluchten zu verhindern.

An einer kleinen Nebenstraße steht der älteste noch erhaltene Wachturm, den man im Originalzustand beließ. Von einst 300 Wachtürmen stehen heute nur noch fünf. Wenig später kommt das goldfarbene Hochhaus des Axel-Springer Verlages ins Blickfeld. Die Zeitungen dieses Verlages – BZ, Berliner Morgenpost und Welt – dominierten zu Mauerzeiten die Westberliner Medienlandschaft. Man staunt heute noch, wie nah Axel Cäsar Springer sein Verlagshaus an die Mauer bauen ließ, um die Ostberliner feindlichen Genossen zu ärgern. Im Moment ist hier eine Erweiterung des Verlagshauses im Bau, die diesmal auf der „feindlichen“ Seite der Mauer stehen wird.

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Vorbei geht es am Checkpoint Charlie, heute eher ein Touristen-Disneyland mit Fast-Food-Buden, Schauspieler-Grenzposten und Souvenirshops. Von der einst tristen Atmosphäre dieses Ortes ist nichts mehr übrig. Kurz darauf, am Kreuzberger Bethaniendamm, kommt man an einem Mauer-Kuriosum vorbei: der Hütte des Türken Osman Kalin. Sein Baumhaus an der Mauer wird auch scherzhaft „Gecekondu“ von Berlin genannt. Die zweistöckige Bude, aus Sperrmüll errichtet, baute Kalin auf einer Verkehrsinsel, die weder zu West-, noch zu Ostberlin gehörte. Die Behörden duldeten das Bauwerk, und Kalin kam zu Berühmtheit in sämtlichen Reiseführern.

Weiter geht es entlang der East-Side-Gallery, die von mit Handys bewaffneten Touristen in Beschlag genommen ist. Sie stellt eines der wenigen Reste der Mauer dar, die noch erhalten sind. Auch hier macht die derzeitige Bauwut Berlins nicht Halt, eintönige Wohnblocks werden direkt an die Mauer grenzend errichtet.

Über die Oberbaumbrücke geht es wieder zurück nach Kreuzberg. Man tut gut daran, hier eine Rast einzulegen und Essen und Getränke zu kaufen, denn lange Zeit wird es nichts mehr geben. Hier beginnt der Mauerweg vom tatsächlichen Verlauf der Berliner Mauer abzuweichen. Tatsächlich führte die Grenze an dieser Stelle mitten durch die Spree – einige Mauerreste im Wasser künden noch davon. Ab und an zeigen Fototafeln entlang des Weges, wie diese oder jene Stellen zu Mauerzeiten ausgesehen haben, und es ist jedes Mal verblüffend, wie sich die Landschaften innerhalb von 30 Jahren verändert haben. In Treptow bietet sich noch ein Abstecher zum sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park an, dem größten sowjetischen Ehrenmal in Berlin. Hinter Treptow zieht sich der Weg öde und schnurgerade entlang, eingezwängt zwischen Autobahn und Teltowkanal.

Bei Schönefeld ist die Stadtgrenze erreicht, und gut lässt sich erkennen, wie brachial einst der Übergang zwischen der Stadt Berlin und dem Umland war. Auf der rechten Seite dichte Besiedlung mit Einfamilienhäusern mit Garten, auf der linken Seite weite Felder, soweit das Auge reicht. Stadtrandsiedlungen und Gewerbegebiete, wie am Rande jeder anderen Großstadt üblich, gibt es auch heute noch nicht in Berlin.

Im Süden von Lichterfelde kommt man an einer Geisterstadt vorbei, in der einst amerikanische Soldaten den Häuserkampf trainierten. Sogar ein U-Bahnhof wurde extra dafür angelegt. Hübscher wird es ein Stückchen weiter an der TV-Asahi Kirschblütenallee. Insgesamt 9000 Kirschbäume wurden von Japanern gespendet, aus Freude über die Vereinigung Deutschlands. Besonders schön sind sie zur Blütezeit im April.

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In Lichtenrade peinigt den Radler die einzige Unterbrechung des Mauerwegs, die wegen politischer Diskussionen immer noch keine Aussicht auf baldige Schließung hat. Weil es keine Untertunnelung unter der S-Bahn-Strecke gibt, muss man mit dem Rad einen kilometerlangen Umweg über holprige Kopfsteinpflasterstraßen in Süd-Lichtenrade machen.

Das Gebiet um den S-Bahnhof Lichtenrade macht derweil, mit seinen Imbissständen, leer stehenden Häusern und altmodischen Geschäften immer noch den Eindruck, den es in den Nachwendejahren machte.

In Zehlendorf hat der Mauerweg den Anschein eines ganz normalen, idyllischen Waldweges. Weiter in Babelsberg beginnt dann der landschaftlich schönste Teil der Tour. Gleich hinter der Glienicker Brücke kann man stilvoll im historischen Ambiente einer alten Tankstelle speisen und sitzt dabei auf den Polstern der Rückbank einer alten Citroen DS Limousine – „Garage du Pont“ heißt dieses kleine Restaurant.

Weiter, immer am Seeufer des Griebnitzsees entlang, links am waldigen Hang spektakuläre Villen. Schloss Cecilienhof, direkt am Weg und frisch restauriert, ist ebenfalls einen Halt wert. Durch waldiges Gebiet um Lehnitzsee, Jungfernsee und Krampnitzsee hinauf nach Staaken. Vom ehemaligen Kontrollpunkt Heerstraße zeugt nur die inzwischen geschlossene Kneipe „Grenz-Eck“. An der „Bürgerablage“ gibt es eine idyllische Havel-Badestelle mit Sandstrand und Biergarten. In Hennigsdorf passiert man eine riesige Fabrikanlage. Zu DDR-Zeiten residierte hier das Kombinat VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke Hans Beimler Hennigsdorf.

Bei Frohnau gerät ein weiterer ehemaliger Wachturm ins Blickfeld – und leider muss man hier Geschichtsklitterung konstatieren. Aus dem grauen Beton-Wachturm auf einem historischen Foto, der in einer kahlen Todeszone mit hohen Bogenlampen steht, ist ein piekfein weiß verputzter Turm mit akkurat dunkelgrün gestrichenen Fensterläden geworden, der in einer Art eingezäuntem Schrebergarten steht.

Bei Lübars, einem Dorf mit Bauernhof auf West-Berliner Gebiet, radelt man auf gut angelegten Wegen durch ein feuchtes Fließtal, Pferde stehen hier auf Weiden. Der Mauerweg führt dann mitten durch Wohngebiete, und wieder fragt man sich, wo hier die Mauer verlaufen ist. Ein spärlicher Mauerrest, umlagert von Touristen, wartet dann an der Bernauer Straße. Und ein Stück weiter noch einer, im „Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt“, der kurz nach dem Mauerfall im Niemandsland vom Künstler Ben Wagin angelegt wurde. Heute ist dieses Kleinod eingezäunt und leider nicht mehr öffentlich zugänglich. Entlang der spröden, grauen Regierungsbauten geht es dann zum Endpunkt, dem Brandenburger Tor.

Von Dirk Engelhardt