Salsa am Oderufer in Stettin

Die Nähe zu Fluss und Meer und die Mischung aus Altem und Neuen machen die Stadt zu einem attraktiven Reiseziel. So hat sich Stettin nach der DDR-Zeit verändert.

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. Auf vier Beinen stehend, recken sie aus ihren grünen Leibern die Hebearme wie lange Hälse in den Ostseehimmel. Die drei ausgedienten Lastenkräne auf der Oderinsel Lastadie ähneln tatsächlich großen Tieren aus der Urzeit. „Dzwigozaury“ (Wortspiel aus Kran und Saurier) nennen die Stettiner diese Veteranen ihres Hafens, dem die Metropole an der Odermündung ihren Wohlstand verdankt.

Selbstbewusst reihen sich die sanierten, original gelackten Dino-Stahlkolosse in die Schar der Stadtwahrzeichen ein. Die meisten kann man von der Speicherstraße aus sehen. Denn direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, liegt die Altstadt.

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Links die Jakobskathedrale, das Schloss der pommerschen Herzöge in der Mitte, rechts die Hakenterrassen mit dem Nationalmuseum. Dazwischen Bürgerhäuser, Stadtpaläste, Kirchen, ein paar seelenlose Quader aus Beton, und immer mehr moderne Bauten.

Das neue architektonische Kunstwerk ist die Mieczyslaw-Karlowicz-Philharmonie. Sie entstand an gleicher Stelle wie das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Konzerthaus von 1884 und verfügt über eine ausgezeichnete Akustik. Beleuchtet ist es am schönsten, besonders in der „blauen Stunde“.

Polnische Ostseebäder wie Kolberg, Misdroy oder Swinemünde waren auch zu Zeiten des Sozialismus nicht nur bei Einheimischen beliebt. Die meisten Menschen aus der DDR kamen nur zum Shoppen. Die meisten Lebensmittel waren deutlich billiger, und obendrein bekam man auf den Märkten Produkte aus dem Westen.

Heute liegt der äußerste Nordwesten Polens nicht mehr im Schatten einer Grenze, sondern in der Mitte von Europa. Stettin, zwei Stunden von Berlin entfernt, ist die charmante, coole Mutter-City einer aufstrebenden deutsch-polnischen Metropolregion, in der in absehbarer Zeit eine Million Menschen leben werden – und ganz Westpommern mit seinen Natur- und kulturellen Schätzen ein vielseitiges Urlaubsziel.

Die heutige polnische Woiwodschaft Westpommern wurde aus dem einstigen Hinterpommern sowie kleinen Teilen des historischen Vorpommerns und der Neumark gebildet. Um die Zeitenwende lebten hier Germanen, später das westslawische Ostseevolk der Pomoranen (von „po more“: am Meer).

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Lateinamerikanische Tänze am Ufer

Vor der Altstadt liegen der westliche Uferboulevard (Piastowski), Cafés und Restaurants mit Oderblick und die „Allee der Segler“. Dieser öffentliche Kunst-Parcours versammelt Figuren und Objekte zu maritimen Themen – wie etwa eine Bronzeplastik der polnischen Seefahrerlegende Ludek. Den Fluss selbst umrahmen Kais und feste, breite Wege mit Fahrradspuren, langen Bänken oder Stufen.

Die Neuerungen sind Teil von „Szczecin Floating Garden 2050“. „Mit dem visionären Projekt wird sich Stettin in den kommenden Jahrzehnten immer mehr zur Wasserstadt entwickeln“, sagt Artur Pomianowski vom regionalen Tourismusverband. Das natürliche Netz aus Flussläufen und -inseln wolle man dabei zu einer „schwimmenden Gartenstadt“ ausbauen. Bereits heute besteht Stettin zu einem Viertel aus Wasser- und zu mehr als 40 Prozent aus Grünflächen.

Zentrum des Projekts wird das Gebiet rund um die Mitteloder sein. Der zukunftsweisende Boulevard ist nur der Anfang – und er wird dankbar angenommen. So sitzt, liegt, läuft und radelt man an beiden Ufern, liest und isst, schaut Ausflugsschiffen, Segelbooten, Kanus hinterher – oder tanzt und flirtet.

Schon unter der Schlossbrücke hört man die einschmeichelnden Klänge. Es ist Bachata, ein Stück sinnliche Karibik, das direkt in die Hüften geht – vor allem den sechs Paaren, die sich an diesem Samstagnachmittag leidenschaftlich danach bewegen. Unter einem der drei Dino-Hafenkräne spielen die Musik und das Stelldichein der Stettiner Latin Dancers. Zwei von ihnen sind Anna und Robert. So oft sie können, kommt das Paar zum Tanzen vis-à-vis der Hakenterrasse.

„Zweimal pro Woche treffen wir uns hier“, sagt Anna. Außer Bachata tanzt man Salsa, Tango und Kizomba. Für die Beschallung sorgt mobile Technik: ein Smartphone und zwei Lautsprecher. „Mal sind wir nur eine Handvoll, mal so viele, dass es eng wird“, erzählt Robert, 42, Polizist.

Zum Glück habe Stettin jede Menge Plätze, an denen man sich wohlfühlen könne. „Die Nähe zu Fluss und Meer ist dabei genauso reizvoll wie die Mischung aus Altem und Neuem“, findet Anna mit Blick auf das Café Stockholm. Das Spannendste für die 35-jährige Zollbeamtin: „Unsere Heimatstadt liegt wieder mitten in Europa.“ Anna nimmt die Hand von Robert. Sie tanzen weiter – unter ausgedienten Hafenkränen, über neue Pflastersteine.

„Engel der Freiheit“ könnte ein Poet die Protagonisten dieser schönen Szene nennen. Doch das geflügelte Wort ist in Stettin bereits vergeben. Es gehört einer elf Meter hohen Bronzefigur auf dem Platz der Solidarität und erinnert an die antikommunistischen Rebellionen. 1970 wurden hier die ersten Schüsse auf friedliche Demonstranten abgefeuert. 16 starben. Doch der Widerstand wuchs. Zusammen mit den revolutionären Aktivitäten in Danzig läutete er das Ende des Sozialismus ein.

Das Dialogzentrum „Umbrüche“, Teil des Nationalmuseums, dokumentiert den Aufruhr der 1970er- und 1980er-Jahre in einer berührenden Ausstellung. Deren Räume befinden sich direkt unter dem Platz der Solidarität. Mit seiner geschwungenen Oberfläche erinnert er an ein stark bewegtes Meer – was ihn zum Ideal-Terrain für Skater macht. „Die öffentliche Meinung dazu ist gespalten“, sagt Artur Pomianowski. Während sich die einen Friedhofsruhe wünschen und jegliche Freizeitaktivität verbannen wollen, begrüßen es die anderen ausdrücklich. Die persönliche Meinung des jungen Touristikers: „Was die Kids dort tun, schadet niemandem – und es hat Symbolkraft. Denn Skaten ist Freiheit.“

Von Carsten Heinke