Gösta Kiefer schafft den Spagat

INTERVIEW  Kreisligatrainer leitet Fußballinternat des Zweitligisten SV Darmstadt 98

Gösta Kiefer (vorne) im Büro des Nachwuchsleistungszentrums des SV Darmstadt 98 mit Ex-Profi Petr Ruman (r.), Trainer der U 19, und Flavio Diogo, Coach der U 15. (Foto: Bethke)
Wiedersehen am Böllenfalltor: Dem für den SV Sandhausen spielenden Ali Ibrahimaj hat Gösta Kiefer (l.) den Sprung ins Profigeschäft geebnet. Als Trainer bei Rot-Weiß Darmstadt hatte der Kubacher den Offensivmann durch seine Kontakte zu Matthias Hagner, seinerzeit Trainer bei den Sportfreunden Siegen, zu den Westfalen vermittelt. Von dort schaffte Ibrahimaj über Waldhof Mannheim den Sprung in die 2. Bundesliga. „Ich habe Gösta einiges zu verdanken“, meinte der Sandhäuser beim Spontantreffen nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft. (Foto: Bethke)
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Am Sonntag stand der 35-jährige Kubacher als Trainer der SG Weilmünster/Laubuseschbach bei einem Kreisligisten an der Seitenlinie. Einen Tag später saß der Diplom-Sozialarbeiter als pädagogischer Leiter des Fußballinternats des SV Darmstadt 98 bei einem Zweitligisten im Büro. Im Sommer hatte Kiefer den Job im Schatten des Böllenfalltors übernommen. Ein mutiger Schritt, der den Kubacher in eine Welt geführt hat, die aus Tradition anders ist. Bei einem Besuch anlässlich des Freitagspiels der Lilien gegen den SV Sandhausen sprach Redakteur André Bethke am „Bölle“ mit dem Angestellten des Ex-Bundesligisten.

Von der Kreisliga in die 2. Bundesliga wie hast du diesen Sprung geschafft?

Gösta Kiefer: Ich bin ja vom Kreisliga-Platz ins Bundesliga-Büro gesprungen, von daher war es machbar. Neben den erfüllten Voraussetzungen durch mein Studium hatte ich vielleicht das Glück, dass der Verein einen Leiter für das Fußballinternat und die pädagogischen Belange des Nachwuchsleistungszentrums gesucht hat. Wobei klar war, dass die Stelle mit jemandem besetzt werden soll, der im Fußball schon im Leistungsbereich tätig war.

Auf welche Erfahrungen konntest du denn verweisen?

Kiefer: Ich war bei Eintracht Wetzlar und den A-Junioren SC Waldgirmes auf Hessenliga-Niveau aktiv. Später war ich vier Monate lang in der Fußballakademie von Ex-Bundesliga-Profi Wynton Rufer in Auckland in Neuseeland tätig. Dort habe ich auch gelernt, was es heißt, professionell im Fußball zu arbeiten.

Kann man da jetzt von einer Art Traumberuf sprechen?

Kiefer: Das muss man! Meinen Job gibt es rund 50 Mal in Deutschland. Und welcher Fußballer träumt nicht davon, sein Hobby zum Beruf zu machen? Jetzt sitze ich zwar nur im Büro, aber schaue den ganzen Tag auf unsere Trainingsplätze und was sich dort so tut. Ich fahre jeden Tag mit Spaß zur Arbeit. Es hätte also schlimmer kommen können.

Dem SV Darmstadt 98 wird in einer glattgebügelten Profiwelt ein ursprünglicher Charme nachgesagt, den man am Böllenfalltor nicht nur sehen, sondern auch riechen und schmecken kann. Was ist daran Legende, was stimmt?

Kiefer: Der Verein weiß, wo er herkommt. Vor nicht mal zehn Jahren hat der SC Waldgirmes hier ein Punktspiel in der Hessenliga gewonnen. Und Bayern München ist zu einem Benefizspiel angetreten, da der Verein vor der Insolvenz stand. Was seitdem, insbesondere in den letzten vier, fünf Jahren, passiert ist, hat wohl jeder Fußballfan in Deutschland mitbekommen. Nett ausgedrückt, hat das Stadion seinen Charme. Realistisch gesehen, ist es nicht mehr zeitgemäß. Verein und Stadt haben sich aber gegen einen Neubau entschieden. Das Böllenfalltor als Traditionsstandort wird bis 2020 im laufenden Betrieb modernisiert.

Der SV Darmstadt 98 ist aber nicht nur Stadion und Tradition, sondern wird von Menschen gelebt. Wie tickt die Führung?

Kiefer: Die Bedeutung dieser Menschen in der Führungsetage ist sehr groß. Wer unser Präsidium um Rüdiger Fritsch mal erlebt hat, der sieht, dass man hart und seriös arbeiten kann, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen. Aktionen wie letzte Saison, als der Verein das Stadion nach dem Tod von Johnny Heimes für die komplette Bundesliga-Runde nach ihm benannte, machen den Verein zu einer besonderen Erscheinung im bezahlten Fußball. Der Slogan „Aus Tradition anders“ trifft den Nagel auf den Kopf.

Dein Tagesablauf wird aber sicher weniger vom Hauch der weiten Fußballwelt als von den alltäglichen kleinen und großen Problemen der Nachwuchskicker im Leistungszentrum bestimmt. Wie müssen wir uns deinen Job vorstellen?

Kiefer: Abwechslungsreich. Vom Betrieb des Internats und der Zusammenarbeit mit Schule und Eltern über Schulungen mit Mannschaften aus dem Leistungsbereich, die uns die DFL vorgibt. Darüber hinaus bin ich im ständigen Austausch mit unseren Trainern etwa in punkto Belastungssteuerung. Denn neben sechs, sieben Trainingseinheiten auf dem Feld und weiteren zwei, drei im Kraftraum gehen die Jungs ja auch noch zur Schule. Das ist schon ein enormes Pensum. Aktuell stehe ich mit dem DFB in Kontakt, um in Darmstadt eine „Eliteschule des Fußballs“ zu installieren. Ansonsten bin ich daran, mit unseren Kooperationsschulen Konzepte zu entwickeln, wie Schule und Leistungssport noch besser verzahnt werden können, um weitere Trainingsmöglichkeiten zu schaffen.

Bist du auch so etwas wie der Kummerkasten der Jungs, die ja mitunter hunderte Kilometer entfernt von Zuhause leben?

Kiefer: Es kommt natürlich mal vor, dass die Jungs nach Rat fragen oder mir ihr Leid klagen. Aber im Großen und Ganzen lasse ich sie ihr Ding machen und bin da, wenn was ist. Das geht dann mehr in Richtung großer Bruder denn Elternersatz.

Du erlebst sicher auch Talente, die scheitern, deren Profitraum früh ausgeträumt ist. Welche Rolle spielen die Eltern, die ja sehr oft diesen Traum mitträumen und den eigenen Nachwuchs überschätzen?

Kiefer: Oft ist es für Eltern sogar schlimmer, wenn der Traum vom Profifußball platzt, da sie ihre Wünsche auf die Kinder projizieren. Natürlich wissen die Eltern es auch besser als Trainer oder NLZ-Leitung. Wenn der Lehrer in der Schule sagt, dass das Gymnasium doch nicht das richtige ist, schreien Eltern auch nicht Hurra. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Ich glaube, als Spieler merkst du schon, wenn es irgendwann nicht mehr reicht. Realistisch gesehen, kommen fünf bis zehn Prozent unserer Spieler im Profifußball an.

Das NLZ ist in den älteren Jahrgängen eng verzahnt mit der Profiabteilung. Wie müssen wir uns den Austausch vorstellen und wie weit wirst du von Cheftrainer Torsten Frings gehört oder gefragt?

Kiefer: Zwei meiner Internatsjungs aus der U19 trainieren regelmäßig bei den Profis, aber mich ruft Torsten nicht an und fragt, ob sie auch Hausaufgaben gemacht haben oder das Zimmer aufgeräumt ist. Das spielt im Profifußball dann auch keine Rolle. Da zählt nur noch Leistung. Wenn, geht es dann um organisatorische Dinge und die regele ich mit dem Teammanager.

Wie hast du die Verantwortlichen der Profiabteilung erlebt? Sind die auch „Aus Tradition anders“, wie es im Slogan des Vereins heißt?

Kiefer: Menschlich, authentisch, geerdet. Und ich glaube, dass es gerade das ist, was zum Verein passt. Bekannte Leute sind im täglichen Umgang ganz normale Menschen und Kollegen, wie sie jeder von uns hat.

Du bist ja nebenbei auch Trainer der SG Weilmünster/Laubuseschbach. Erlebst du manchmal Parallelen, wo du denkst, Kreisliga und Profigeschäft liegen doch gar nicht so weit auseinander?

Kiefer: Die Anzahl der vermeintlichen Experten unterscheidet sich sicher nicht und es wird nach den gleichen Regeln gespielt. Ansonsten sind es komplett verschiedene Welten.

Letztlich zählt im Fußball, egal ob in der Kreisliga oder in der Bundesliga, nur der sportliche Erfolg. Was aber bedeutet für dich in deinem Aufgabenfeld, dass du Erfolg hast?

Kiefer: Neben der Zertifizierung der NLZ mit bis zu drei Sternen werden auch die Internate der Proficlubs durch die DFL zertifiziert. Dort hat unser Internat vor Bayern, Leipzig und Dortmund als bestes abgeschnitten und es wurde erstmalig nichts durch die Prüfer beanstandet. Aber ist das Erfolg? Ich sehe das als Anerkennung für gute Arbeit.

Nach einem halben Jahr bei den Lilien, welche drei Begriffe fallen dir spontan ein, wenn du den Verein charakterisieren müsstest?

Kiefer: Familiär, volksnah und oft mit einem Augenzwinkern.

 

Das sagt der Chef

Herr Kopper, welche Erwartungen haben Sie an Gösta Kiefer, wo liegt Ihr Hauptaugenmerk?
Kopper: Gösta ist neben der Internatsleitung auch für die pädagogischen Belange aller Spieler im Nachwuchsleistungszentrum zuständig. Er steht den Spielern bei schulischen Fragen oder Fragen zur Berufsausbildung mit Rat und Tat zur Seite und unterstützt sie dort aktiv. Für die Internatsspieler ist er zudem Ansprechpartner für alle außersportlichen Belange.

Welche Eigenschaften zeichnen Gösta in der Arbeit mit den Jugendlichen aus?
Kopper: Wir haben in Gösta einen sehr engagierten und vor allem auch menschlich sehr tollen Kollegen dazu gewonnen. Er hat immer ein offenes Wort für die Jungs und setzt sich gerade in den Bereichen sehr für die Jungs ein, die im nichtsportlichen Segment liegen. Diese Rückmeldung ist für unsere tägliche Arbeit mit den Spielern sehr wichtig.

Und was halten Sie von Göstas Humor?
Kopper: Damit passt er super rein. Neben dem, dass wir natürlich Leistungssport von den Spielern abfordern, sind wir vor allem auch ein sehr humorvolles Nachwuchsleistungs­zentrum. Da trägt Gösta einen gehörigen Teil dazu bei.

Björn Kopper ist Leiter des Nachwuchsleistungszentrum des SV Darmstadt 98.

 

Zur Person

Gösta Kiefer (35) stammt aus Kubach. Der Diplom-Sozialarbeiter war vor seinem Engagement beim SV Darmstadt 98 in der Flüchtlings- und Schulsozialarbeit tätig. Seine fußballerische Laufbahn begann er bei seinem Heimatverein TuS Kubach. Nach Stationen bei SG Kubach/Edelsberg, FCA Niederbrechen, TuS Drommershausen und TuS Laubuseschbach begann Kiefer schon früh als Trainer. Über Eintracht Frankfurt, Onehunga Sports (Neuseeland), SC Waldgirmes, Eintracht Wetzlar und RW Darmstadt kam der Kubacher zur SG Weilmünster/Laubuseschbach. Mit der Taunuself strebt Kiefer in seinem dritten Jahr als Coach den Wiederaufstieg in die A-Liga an. (bk)


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