Sperrige Schönheit Lanzarote

Weinanbau auf Lanzarote. Foto: Claudia Diemar

Vulkanausbrüche haben die Landschaft der Kanareninsel geprägt. Mit den bizarren Lavafelsen und den weißen Häusern zieht sie jedes Jahr drei Millionen Urlauber an.

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. Am ersten Tag des Monats September zwischen neun und zehn Uhr abends brach plötzlich die Erde auf. Nahe Timanfaya erhob sich ein Berg aus dem Schoß der Erde, von dessen Spitze Flammen aufschossen, die während der folgenden neunzehn Tage unaufhörlich weiter brannten. Wenige Tage später öffnete sich ein neuer Schlund. Die Lava breitete sich nun auch nach Norden aus, anfangs sprudelnd und schnell wie laufendes Wasser, dann schwer und zäh wie Honig. Im Jahr 1730 protokolliert der Gemeindepfarrer von Yaiza jenes Weltuntergangsszenario, das sich im Süden der Insel Lanzarote abspielt. Es ist eine der gewaltigsten Vulkaneruptionen, die es auf Erden gegeben hat. Unentwegt bebt die Erde, reißen Krater auf, überziehen neue Lavaströme die Dörfer und Felder des einst fruchtbarsten Gebietes der Insel. Fünfzehn Monate lang protokolliert der Geistliche immer neue Explosionen, Erdstöße, Feuersäulen und Rauchwolken, dann gibt er die Rolle des Chronisten auf und flieht. Noch weitere fünf Jahre dauern die Eruptionen an.

Weinanbau auf Lanzarote. Foto: Claudia Diemar
Museo del Campesino. Foto: Claudia Diemar
Rot changieren die Farben der Feuerberge. Foto: Claudia Diemar
Siesta auf den Felsen bei Punta de Mujeres. Foto: Claudia Diemar

Wo sich einst das apokalyptische Schreckensszenario abspielte, findet sich heute der Nationalpark Timanfaya. Die emblematische Landschaft der Feuerberge „Montañas del Fuego“ mit ihren in Schwarz und Ziegelrot changierenden Abhängen und unwegsamen Ebenen von scharfkantig geronnener Lava ist Lanzarotes wichtigste touristische Sehenswürdigkeit. Die Erde erscheint hier unwirtlich wie der Mond.

Innerhalb des letzten Vierteljahrhunderts hat sich die Zahl der Touristen auf Lanzarote verzweihundertfacht. Fast drei Millionen Urlauber zieht die Insel alljährlich an. Und doch ist die traditionelle Bauweise mit ihrer kubistisch anmutenden Architektur vielerorts erhalten geblieben. Orte wie das Dorf Yaiza oder die ehemalige Inselhauptstadt Teguise blenden das Auge mit weiß gekalkten traditionellen Bauten.

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Oberhalb von Teguise thront auf einem Hügel das Castillo Santa Bárbara, einst Fluchtburg der Bevölkerung bei Piratenüberfällen. Hinter den dicken Mauern ist heute ein Museum der Emigration eingezogen. Eindrucksvoll zeigt es, dass das Dasein auf einer Insel ohne natürliche Quellen oder Flüsse über Jahrhunderte nur die Abwanderung in die neue Welt als Alternative zu bitterster Armut übrig ließ.

Heute ist Lanzarote eine Einwandererinsel. Hier kommen sie alle an: die Urlauber auf der Flucht vor dem nebelgrauen heimatlichen Winter, die Aussteiger, die sich in esoterisch angehauchten Landkommunen sammeln, die zivilisationsmüden Großstädter aus Mittel- und Nordeuropa, die hier Ruhe und neue Kraft zu finden hoffen. Allerlei bildende Künstler und Schriftsteller, wie etwa der vor einigen Jahren verstorbene portugiesische Autor und Literatur-Nobelpreisträger José Saramago, haben auf Lanzarote eine kreative Zuflucht gefunden.

Jede Insel pflegt einen Schutzpatron zu haben. Neben der schmerzensreichen Jungfrau, die vor dem Weiler Tinguatón einst die Lavaströme endlich angehalten haben soll, hat die Insel auch zu Beginn ihrer touristischen Entwicklung in dem Künstler César Manrique eine Art Schutzheiligen gefunden. Manrique, der 1919 in der Inselhauptstadt Arrecife geboren wurde, kehrte nach dem Studium in Madrid und verschiedenen Auslandsaufenthalten auf seine Heimatinsel zurück. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass in der Beton klotzenden Sturm- und Drangzeit des Massentourismus auf Lanzarote das Schlimmste verhindert wurde. Er setzte gemeinsam mit einem Lokalpolitiker durch, dass keine Reklametafeln die Insel verschandeln, dass Stromkabel konsequent unter der Erde verlegt wurden, dass keine Hochhäuser in den touristischen Zentren entstanden.

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Manrique, der international schneller zu Ruhm und Anerkennung fand als in seiner spanischen Heimat, ist heute weit weniger für seine Gemälde und Keramiken berühmt als für das „Gesamtkunstwerk Lanzarote“, an dem er mit ungebrochenem Elan gewerkelt hat, bis er 1992, nur wenige Meter von der gerade von ihm gegründeten Fundación Manrique, tödlich verunglückte.

Überall auf der Insel hat César Manrique seine gestalterischen Spuren hinterlassen. Ohne sie wäre Lanzarote heute um zahlreiche touristische Attraktionen ärmer. Unübersehbar stehen an Kreuzungen und Kreiseln seine zuweilen grellbunten Windspiele. Er entwarf das „Restaurante El Diablo“ in den Feuerbergen ebenso wie das „Monumento al Campesino“ in der Inselmitte. Aus der ehemaligen Festung Castillo de San José in Arrecife machte er ein herausragendes Museum für moderne Kunst. Er ließ nahe der Opuntienfelder im Norden in einem alten Steinbruch einen Kakteenpark anlegen. In die steil aufragende Felskante des Risco de Famara setzte er das Aussichtsrestaurant „Mirador del Rio“, das wie das Auge eines Riesen aus der Bergwand auf das benachbarte Eiland La Graciosa schaut. Neben diesem Mirador sind die „Jameos del Agua“ sein spektakulärstes Werk: Ein von den Ausbrüchen des Vulkans Monte Corona hinterlassenes, fast sechs Kilometer langes Höhlen- und Blasensystem. Als Manrique Ende der Sechziger auf seine Insel zurückkommt, wurde es als Abfallgrube genutzt. Heute findet sich in der Haupthöhle ein klarer See mit einer weltweit einzigartigen Krebsart. Sphärenmusik erklingt unter der Felskuppel. Selbst die Kellner der Bar flüstern in diesem fast rituellen Ambiente. Wer am anderen Ende des Gewölbes wieder ins Licht steigt, wird geblendet vom Kontrast eines grellweißen, künstlich angelegten Pools, in dem das Wasser in Türkis schimmert, als wäre es eingefärbt.

Lanzarote erscheint wie ein Entwurf oder eine Inszenierung: Mit wenigen schwarzen Feldern, auf denen Linsen, Süßkartoffeln und Melonen wachsen oder Zwiebeln in Reih und Glied stehen. Mit akkurat zum Trocknen auf die Leine geklammerten Fischen vor der schwarzen Felswand von Orzola.

Bei La Geria reihen sich endlos die Lapilli-Trichter, die den Tau der Nacht als einzige Bewässerung für die Weinreben speichern. Für diese aus der Not geborene mühevolle Landschaftsgestaltung haben die Bauern Lanzarotes vom New Yorker Museum of Modern Arts einen Preis für „Engineering without engineers“ erhalten.

Von Claudia Diemar