Thailands Müll-Helden

Die „Trash Heros“ sammeln Müll am Strand von Nopparat Thara. Foto: Karin Kura

Die Umweltbewegung „Trash Hero“ sammelt auf Krabi und der Insel Koh Lipe Abfälle an Stränden ein. Bei den Aufräumaktionen können auch Touristen mithelfen.

Anzeige

. Nopparat Thara ist ein typischer Traumstrand: feiner weißer Sand, türkisfarbenes Meer, sanft plätschernde Wellen. Aus dem Wasser ragen die Kalksteinfelsen von Krabi in den Himmel. Am Morgen hat sich das Meer zurückgezogen, der Strand hat Massagequalitäten: Mini-Krabben sind bei der Arbeit. Sie graben Löcher und werfen dabei den Sand auf, formen ein großes Muster aus vielen kleinen Sandperlen. Die Füße laufen wie über einen weichen Teppich. Es fühlt sich wunderbar an.

Die „Trash Heros“ sammeln Müll am Strand von Nopparat Thara. Foto: Karin Kura
Strand von Koh Lipe. Foto: Karin Kura
Flaschenverschlüsse haben die Müllsammler am Strand gefunden. Foto: Karin Kura

Thailand hat perfekte Strände zum Baden und Schnorcheln. Sonntagvormittags jedoch prägt nicht nur Badeidylle das Bild am Nopparat Thara: Die „Trash Heroes“, auf Deutsch „Müllhelden“, kommen. Sie treffen sich zum Aufräumen. Die meisten der rund 20 Aktivisten, die heute zum Saubermachen gekommen sind, kennen sich schon. Es sind Familien mit Kindern und einige Mitarbeiter der Hotels in Ao Nang, einem der Haupttouristenorte im südlichen Thailand. Kaffee und Kuchen gibt’s zur Stärkung vorweg, dann schwärmen die Menschen aus, immer zu zweit. Ausgerüstet mit Stoff-Handschuhen und schwarzen Müllsäcken, laufen die Aktivisten langsam am Strand entlang, den Blick auf den Sand geheftet. Viele tragen gelbe T-Shirts, die sie als Trash Hero erkennen lassen. Es wird geplaudert und gelacht, das Müllsammeln wirkt wie ein nettes Sonntagsevent.

Anzeige

Die Fuß-Massage-Qualitäten des Strands nimmt kaum einer wahr, die Aufmerksamkeit gilt den Zigarettenstummeln, Plastiktüten, Plastikflaschen, Kronkorken, Bierdosen, Schuhsohlen, Styropor – alles Müll. Beim Aufsammeln mit dabei ist eine junge Frau aus Krabi. Sie erzählt, dass sie Reiseführerin ist und an diesem Sonntag ausnahmsweise frei hat. Sie ist zum ersten Mal bei einer Trash-Hero-Aktion dabei. Genauso wie die vier Kanadier, die in Ao Nang Urlaub machen. Übers Internet haben sie vom Cleanup (Deutsch: Aufräumen) erfahren. „Wir möchten etwas zurückgeben für unseren schönen Urlaub hier“, sagen die jungen Leute. „Und man kommt so ein bisschen mit den Einheimischen in Kontakt.“

Sie finden vieles, was vom Meer angespült wurde und auch Abfall, den die Strandbesucher hinterlassen haben. Keine großen Gegenstände, eher kleinteiliger Müll, wie man ihn genauso gut an Mittelmeerstränden sieht – zum Beispiel Plastiktüten-Fetzen, schon halb im Sand begraben. Selbst bei der zweiten Runde gibt’s noch etwas zum Aufheben oder Ausbuddeln. Das Cleanup stimmt nachdenklich.

Genau das ist das Ziel der Trash Heroes: „Wir wollen Bewusstsein schaffen und Menschen zum Mitmachen animieren“, erklärt Peter Kaudelka, der 2015 die Ao Nang-Gruppe gemeinsam mit seiner Frau Nan ins Leben rief. Peter kommt ursprünglich aus Hagen, der 53-Jährige lebt seit 2003 in Thailand. Dort gründete er eine Agentur, die für verschiedene Reiseveranstalter Touren durch Thailand organisiert. „Der boomende Tourismus ist Teil des Müllproblems, aber auch Teil der Lösung“, sagt er, „schließlich wollen Urlauber eine saubere Umwelt, niemand möchte an einem verschmutzten Strand baden.“

Die erste Aufräumaktion fand 2013 auf der Insel Koh Lipe statt, initiiert vom Schweizer Trash-Hero-Gründer Roman Peter. Der IT-Fachmann fand hier sein Paradies, die kleine, leicht hügelige Insel in der Andamanensee war damals noch ein echter Geheimtipp. Allerdings ein Paradies mit Schönheitsfehlern. Beim Tauchen und an den Stränden stieß Roman Peter immer wieder auf angeschwemmten Zivilisationsmüll. So beschloss er aufzuräumen, fand ein paar Mitstreiter und startete die ersten Cleanups.

Anzeige

Koh Lipe ist die südlichste Insel Thailands, nahe Malaysia. An den pudrigen Sandstränden liegen Bungalowanlagen, es gibt viele Thai-Massage-Liegen und chillige Bars, in denen Fruchtcocktails und einheimisches Chang-Bier getrunken wird. Das Leben spielt sich barfuß ab. Trubelig wird’s am Abend in der Walking Street am Pattaya Beach. Urlauber spazieren an Geschäften und Bars vorbei, Live-Bands spielen, Mopeds schlängeln sich durch die Menschenmenge.

Koh Lipe ist von etlichen unbewohnten Inseln und umgeben, die zum Tarutao-Nationalpark gehören. Davor liegen Korallenriffe. Zu einer Schnorcheltour fährt man mit einem knatternden Longtail-Boot von Koh Lipe aus zu den Nachbarinseln. In der bunten Unterwasserwelt trifft man auf schwarz-weiß-gestreifte Wimpelfische und Papageienfische, während auf dem Meeresgrund Seeigel mit langen schwarzen Stacheln funkeln. Ihnen kommt man besser nicht zu nahe. Silbrig schimmernde Fischschwärme teilen sich vor der Schnorchel-Maske. Eine See-Schlange windet sich elegant durch die Korallen hindurch. Sie interessiert sich auf einmal für eine Schnorchlerin. Eine kurze Dreh-Bewegung, und schon ist der Blickkontakt da, Auge in Auge. Knapp unter der Wasseroberfläche schwimmt die Schlange auf die Schnorchlerin zu. Mit einer schnellen, heftigen Flossenbewegung – viel Wasser aufwirbelnd – tritt diese hastig den Rückzug an.

Währenddessen hat Peter Kaudelka am Strand Plastikmüll aufgespürt. Zwischen Palmen und Büschen liegen weggeworfene Wasserflaschen. Für Peter alltägliche Routine, er ist eigentlich immer ein Müll-Held. „Wenn ich auf meinen Touren Abfall sehe, dann nehme ich den mit“, erzählt er. Auch seine Mitarbeiter schwört Peter auf Umwelt-Achtsamkeit ein. So gibt es zum Lunch für die Reisegruppen statt in Plastik verpackte Sandwichs ein thailändisches Reisgericht in einer Box. Sie wird später ausgewaschen und neu verwendet.

Für Sauberkeit sorgen in Thailand zwar auch die Nationalpark-Verwaltungen, aber deren Mittel sind beschränkt. Auch einige Hotels reinigen ihre Strände selbst. Im Norden der Insel Koh Lanta, drei Stunden mit dem Speedboot von Koh Lipe entfernt, herrscht in einer Meeresbucht sogar striktes Rauchverbot, damit die Giftstoffe aus den Zigarettenstummeln nicht in die Umwelt gelangen.

Das sonntägliche Aufräumen am Nopparat Thara-Beach in Ao Nang dauert etwas mehr als zwei Stunden. Am Ende wird der Abfall sortiert und gewogen, heute haben die Trash-Heroes 20 Kilo gesammelt. Das ist wenig. Oft kommen 100 Kilo zusammen, wie Nan Kaudelka berichtet. Und natürlich weiß sie: „Der Müll kommt wieder“. Laut einer aktuellen Studie des WWF landen jährlich acht Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren. „Aber immerhin, für heute haben wir ihn weggeschafft“, sagt Nan. „Früher waren die Strände hier sehr schmutzig, inzwischen schätzen auch viele Einwohner einen sauberen Strand und helfen mit.“

Trash-Hero-Gruppen sind vor allem in Thailand und Indonesien aktiv, weltweit beteiligen sich derzeit rund 230 000 Menschen in zwölf Ländern an den Aufräumarbeiten. Zudem betreibt die Non-Profit-Organisation Aufklärung in Schulen, sie produziert wiederverwendbare Trinkflaschen und Einkaufsbeutel, um die Plastikflut einzudämmen. „Wir prangern niemanden an, wir denken positiv“, beschreibt Nan Kaudelka die Philosophie der Bewegung. Unterstützung kommt jetzt auch von Regierungsseite: Thailand hat das Ende der Plastikbeutel eingeläutet, seit Anfang des Jahres verteilen die großen Supermärkte keine kostenlosen Exemplare mehr. Ab 2021 sollen die Wegwerftüten komplett verboten werden.

Von Karin Kura