Herbst in Andalusien

Der mit Kacheln verzierte Brunnen auf der Plaza de Espana ist ein beliebtes Fotomotiv im weißen Dorf Vejer de la Frontera. Foto: Ute Strunk

Weiße Dörfer, Steilklippen und frischer Thunfisch: Jetzt ist die schönste Jahreszeit für einen Wanderurlaub in der südspanischen Provinz Cadiz

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. Die beste Sicht über die Stadt hat man vom Torre Tavira aus. Der Turm aus dem 18. Jahrhundert ist der höchste in Cadiz und er ist der einzige, der sich nicht in Privatbesitz befindet. Man kann ihn also getrost besteigen, um von oben den Blick über die älteste Stadt Europas schweifen zu lassen – über die weißen Dächer und die roten Böden der Dachterrassen bis hin zum Meer, das in der Ferne glitzert.

Der mit Kacheln verzierte Brunnen auf der Plaza de Espana ist ein beliebtes Fotomotiv im weißen Dorf Vejer de la Frontera. Foto: Ute Strunk
Schirm-Pinien sorgen im Naturpark Brena y Marismas del Barbate für Schatten. Foto: Ute Strunk
Blick über die Dächer von Cadiz. Foto: Ute Strunk

Auf der Suche nach der besten Aussicht sollte man den Torre Tavira unbedingt erklimmen, denn die findet man hier gleich in zweifacher Hinsicht. Der Turm beherbergt nämlich im obersten Stockwerk eine ganz besondere Attraktion, eine Camera obscura. Diese ist noch nicht so alt, wie man im ersten Moment vermutet. Die Konstruktion wurde 1994 installiert und sie funktioniert wie eine Lochkamera: Über einen Spiegel auf dem Dach fällt das Licht durch eine Linse in einen dunklen Raum. Dort projiziert es ein Abbild der Stadt mit all ihren Gebäuden und Straßenzügen, mit all ihren roten und weißen Dachterrassen, auf einen horizontalen Bildschirm, der wie ein umgedrehter riesiger Regenschirm frei im Raum schwingt. Die Besucher erleben einen 360-Grad-Ausflug durch die Stadt – ganz ohne, dass sie sich selbst bewegen müssen.

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Einst war der Torre Tavira, der als Wachturm des Stadthafens diente, das Tor zur Neuen Welt. Insgesamt 129 solcher viereckigen Türme gibt es in Cadiz und sie alle zeugen von der Bedeutung der Stadt als einstiges Handelszentrum im 18. Jahrhundert. Zur Blütezeit des Warenaustauschs mit Amerika baute jeder Kaufmann seinen eigenen Turm, um nur ja die Ankunft seiner Schiffe und auch die seiner Konkurrenten nicht zu verpassen. All diese Aussichtstürme aus jener Zeit sind heute das charakteristische Merkmal von Cadiz.

Frühling und Herbst sind die beste Reisezeit für Wanderer

Die Stadt, die auf einer Halbinsel an der andalusischen Atlantikküste liegt, ist vor allem bei einheimischen Sommerurlaubern ein beliebtes Ziel. Weil es im Sommer sehr heiß wird, sind für Wanderer aus Mitteleuropa der Frühling und Herbst die bessere Jahreszeit für eine Reise. Die haben in der Provinz Cadiz fast 40 Wanderrouten zur Auswahl. Eine davon führt durch den Naturpark La Brena y Marismas del Barbate. Noch vor rund 100 Jahren gab es hier nur sumpfiges Marschland (spanisch: Marismas) und eine riesige Düne. Zur Befestigung des sandigen Küstenstreifens wurden zwischen 1893 und 1906 etliche Aleppo-Kiefern und Schirm-Pinien angepflanzt. Diese bilden heute mit ihren seidig schimmernden Baumkronen ein grünes Dach über dem sandigen Pfad, der zum Torre del Tajo, dem Wachturm aus dem 16. Jahrhundert, an der Steilküste führt. Von dem Aussichtspunkt kann man bei klarem Wetter bis nach Afrika schauen, denn Barbate liegt, durch eine große Landzunge getrennt, nahezu auf der gleichen Höhe wie Gibraltar. Nur 50 Kilometer Seeweg sind es bis zum Kap Spartel in Marokko.

Der internationale Tourismus ist hier noch nicht angekommen. Die wenigen Hotels werden vor allem von Einheimischen besucht. Dafür ist die kleine Stadt das Zentrum der andalusischen Thunfischindustrie. Immer im Frühjahr, wenn riesige Thunfischschwärme durch die Meerenge von Gibraltar ziehen, um im warmen Mittelmeer zu laichen, findet hier die berühmte Almadraba statt. Die traditionelle Fangmethode wurde einst von den Arabern entwickelt und wird heute noch wie vor 1000 Jahren durchgeführt: Mit den Fischernetzen wird eine Art Labyrinth von Netzkammern ins Meer gelassen, an dessen Ende sich ein Käfig befindet, aus dem die Fische nicht mehr entkommen. Aufgrund der Maschengröße werden in den Netzen allerdings nur die großen Fische gefangen – die kleineren entweichen. Bis zu 500 Kilogramm kann ein so gefangener Roter Thun wiegen.

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José Melero weiß, wie man daraus kulinarische Köstlichkeiten zubereitet. Der Inhaber des Restaurants „El Campero“ in Barbate versteht sich gewissermaßen als Thunfischflüsterer, der dem Roten Thun sein „Geheimnis entlockt“ und dieses in puren Genuss verwandelt. Im „El Campero“ lernt der Gast, dass der Thunfisch aus vielen verschiedenen Fleischsorten besteht. Das beste Stück, sagt José Melero, ist el Morillo – ein Teil des vorderen Kopfes. Es ist so zart, dass es quasi auf der Zunge zergeht. Ganz anders als der fettige Bauch, der geschmacklich fast schon an Schweinebauchspeck erinnert. Auch das Herz des Roten Thuns wird hier serviert, die Delikatesse ist jedoch nicht unbedingt jedermanns Sache. Im „El Campero“ kommen alle Teile des Fisches auf den Teller. Die Rezepte sind eine Mischung aus traditioneller regionaler Küche mit japanischen Einflüssen.

Japanische Fischfabriken auf See verarbeiten fast den gesamten Fang

Die japanische Art der Zubereitung hat Melero von den Köchen gelernt, die zur Almadraba mit den großen japanischen Fangschiffen vor die andalusische Küste kommen. Es sind riesige Fischfabriken, die da weit draußen auf See warten und die nahezu den gesamten Fang sofort an Bord verarbeiten. Der besonders fette andalusische Thunfisch ist in Japan so begehrt, dass 80 Prozent des gefangenen Fisches nach Japan exportiert werden.

Doch die Region um Barbate ist nicht nur für die Almadraba bekannt. Nicht weit ist es von hier nach Vejer de la Frontera, einem der schönsten weißen Dörfer, für die Andalusien ebenfalls so berühmt ist. Markenzeichen dieser Dörfer sind die gekalkten Häuser, die strahlend weiß in der Sonne leuchten. Die Kalkfarbe dient dazu den Sandstein zu schützen, indem sie die Sonne reflektiert und die Feuchtigkeit aus den Mauern zieht.

Im Oktober, wenn es längst nicht mehr so heiß ist und die Temperaturen bei angenehmen 20 Grad liegen, ist es auch nicht mehr so überfüllt in Vejer. Dann kann man durch die engen Gassen schlendern, ohne in Touristenmassen stecken zu bleiben. Und dann ist man auch im Patio der Casa Mayorazgo relativ ungestört. Mit den vielen grünen Topfpflanzen und blühenden Geranien ist das einer der schönsten Innenhöfe des Dorfes. Rund 350 Touristen kommen im Schnitt pro Tag hier her. Sie machen Fotos und drängen sich unter den weißen Torbögen, denn das ist der einzige Weg, um auf den Aussichtsturm Torre del Mayorazgo zu gelangen. „Das heißt aber nicht, dass die Touristen einfach, ohne zu fragen, die Toilette der Menschen benutzen dürfen, die hier wohnen“, sagt Stadtführer Manuel Sanchez, der sich darüber ärgert, dass das immer wieder vorkommt. Fünf Familien leben rings um den Hof auf engstem Raum Tür an Tür. Einer der Bewohner ist Manolo, der sich seit 50 Jahren um die Pflanzen kümmert und der um eine Spende für die Blumenpflege bittet. Die gibt man gerne und dann steigt man schnell die Treppen hinauf auf den Torre, um auch hier die Aussicht zu genießen – auf die Plaza de Espana mit ihrem kachelverzierten Brunnen und die vielen blendend-weißen Häuser.