Shoppen in Singapur

Zu Weihnachten putzt sich die Utopia-Stadt selbst  bei 30 Grad alljährlich  besonders heraus. Foto: Singapur Tourism Board

Malaiische Designer-Mode, chinesische Haushaltsgeräte und der größte Louis-Vuitton-Shop der Welt: In Singapur gibt es riesige Einkaufstempel.

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. Die charmante Verkäuferin im Katong-Viertel nimmt eine Spitzenbluse von einer Schaufensterpuppe und lässt ihre deutsche Kundin hineinschlüpfen. Mit Fingerspitzengefühl steckt sie die Wickelbluse mit einer kleinen Brosche fest; jetzt noch ein geblümter Sarong dazu – fertig ist das malaiisch inspirierte Designer-Kostüm.

Zu Weihnachten putzt sich die Utopia-Stadt selbst  bei 30 Grad alljährlich  besonders heraus. Foto: Singapur Tourism Board
Auf der belebten Haji Lane im muslimischen Viertel gibt es viele alternative Boutiquen. Foto: Singapur Tourism Board
Der letzte Schrei im innovativen Singapur ist ein Kaffee mit Selbstporträt. Foto: Andrea Tapper

In einem anderen Stadtteil mit dem schillernden Namen Kampong Glam eilt die Boutiquebesitzerin eine knarrende Holzstiege hinunter – von den Armeehosen eines chinesischen Jungdesigners zu gelben und mintgrünen Lochspitze-Hängerchen für Frauen. „Bis vor Kurzem habe ich noch 800 Dollar Miete bezahlt, jetzt sind die Preise auf über 2000 Dollar explodiert“, erzählt Tan Ying, die einen winzigen Laden auf der gefragten Haji Lane unterhält, wie er auch in Schwabing, London oder Berlin stehen könnte.

Singapur – unterkühlter Saubermann Asiens? Wer in die 1965 unabhängig gewordene Metropole an der Südspitze Malaysias reist – zugleich einer der kleinsten Staaten und eine der futuristischsten Städte der Welt – hat meist schon vom Kaugummiverbot gehört, hat Bilder spektakulärer Realarchitektur und irrealer Sterilität im Kopf. Einmal angekommen, kann er einiges davon über Bord werfen. Ausgerechnet die Haji Lane, unterhalb der Goldenen Moschee, wo Tan Ying ihren Designerladen betreibt und einst muslimische Familien ihre seefahrenden Männer verabschiedeten, hat sich zu einem gefragten alternativen Einkaufsviertel mit Yoga-Studios und Konzept-Stores gewandelt – zwar gentrifiziert, aber doch irgendwie charmant.

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Wettbewerbsvorteil: Perfektion

Acht von zehn Besuchern reisen auch zum Shoppen nach Singapur. 16 Millionen Gäste im Jahr. Der Stadtstaat mit seinem Völkermix aus 75 Prozent Chinesen plus Malaien, Tamilen, Indern, Pakistani und Briten gilt weltweit als ultimative Kaufadresse. Zu recht? Wenn’s um die großen Luxusmarken geht, ist die Frage schnell beantwortet: Auf den Edelmeilen deutscher Millionenstädte ist Haute Couture von Gucci über Vuitton bis Prada zu den gleichen Preisen zu haben wie in Singapur. Auch Elektroartikel sind in Singapur meist nicht mehr billiger, angebliche Schnäppchen manchmal sogar Betrug. Das Singapore Tourism Board hat eigens eine Hotline für Shopping-Beschwerden eingerichtet.

Was allerdings auch stimmt: Singapurs Wettbewerbsvorteil ist die Perfektion, die Ballung und die schiere Gigantomanie der Einkaufswelt. Alles ist schillernder, innovativer und trotzdem entspannter als bei uns. „Ich habe mich hier noch nie unsicher oder gestresst gefühlt“, sagen junge Einheimische und Besucher gleichermaßen.

Maßgeschneiderte Malls

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Das Rückgrat der Einkaufskultur bildet die 2,3 Kilometer lange Kaufhausmeile Orchard Street mit schier unglaublichen 31 glitzernden Shopping Malls. Schnell findet man heraus, dass jeder dieser Einkaufstempel auf eine ganz bestimmte Käuferschicht abgestimmt ist. Diversifizierung beim Shoppen wird groß geschrieben. Im servicebetonten Klassiker „Robinsons The Heeren“ etwa erstehen Singapurer Damen seit 161 Jahren Gediegenes, aber auch asiatische Trendsetter wie die Label „Reckless Ericka“ mit raffinierten Kleidern und „Sabrina Goh“ mit COS-artigen Baumwollklassikern. Der Clou ist ein kostenloser Personal-Shopping-Service. In einer Privatlounge mit schicken Sofas lehnt man sich entspannt zurück, während die Beraterin eine Auswahl neuer Top-Modelle hereinbringt. „Ohne Kaufzwang“, wie sie betont.

„Tangs“ ist einem chinesischen Palast nachempfunden, ein Mekka für Woks und andere chinesische Haushaltswaren, aber auch für extravagante lokale Brands wie „In Good Company“, wo man sich seine eigenen Sandalen aus Leder herstellen kann. Das wohl luxuriöseste Einkaufs-Paradies „The Shoppes“ liegt in der Marina Bay unterhalb des spektakulären Drei-Türme-Hotels „Marina Bay Sands“. Hier steht auch der weltgrößte Flagship-Laden von Louis Vuitton, wo eine begehrte Tasche tatsächlich mal früher oder in größerer Auswahl als in München oder Hamburg zu finden sein mag. Der preisgünstige Gegenentwurf dazu ist „Bugis Junction“. Die Mall plus klimatisiertem Straßenmarkt ist wegen seiner vielen jungen und koreanischen Geschäfte beliebt bei Einheimischen. Singapur liegt fast am Äquator und ist ganzjährig tropisch-schwül, auch das ist ein Grund, warum Einheimische die vollklimatisierten Einkaufszentren so lieben.

Kunterbuntes Ethno-Shopping

Den Singapur-Mix aus Hochglanz und Exotik aber spürt man besonders in Ethno-Vierteln wie Kampong Glam, wo Glashochhäuser hinter zweigeschossigen Altbauten emporragen, viele mit buntem Graffiti bemalt. Die Künstler benötigen dafür eine Lizenz, genauso wie Autos für die Innenstadt eine Fahrerlaubnis: An strategischen Kreuzungen werden sie automatisch gescannt, danach berechnet sich die Kfz-Steuer. So hält Singapur Verkehr und Luftverschmutzung in Grenzen.

Eines der ältesten Stadtviertel ist Tiong Bahru. Im Art Deco Stil wurde es einst als Wohnblock für die britische Armee gebaut. Tiong Bahru ist bekannt für seine Cafés, die sich perfekt für Instagram-Fotos eignen. Lebhaft, aber schon lange ausgeprägt touristisch sind sowohl Little India als auch China Town – leckere Zwischenstopps beim Bummeln garantiert. Im indischen Mustafa Centre kommt man sich vor wie in Bombay und findet von Elektronik über Spielzeug bis hin zu Gold, Gewürzen und Sportartikeln alles zu fairen Preisen.

Zwei Geschichten ziehen sich durch den Alltag Singapurs: Die Legende von Stadtgründer Thomas Stamford Raffles, der per Schiff aus England 1819 auf ein tropisches Stück Nichts stieß und sofort die strategische Bedeutung erkannte, sowie der Spruch: „This was once a beach“, zu deutsch: hier war mal Strand. Das weltberühmte „Raffles Hotel“ von 1887, gerade generalrenoviert, illustriert beide: Trotz der Adresse, Beach Road (deutsch: Strandstraße), liegt es heute mitten in der Stadt, denn durch stete Landgewinnung hat Singapur seine Fläche um ein Drittel vergrößert. Der Hotelshop ist frei zugänglich, eine Fundgrube für Qualitäts-Mitbringsel, die man ein Leben lang benutzen wird: nostalgische Koffersticker, bestickte Bettwäsche, Original-Raffles-Porzellan. Und nach einem legendären „Singapur Sling“-Cocktail (für 30 Euro nebenan in der Bar) geht’s umso beschwingter weiter.

Bei all dem wundert sich der Besucher, wie wenig Hektik in der Hochhausstadt zu spüren ist. Und wie viele innovative Ideen ihm begegnen: Capuccino-Herzchen aus Kaffeepulver waren gestern, heute projiziert die Serviererin im Coffee-Shop auf der Haji Lane in Minutenschnelle ein Farbfoto ihrer Kundin auf die aufgeschäumte Milch. In der gelebten Öko-Science-Fiction von „Gardens by the Bay“ mit beleuchteten Kunstbäumen und begehbaren Hängebrücken konservieren zwei gigantische Klimahallen 1,5 Millionen Pflanzenarten für die Nachwelt, ein einzigartiges High-tech Naturerlebnis. Und man beginnt zu begreifen: Die Millionen-Metropole – kleiner als Hamburg, aber mit 5,6 Millionen Einwohnern – ist tatsächlich aufgeräumt genug, um sie ohne Stress zu erleben. Aber auch fremdartig genug, um ein spannendes Urlaubsziel zu sein.

Von Andrea Tapper