Van Gogh in Übergröße

Die Bildprojektionen erfüllen den kompletten Raum. Foto: Wulf-Ingo Gilbert

Die Provence war für den Maler zu Lebzeiten ein Ort der Inspiration. Im südfranzösischen Les Baux werden nun seine Werke in einer überdimensionalen Multivisionsschau inszeniert.

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. Es ist ein wenig wie bei Alice im Wunderland. Nur, dass das Kaninchenloch, durch das Alice stürzt, in diesem Fall die Größe einer Zimmertür in den Carrières, den ehemaligen unterirdischen Kalksteinbrüchen von Les Baux hat. Wer sie durchschritten hat, glaubt sich ähnlich wie Alice in einer Märchenwelt, einer anderen Dimension angekommen zu sein – in einer sich fortwährend bewegenden Farbexplosion zu klassischer und bluesiger Musik.

Die Bildprojektionen erfüllen den kompletten Raum. Foto: Wulf-Ingo Gilbert
Die Burgruine von Les Baux. Foto: Wulf-Ingo Gilbert
Van Goghs Gemälde Sternennacht als Projektion. Foto: Wulf-Ingo Gilbert

Die Menschen, die die kleine Tür durchschritten haben, stehen still mit offenen Mündern und bestaunen das Schauspiel an den hohen Wänden eines durch mächtige Pfeiler in mehrere Areale unterteilten riesigen Saals. Denn der fließende Wechsel von Farben, die sich bald als Gemälde entpuppen, lassen einen zunächst einmal ganz schwindelig werden. Man muss sich des festen Bodens unter den Füßen versichern, weil das Auge in dem fortwährenden Farbenmeer, das über die Dutzende Meter langen Wände brandet, zunächst keinen Halt findet.

Was da in einer einstündigen monumentalen Bilderschau über die 14 Meter hohen Wände und Pfeiler, über Decke und Fußboden gleitet, sind Meisterwerke von Vincent van Gogh (1853-1890). Bilder wie die „Sonnenblumen“, „Der Kartoffelesser“, „Das Schlafzimmer“ oder die der Show ihren Namen gebende „Sternennacht“. „Van Gogh – La nuit étoilée“ lautet denn auch der Titel der atemberaubenden Multimediaschau.

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Carrière de Lumière haben die Macher den seit 2012 existierenden gigantischen Schauspielort inmitten der französischen Alpillen genannt, einer karstigen, fast nicht sehr lebensfreundlichen Gegend inmitten der Provence. Bilder von Picasso und seinen Kollegen, von Hieronimus Bosch und seiner Zeit, von Gustav Klimt waren dort schon jeweils ein knappes Jahr zu sehen.

Culturespace heißt das die Carrières betreibende Unternehmen, das nach eigenem Bekunden historische Denkmäler und Museen verwaltet, Kunstzentren schafft und eindringliche zeitlich begrenzte digitale Ausstellungen organisiert. Neben Les Baux betreibt es zwölf weitere Einrichtungen, etwa zwei Museen in Paris, das Amphitheater in Nimes, das römische Theater in Orange und die Cité de l’Automobile in Mulhouse.

In den Carrière des Lumière läuft die van-Goghsche Bilderschau laut Culturespace über 70 Videoprojektoren. Gesteuert von 70 Servern projizieren sie die Gemälde im fortlaufenden Wechsel unterlegt mit Musikstücken wie „Die Moldau“ oder aber Bluesstücken von Janis Joplin an Wände und Decken. Darunter sind neben den bekannten Werken, Arbeiten aus den äußerst produktiven letzten zehn Lebensjahren des Meisters. Dazu zählen auch Selbstporträts wie auch historische Bilder der Orte, an denen der niederländische Maler lebte.

Wem das noch nicht reicht, der kann in einem kleineren Saal eine Retrospektive zum französischen Regisseur Jean Cocteau sehen, der in den Carrières seinen „Orpheus“ drehte. Überhaupt sollen die Carrières, in denen über Jahrhunderte Kalksteine abgebaut wurden, schon Dante zu seinem „Inferno“ inspiriert haben.

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Wieder am Tageslicht, lohnt ein Besuch in dem auf einem Kalkfelsen thronenden Städtchen Les Baux – der Name resultiert aus dem provenzalischen Wort Baou, das so viel wie schroffer Felsen bedeutet – mit seiner weithin sichtbaren Festungsruine. Auch sie wurde aus den in den Carrières abgebauten Steinen erbaut. Auf dem Plateau vor der Burg wie auch in der von etlichen Touristen durchströmten 360-Einwohner-Stadt, die lange als Lehen zum monegassischen Herrschaftsgebiet gehörte, sind bis Mitte Oktober Werke des Münchner Künstlers Stefan Szczesnys zu sehen, der zu den „Neuen Wilden“, einer künstlerischen Bewegung der 80er-Jahre zählt. Der Weg zur Burg ist gesäumt von einigen großformatigen Szenenfotos aus dem jüngsten Film über Vincent van Gogh „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“.

Überhaupt ist die Umgegend von Les Baux geprägt von dem niederländischen Maler, der einst im nahe gelegenen Arles wohnte und große Teile seines Lebens in der Provence im Kloster St. Paul de Mausole, einer Nervenheilanstalt, im knapp zehn Kilometer nordöstlich von Les Baux gelegenen St. Rémy de Provence zubrachte. Dort durchlebte er, inspiriert von dem besonderen Licht der Provence, seine größte Schaffensphase, in der auch das für die Schau in den Carrière de Lumière titelgebende Gemälde „Sternennacht“ entstand. Ein Van-Gogh-Wanderweg führt in St. Rémy vorbei an überdimensionalen Reproduktionen der wichtigsten Werken des niederländischen Meisters.