Eine Hausboot-Tour durch die Lagunen der nördlichen Adria

Historischer Hafen in Caorle. Foto: Maren Recken

Ein Mal Kapitän sein und das ganz ohne Bootsführerschein: Das Abenteuer zu Wasser hält viele spannende Begegnungen und schöne Momente für die Reisenden bereit.

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. „Frankreich ist für Einsteiger, die Lagune für Profis“, findet die österreichische Damenriege, die in ihrem Urlaub regelmäßig im Hausboot durch die Gegend schippert – seit sieben Jahren, in ganz Europa. Die Lagune fordert absolute Aufmerksamkeit und durchaus etwas Geschick als Freizeitkapitän. Das merkt der, der zum ersten Mal mit einem Hausboot unterwegs ist und sich dafür das Lagunengebiet im nördlichen Zipfel der Adria, ausgesucht hat. Genauer geht es um die Lagunen von Caorle, Marano und Grado sowie die in die Lagune mündenden Flussläufe und Kanäle. Die Seekarte ist ein wichtiges Hilfsmittel, um nicht unbeabsichtigt im offenen Meer zu landen oder auf einer der zahlreichen Untiefen auf Grund zu laufen.

Historischer Hafen in Caorle.
Zugang zum Restaurant Ai Fiuri de Tapo.
Ein Kanal in der Gemeinde Concordia Sagittaria.
Möwen nutzen die Holzpfähle als Sitzgelegenheit.
Holzpfähle kennzeichnen die Fahrrinne.

Für das, was diese einzigartige Wasserlandschaft an Konzentration beim Navigieren einfordert, entschädigt sie im Gegenzug mit faszinierenden Eindrücken zu Wasser und zu Land, mit unberührter Natur und sympathischen Städten. Ein Rad an Bord, für Landausflüge, ist da ein Muss.

Italien mit dem Hausboot ist Italien mal anders, Camping auf dem Wasser mit vielen Gelegenheiten Land und Leute kennenzulernen. Gerade in der Lagune erweisen sich die Einheimischen als sehr hilfsbereit gegenüber den Hausbootfahrern. „Da vorne an der Boje müsst ihr ganz nah an den Holzpfählen rechter Hand bleiben, sonst sitzt ihr auf der Sandbank auf“, ruft der Fischer, der in seinem flachen Motorboot extra gewendet hat, um die Hausboottouristen sicher an der Untiefe vorbei zu lotsen. „Die Lagune ist wunderschön, aber man muss sie zu nehmen wissen und ein paar Regeln kennen“, ruft er den Neulingen in diesen Gewässern noch zu, bevor er wieder abdreht.

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Die dicken Holzpfähle, die die Fahrrinne für die Boote kennzeichnen, wirken manchmal wie planlos ins Wasser gesteckte Riesenspargel, besonders wenn sie die Bootsfahrer im Schlingerkurs durch die Lagune leiten. Was den Bootsfahrern als Orientierung dient, nutzen die Möwen als Luxussitz mit Rundumsicht. Im flachen Wasser rechts und links der Fahrrinne haben sich kleine Inseln mit der lagunentypischen Vegetation gebildet. Es ist ein Paradies für Wasservögel, die sich von den Bootsfahrern nicht stören lassen. Wer nicht fit in Ornithologie ist, freut sich, wenigstens Schwäne und Reiher auf den ersten Blick zu erkennen.

Ausgangspunkt der Hausboottour ist in diesem Fall die Basis von „le boat“ in Precenicco, ein kleines Örtchen am Ufer des Flusses Stella. Mit dem Auto wäre es nicht einmal eine Stunde von dort bis nach Grado, dem Ziel für die erste Nacht. Mit dem Hausboot, mit seiner gedeckelten Motorleistung, damit die Boote auch ohne entsprechenden Führerschein gemietet werden können, sind es rund sechs Stunden, in gemütlicher Fahrt. Hausbootfahren ist Genießen und Entschleunigung. Die Natur – wie Ebbe und Flut – bestimmt den Rhythmus.

„Das Wichtigste beim Hausbootfahren ist, Ruhe bewahren und alles entspannt angehen“, gibt Ivan Gregorig den Hausbootneulingen mit auf den Weg. Er leitet die Basis und kennt sich aus mit Hausbooten. In einer bis zu zweistündigen Einführungstour dreht er mit den Urlaubern gemeinsam eine erste Runde auf dem Fluss. Erklärt wie das Ab- und Anlegen funktioniert, wie das Boot gedreht werden kann oder, dass Boote keine Bremse haben, sondern per Rückwärtsgang zum Stillstand gebracht werden. Wobei Stillstand auf dem Wasser relativ ist. Irgendwo ist immer Strömung, immer Wind, sind immer Wellen. Erst wenn das Hausboot mit den Tauen am Anleger festgebunden ist, bleibt es wirklich dort, wo es soll. „Vor allem wenn ihr in einem Hafen in der Lagune anlegt, dürft ihr die Taue nicht zu straff ziehen. Das Boot muss mit Ebbe und Flut steigen und sinken können“, erklärt Ivan weiter. Ein Gezeitenkalender als Teil des Bordbuchs soll dafür sorgen, dass die Hausbootfahrer immer über den aktuellen Gezeitenstand Bescheid wissen. Der erste Blick darauf weckt etwas die Assoziation an ein durch einen Laien zu interpretierendes EKG.

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Dann geht es endlich los. Die Stella mäandert sich in Richtung Lagune. Rechts und links am Ufer reicht der Bewuchs bis ins Wasser. Teilweise liegt Totholz auf flach ins Wasser laufenden Sandbänken. Eine Schwanenfamilie ist mit ihrem federbuschigen Nachwuchs unterwegs. Der Fischreiher wartet auf Beute. Irgendwann öffnet sich die begrenzte Sicht auf die Flussufer. In der vorgeschriebenen Fahrrinne führt die Fahrt durch die einzigartige Lagunenlandschaft, bis schließlich am Horizont die Silhouette von Grado auftaucht.

„Grado war eine Insel und wurde erst in den 30er-Jahren mit einem Damm, und in den 60er-Jahren mit einer zusätzlichen Brücke, mit dem Festland verbunden“, erzählt Andrea Bigot, dem der Privathafen Porto San Vito gehört. Bei einem Ausflug in die historische Altstadt von Grado bietet sich bei einem guten Glas Wein in Robertos Weinbar „Al Cogolo“ auf zahlreichen Fotos und in Bildbänden – Roberto ist passionierter Sammler – Gelegenheit zu erfahren, wie es in Grado in der jüngsten Vergangenheit ausgesehen hat. In Aquileia und Concordia Sagittaria – das eine von Grado aus in einer guten halben Stunde per Fahrrad erreichbar, das andere nach einer längeren Hausbootfahrt – faszinieren prächtige Fußbodenmosaike aus frühchristlicher Zeit. Die schmückten einst riesige Kirchen, wurden in späteren Zeiten mit weiteren Kirchen überbaut und in jüngster Zeit Stück für Stück wiederentdeckt und freigelegt. Die Dimensionen der frühchristlichen Kirchen, die sich an Hand der Bodenmosaike erahnen lassen, beeindrucken. Genauso wie die Tatsache, dass beide wichtige Städte zu Römerzeiten waren und um ein Vielfaches größer als heute. Zum Hausbootfahren indes passt das lebhaft-beschauliche, heutige italienische Kleinstadtflair wunderbar. Hier ein Spritz auf der Piazza, dort ein leckeres Fischgericht in einem der vielen Fischrestaurants, da kommt das Urlaubsfeeling fast von alleine. In Caorle bei Bepi, abends an der Uferpromenade, fällt die Auswahl schwer und der Fisch schmeckt am fein eingedeckten Tisch, mit Blick auf die von Fischern errichtete Kirche Madonna dell’Angelo, die im pastellfarbenen Abendlicht liegt, doppelt so gut. Der Abend im sympathisch quirligen Caorle, in dem in den Sommermonaten die Geschäfte bis spät in die Nacht geöffnet haben, ist das Kontrastprogramm zum Abendessen bei Andrea wenige Tage zuvor. Auf der Fischerinsel Anfora betreibt er eine sogenannte Valle da Pesca mit angeschlossenem, urigem Restaurant. Der Strom kommt aus dem Generator, gegessen wird an blanken Holztischen. Worauf es hier ankommt, ist die Tradition der Valli: Eine durch Dämme und Kanäle abgegrenzte Wasserwelt, deren Wasserpegel durch Schleusen geregelt wird und in denen die Gezeiten und spezielle Gitter und Netze für den Fischfang genutzt werden. Dass die Valli da Pesca traditionell Privatbesitz sind, hat zu einer gewissen Abgeschiedenheit geführt und dazu, dass sich in manchen Valli eine einzigartige Flora und Fauna entwickelt hat und sie daher zu Naturparks erklärt wurden. Die Valle von Andrea gehört da zwar nicht dazu, dafür können die Hausbootfahrer nach dem Abendessen, wenn die anderen Gäste im Wassertaxi längst auf dem Heimweg sind, am restauranteigenen Anlieger nächtigen und die Lagune mit allen Sinnen genießen.

Von Maren Recken