Die Eintracht-Saison, Teil 3: Wo war die Führungsfigur?

aus Eintracht Frankfurt

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Frankfurts Daichi Kamada (von li.), André Silva, Aymen Barkok, Timothy Chandler und Filip Kostic im Spiel gegen Freiburg.  Foto: dpa

Eintracht Frankfurt hatte in der vergangenen Saison viele hochkarätige Spieler auf dem Platz. Doch ein echter Anführer innerhalb der Mannschaft hat gefehlt.

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FRANKFURT. Die Fakten sind eindeutig: Eintracht Frankfurt hat 60 Punkte geholt in der abgelaufenen Saison, so viele wie nie zuvor. Und sie hat sich als Fünfter für die Europa-League qualifiziert. „Es war eine hervorragende Saison“, sagt Vorstandssprecher Axel Hellmann. Fakt ist aber auch: Die Eintracht hat in den letzten sieben Spiele einen Sieben-Punkte-Vorsprung verspielt und das Ziel aller Träume, die Champions-League, verpasst. „Es ist eine Enttäuschung, dass wir das nicht erreicht haben“, sagt Hellmann. Viel erreicht also, aber auch viel verschenkt. Zwischen diesen beiden Polen hat sich die Saison der Eintracht bewegt. In der Verantwortung für das sportliche Abschneiden stehen der Sportvorstand, der Trainer und die Mannschaft. Unser Mitarbeiter Peppi Schmitt beleuchtet in einer dreiteiligen Serie die Rollen von Fredi Bobic, Adi Hütter und den Profis.

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Teil 3: DIE SPIELER

Die Eintracht hat in dieser Saison gegen alle großen Mannschaften Punkte geholt. Die Bayern, Dortmund, Wolfsburg und Leverkusen wurden mindestens einmal geschlagen, gegen Leipzig wurde zweimal Unentschieden gespielt. Das zeigt, welche Substanz im Team gesteckt hat. Dass die entscheidenden Punkte im Kampf um die Champions-League ausgerechnet gegen Absteiger wie Schalke und Bremen und gegen Abstiegskandidaten wie Mainz, Bielefeld und Köln verloren wurden, zeigt aber ebenso, was der Mannschaft bei all den Nebengeräuschen um den Abgang von Trainer und Sportvorstand gefehlt hat.

Die Spieler haben für die großen Momente gesorgt. Die Spieler sind aber auch für die größten Enttäuschungen verantwortlich. Platz fünf mit einem eher durchschnittlich besetzten Kader beweist die Klasse der einzelnen mit alle ihren Schwankungen. Torwart Kevin Trapp hat eine gute, keine überragende Saison gespielt. Tuta war die größte Überraschung. Der junge Brasilianer ist fast nahtlos in die Fußstapfen des Argentiniers David Abraham getreten. Dennoch hätte Abraham der Eintracht im Finish gutgetan.

Vielleicht hätte es sich gelohnt, ihn im Winter doch noch zu überzeugen, seine Karriere erst nach Saisonschluss zu beenden. Wie fragil das gesamte Gebilde war, wurde an Martin Hinteregger besonders deutlich. In Topform ist der Österreicher sicher einer besten Innenverteidiger der Liga. Er hat das Herz am richtigen Fleck, schont weder sich noch die Gegner. Nach einer Verletzung im späten Frühjahr aber hat der Abwehrchef nicht mehr zur ganz großen Form zurückgefunden. Auch private Probleme sollen daran einen Anteil gehabt haben. Ein Phänomen bleibt Makoto Hasebe. Der 37 Jahre alte Japaner hat durchweg gute Leistungen gezeigt, nicht nur als „Libero“, wenn er sich in Zweikämpfen ein wenig zurücknehmen konnte, sondern auch im Mittelfeld mit einem „Röntgenblick“. Wo andere laufen müssen, „sieht“ Hasebe. Eine erneute Vertragsverlängerung ist der verdiente Lohn.

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Auch Evan Ndicka, manchmal „Bruder Leichtfuß“, Djibril Sow, Anfang des Jahres überragend, zum Ende nicht mehr, und Sebastian Rode, fleißig auf dem Rasen, mutig am Mikrofon, haben eine gute Saison gespielt. Insgesamt aber war der Defensivverbund nicht gut genug, um das ganz große Ziel zu erreichen.

Hohes Niveau in der Offensive

Je weiter es nach vorne ging, desto überzeugender spielten die Frankfurter. Durchgängig auf hohem Niveau haben sich der „König der Vorbereiter“ und „Flankomat“ Filip Kostic, und der Torjäger André Silva präsentiert. Daichi Kamada hat sich zwischen Genie und Wahnsinn bewegt, mal als genialer Denker und Lenker und Vorbereiter, dann wieder als Spaziergänger ohne Körpersprache und Durchsetzungsvermögen. Bei ihm wusste der Trainer nie, was er bekommt. Luka Jovic, im Winter von Real zurückgeholt, litt sichtlich unter mangelnder Spielpraxis und überhöhten Erwartungen.

Zur Personifizierung der gesamten Berg- und Talfahrt der Eintracht wurde Amin Younes. Er war es, der in vielen Spielen den Unterschied gemacht hat. Unter Adi Hütter war er aufgeblüht, sogar den Weg zurück in die Nationalmannschaft hat er sich erdribbelt. Dann kam das Spiel in Dortmund und ein Disput mit dem Trainer in der Halbzeitpause. Über Grund und Inhalt gibt es inzwischen unterschiedliche Erzählungen. In der einen habe der Spieler vom Trainer mehr Respekt in der Ansage und im Umgang eingefordert. In der anderen wird berichtet, dass Younes in der Kabine völlig außer Kontrolle geraten war und sich im Grunde geweigert habe weiterzuspielen. Danach sei er trotz einer Entschuldigung am Tag darauf innerhalb der Mannschaft isoliert gewesen. Fortan jedenfalls wurde Younes immer weniger eingesetzt und seine unstrittig vorhandenen Qualitäten wurden schmerzlich vermisst.

Dass in der kurzen Pause vor den letzten drei Spielen einiges aus dem Ruder gelaufen ist, darf nicht nur dem Trainer angelastet werden. Niemand hatte die Spieler gedrängt während eines Kurzurlaubs rund um den 1. Mai sich in Flieger zu setzen und durch Europa zu jetten. Einige sollen sich sogar bei anderen Vereinen vorgestellt und Gespräche über Wechsel zur Unzeit geführt haben. Silva war darunter, auch Ndicka. Silva freilich ist nichts vorzuwerfen, er hat ja weiter zuverlässig getroffen, seine Arbeit bis zum letzten Tag erfolgreich verrichtet. Besonders glücklich aber waren die Reisen in diesen Zeiten nicht.

Aber: Es gilt uneingeschränkt, dass diese Mannschaft in der abgelaufenen Saison großartige Auftritte hingelegt hat. Nicht nur 60 Punkte, so viele wie noch nie, sind dafür Beleg. Mehr noch Leistungen in einzelnen Spielen. Der Sieg gegen die Bayern (2:1) führte zu Begeisterungsstürmen. Der Sieg gegen Wolfsburg (4:3) war vielleicht das größte Spektakel der Saison in der gesamten Liga. Der Sieg (2:1) in Dortmund nach mehr als zehn Jahren Erfolglosigkeit bei der Borussia ein historisches Ereignis. Es war einfach nur schade, dass die treuen Fans wegen der Pandemie keinen dieser Triumphe live bejubeln konnten.

Anführen muss im Blut liegen

Sogar dass der Eintracht am Ende die Luft ausgegangen ist, wäre verzeihlich – wäre es nicht eine solch einmalige Chance gewesen. Und wäre es nicht so unnötig gewesen. Natürlich hat die Unruhe um Bobic und Hütter sich in den Köpfen festgesetzt, dennoch wäre es leicht möglich gewesen gegen Mainz und Schalke mehr als nur einen Punkt zu holen. Und ein einziger Sieg mehr hätte ja schon für die „Königsklasse“ gereicht. Doch im Endspurt hat es an Führung gefehlt, von außen und von innen. Es sind viele Worte gefallen von Seiten der Spieler, aber wenige Taten gefolgt. Eine echte Führungsfigur hat gefehlt, ein Anführer, obwohl genug gute und sehr gute Fußballer in der Mannschaft stehen.

Doch Anführen muss Spielern im Blut liegen, Kevin-Prince Boateng war in der jüngeren Eintracht-Geschichte so einer. Vielleicht hat auch „Capitano“ David Abraham mehr gefehlt als die meisten zugeben wollten. Kevin Trapp könnte eine solche Rolle am ehesten ausfüllen, aber als Torwart ist er nun mal weit vom Schuss. Andere wie André Silva oder Makoto Hasebe, auch Filip Kostic, waren und sind eben keine Führungspersönlichkeiten. Das mag man beklagen, aber ändern konnte es niemand.

Von Peppi Schmitt