Stille Nacht: Die Geschichte hinter dem wohl populärsten...

Blick auf Mariapfarr mit der berühmten Kirche bei Nacht. Foto: Christian Schreiber

Alles begann in einer kleinen Gemeinde in Österreich. Heute pilgern viele an den Ort, wo ein Pfarrer vor 200 Jahren die bedeutenden Verse schrieb, die noch immer jeder singt.

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. Die Frage nach dem bekanntesten Lied der Welt würde so manchen Quizshow-Kandidaten ins Schwitzen bringen. Es stammt nicht von den Rolling Stones oder von Michael Jackson. Noch nicht einmal Bach oder Beethoven können mithalten, mit dem, was ein Hilfspfarrer namens Joseph Mohr 1818 geschaffen hat. Die Rede ist von „Stille Nacht, Heilige Nacht“, das in rund 350 Ländern erklingt und dieses Jahr an Heiligabend seinen 200. Geburtstag feiert. Von Schweden bis Samoa, von Madagaskar bis Alaska: Mindestens 2,5 Milliarden Menschen können das Weihnachtslied jüngsten Schätzungen zufolge in ihrer jeweiligen Sprache mitsingen. Dabei handelte es sich Anfang des 19. Jahrhunderts lediglich um eine Notlösung, um in einem kleinen österreichischen Dorf die Christmette zu retten. Was heute gigantische Orgeln und stimmgewaltige Chöre intonieren, war damals ein Lied für zwei Männerstimmen mit Gitarrenbegleitung. Und gedacht war es ursprünglich nur als Friedensgedicht mit sechs Strophen, von denen drei aus Zeitgründen mittlerweile wegrationalisiert wurden. Diese und weitere kuriose Dinge rund um den Nummer-1-Song der ewigen Musik-Hitliste erfährt man bei einer Reise auf den Spuren seiner Entstehungsgeschichte. Und die führt in kleine, verträumte Gemeinden in der Nähe Salzburgs.

Blick auf Mariapfarr mit der berühmten Kirche bei Nacht. Foto: Christian Schreiber
Der älteste Beleg für das berühmte Weihnachtslied. Foto: Christian Schreiber

Stille Nacht! Heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht Nur das traute heilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, Schlafe in himmlischer Ruh! Schlafe in himmlischer Ruh!

Im Dezember 1816 beginnt der Hilfspfarrer Joseph Mohr, unehelicher Sohn eines fahnenflüchtigen Soldaten und einer Strickerin, die ersten Zeilen eines Gebetes oder eines Gedichtes zu texten. So recht weiß er wohl selbst nicht, was es werden soll. Was ihn antreibt, seine Gefühle, seine Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen, sind die bitterarmen Umstände, die in seiner Gemeinde Mariapfarr und in weiter Umgebung herrschen. Napoleon hat Europa mit seinem Terror überzogen, wer nicht in irgendeinem Krieg stirbt, leidet an Hunger oder Krankheiten. Zudem ist dieser Winter furchtbar kalt. Mohr muss sich fast täglich durch meterhohen Schnee kämpfen, um einer armen Seele den letzten Segen zu erteilen. Er ist oft stundenlang in der eisigen Kälte unterwegs, weil es viele abgeschiedene Täler mit einzelnen Bauernhöfen gibt – die Gegend ist eine Quälerei für Mohr. Heute freuen sich Wanderer, Urlauber, Langläufer und Skifahrer über die Weite des Lungaus. Man kann tagelang die Landschaft für sich alleine genießen – beobachtet einzig von den Schlössern und Ruinen, die auf den Hügeln thronen. Das kleine Mariapfarr hat sich dank der Stille-Nacht-Touristen zum Zentrum entwickelt, bietet natürlich ein Weihnachtsmuseum und sogar ein Wellnesscenter im Ortskern. Jeder, der dort ist, stattet der Pfarrkirche „Unsere Liebe Frau“ einen Besuch ab und betrachtet das Bildnis von Christi Geburt auf dem Flügelaltar. Es war das Lieblingsbild von Mohr, weil das kleine Kindlein so friedvoll und glücklich lacht. Und es hat ihn zu dem inspiriert, was ihm 200 Jahre später Berühmtheit einbringt.

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Stille Nacht! Heilige Nacht! Gottes Sohn! O wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund‘ Da schlägt uns die rettende Stund‘. Jesus in deiner Geburt! Jesus in deiner Geburt!

Mohr ist zwar erst Anfang 20, aber schon ziemlich krank. Er leidet an einer Lungenentzündung und bittet um Versetzung. Die Kirche schickt ihn nach Oberndorf – ein Örtchen, das sich heute mit zwei Attributen schmückt: An den Ortsnamen hat es sich „bei Salzburg“ angehängt, die Tourismuswerbung läuft unter dem Motto „Die Stille-Nacht-Gemeinde“. Verantwortlich dafür sind einige kuriose Zufälle: Am 24. Dezember 1818 geht die Orgel der damaligen Sankt-Nikolaus-Kirche kaputt. Bis heute hält sich die Legende, dass ausgehungerte Mäuse an ihr rumgeknabbert haben und für ihr Verstummen verantwortlich sind. Jedenfalls zieht Ortspfarrer Mohr sein zwei Jahre altes Gedicht aus der Schublade, drückt es dem begabten Musiker Franz Xaver Gruber in die Hand und bittet ihn, ein Lied für die Christmette zu schreiben, das ohne Orgel auskommt. Wenige Stunden später ist es fertig, und in der Mitternachtsmesse stehen die beiden Männer vor ihrer Gemeinde und stimmen zum ersten Mal „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ an. Gruber spielt Gitarre – ein für damalige Verhältnisse revolutionärer Akt. Heute kennt man das Lied fast nur noch in der später entstandenen Orgel-Version. Wer jetzt vor Weihnachten durch Oberndorf schlendert, trifft vor allem auf Asiaten, die kitschige Figuren in den Souvenirshops erstehen. Im Advent kommen alljährlich Künstler aus aller Welt in das 5000-Einwohner-Städtchen, um Konzerte zu geben und Lieder aufzunehmen. Die Vermarktungsmaschinerie funktioniert, Oberndorf gehört nun einmal zum Pflichtprogramm für Stille-Nacht-Touristen. Aber es gibt viel mehr zu entdecken. In Oberndorf befinden sich auch noch die barocke Kalvarienberg-Kapelle, die St.-Nikolaus-Kirche und die Wallfahrtskirche Maria Bühel, die mit kirchenhistorischen Kunstschätzen bestückt sind. Die Salzach macht eine große Schleife um das Städtchen, als wolle sie ihm besondere Anerkennung verleihen. Auch weil Oberndorf direkt an der Grenze zu Deutschland liegt und viele Touristen herüberdrängen, hat es sich zum bekanntesten Stille-Nacht-Spot gemausert. Da haben es Orte aus der zweiten Reihe deutlich schwerer. Ein Beispiel ist Arnsdorf mit seiner bezaubernden Alpenkulisse. Komponist Gruber lebte dort, als er die Melodie schrieb. Es ist nicht viel kleiner als Oberndorf, hat auch ein Stille-Nacht-Museum zuwege gebracht und sogar die touristischen Themen, die vor der Türe liegen, miteinander verknüpft. So gibt es das Spezial-Package „Mohr, Moor & more“, bei dem das moorastige Vogelschutzgebiet Weidmoos ausgiebig gewürdigt wird. Dennoch verlieren sich nur wenige Weihnachts- und Wintertouristen dort. Solche Orte aufzuwerten und das Angebot zu bündeln, hat sich die Stille-Nacht-Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben, deren Präsident Michael Neureiter ist. Man darf den Theologen als Idealbesetzung bezeichnen. Er hat den Geist von Gruber geatmet, weil er als Kind im selben Zimmer gegenüber der Stadtpfarrkirche in Hallein wohnte wie der Komponist. Dieser war dort viele Jahre Messner, vor dem Gebäude liegen unter einer schweren Grabplatte seine Überreste. Drinnen erinnert ein Museum an seine Kunst. Eine große Herausforderung für Neureiter besteht auch darin, die schwierige Quellenlage zu ordnen. Weil Mohr und Gruber erst lange nach ihrem Tod Berühmtheit erlangten, sind die gesicherten Kenntnisse über ihr Leben und das Lied eher dürftig. Jede Gemeinde, die etwas vom Stille-Nacht-Kuchen abhaben wollte, deutete die Geschichte nach ihrem Geschmack. Wahrheit und Wahrhabenwollen vermischten sich miteinander. „Wir sind auf einem guten Weg und fangen langsam an, mit einer Stimme zu sprechen“, sagt Neureiter. Ein gutes Dutzend Städte und Gemeinden zählen zur Stille-Nacht-Gesellschaft, sie liegen auch in Deutschland. Das bayerische Burghausen etwa, wo Gruber das Orgelspiel lernte. Auch Leipzig gehört dazu, weil es dort die erste Aufführung außerhalb Österreichs gab. So wurde das Weihnachtslied in die weite Welt getragen – wie Mohr sich das wohl gewünscht hat:

Stille Nacht! Heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht Durch der Engel Alleluja, Tönt es laut bei Ferne und Nah: Jesus der Retter ist da! Jesus der Retter ist da!

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Von Christian Schreiber