Schuss nicht gehört, Geister nicht gerufen

aus FC Gießen

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FC Gießen empfängt Eintracht Stadtallendorf: Am Rande eines Spiels, das besser nicht stattfinden sollte und dann eben doch für Ablenkung sorgt, wenn der Ball erst rollt.

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GIESSEN. Das Privileg des Journalisten ist es, an Orte zu dürfen, die anderen Menschen verschlossen sind. Zum Beispiel zu Sportveranstaltungen im Lockdown - in einer Zeit, da Zuschauer nicht zugelassen sind. Und so findet man sich aus nachhaltigem Interesse, beruflicher Verpflichtung, aber auch in Vorfreude auf Abwechslung in der Shutdown-Tristesse am Samstag in einer schattigen Sitzschale der Haupttribüne des Gießener Waldstadions wieder.

Und ist verblüfft, denn so wenige Menschen sind gar nicht da. Gefühlt 20 Auswechselspieler und Offizielle von Eintracht Stadtallendorf sitzen auf der einen Seite, auf der anderen sind es Notvorstand Turgay Schmidt, Jugendkoordinator Robert Majcen und ein paar Getreue. Man stelle sich vor, die Gesellschafter der Sponsoren GmbH dürften auch noch kommen. Dann wäre richtig was los.

Fußball, Regionalliga, Samstagmittag. An einem Tag, an dem es wieder Corona-Rekordzahlen gibt. Ganz ehrlich: Man kann es gar nicht oft genug schreiben, wie bekloppt es ist, eine Amateurliga mit Profi-Einsprengseln in diesen Zeiten durchzuziehen. Die Verantwortlichen der Regionalliga GbR, das muss man konstatieren, haben den Schuss nicht gehört.

Und wir - auf der Tribüne - kaum einen Schuss gesehen. In dem Spiel des Vorletzten gegen den Letzten ist spielerisch viel Luft nach oben. Und Regionalliga-Luft gibt's an diesem Nachmittag reichlich über dem FC-Oval. Viel Luft hat auch der Eintracht-Staff, wie es neudeutsch heißt, mitgebracht. Die Tribünengäste feuern ihre grünen Jungs auf dem Rasen mit beeindruckender Intensität und Leidenschaft (selbst durch Masken) an, was sich durchaus auf die Spieler überträgt. Das schreckliche Wort "Mentalitätsmonster" wurde dafür im Pay-TV geprägt. Und so verfolgt man das erste Geisterspiel im altehrwürdigen Stadion bei strahlend blauem Himmel durchaus angespannt, denn es geht ja um was, denkt dann an das letzte Spiel des Vorgängervereins VfB 1900 Gießen in der Gruppenliga - und überlegt, dass da noch weniger Zuschauer waren. Heute sind es Geisterspiele, damals waren es wenig begeisternde Spiele.

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Von Weitem leuchtet dieser Tage die rote Jacke von Werner Damm von der Gegengerade. Der populäre Ex-Fernsehmann aus Reiskirchen kommentiert den Livestream, drei orangene Westen weiter steht der Rettungsdienst. Ob Werner Damm wohl auch erwähnte, dass man den Jungs mal richtige Stollenschuhe kaufen sollte? Der Rasen ist optisch prima, aber naturgemäß seifig. Das macht sich angesichts der Tatsache bemerkbar, dass der modern-modische Kicker heutzutage eher bunte Ballettschuhe als solide 18er-Alu bevorzugt. Und deshalb ständig auf der Nase liegt. So bleibt das Spiel auf überschaubarem Niveau, aber von Leidenschaft geprägt, die besonders in Durchgang zwei Stadtallendorf etwas prägnanter auf den Platz bringt, während Gießen spielerisch reifer wirkt, das aber nur 50 der 90 Minuten auch in Vorteile umzumünzen weiß. Das Privileg des Journalisten ist es, an Orte zu dürfen, die anderen Menschen oft verschlossen sind. Am Ende war es ziemlich kalt trotz des blauen Himmels. Doch es war schön, mal wieder da zu sein. Ablenkung vom Corona-Alltag, Abwechslung in der Lockdown-Ödnis. Abpfiff, Punkteteilung. Zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben - selbst das darf man aktuell im Grunde so nicht schreiben.

Rüdiger Dittrich