Am Schluss jubelt nur Hüttenberg

Freud und Leid liegen oft dicht beieinander: Während Christian Rompf (r.) vom TV Hüttenberg nach seinem Treffer die Fäuste ballt, kann Torhüter Benjamin Buric von der HSG Wetzlar offenbar nicht mehr hinschauen. ⋌(Foto: Weis) 

Per Tempogegenstoß erfolgreich: Kasper Kvist (r.) von der HSG Wetzlar trifft gegen Hüttenbergs Torhüter Matthias Ritschel.  

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„Das war ein gefühlter Sieg für uns“, sagte Christian Rompf, nachdem er sich aus der im Kreis tanzenden Traube seiner Teamkollegen gelöst hatte. Recht hatte der Linksaußen des TVH, denn der tapfere und nie aufsteckende Aufsteiger verdiente sich das am Ende gerechte 23:23 (10:13)-Unentschieden beim favorisierten Derby-Gastgeber in allen Belangen. „Das war eine unglaubliche Energieleistung“, stellte ein glücklicher Hüttenberger Trainer Adalsteinn Eyjolfsson nach intensiven 60 Minuten fest.
Für seinen Wetzlarer Kollegen Kai Wandschneider hieß es derweil – wie schon gegen Minden und in Hannover – von außen machtlos zu beobachten, wie sich seine Mannschaft um den Lohn einer starken Defensivarbeit brachte. „Wir haben zwei Mal einen Superstart in beide Halbzeiten, und dann bauen wir ab. Wir haben drei Probleme: Torhüter, Siebenmeter und freie Chancen, die wir nicht verwerten“, sagte der HSG-Coach.
Von diesen Mankos war zu Beginn nichts zu sehen. Geschlagene elf Minuten und 25 Sekunden hielten die Gastgeber hinten die Null. Was an der eigenen Abwehr und einem gut aufgelegten Benjamin Buric lag. Die HSG nahm dem schnellen Spiel von Dominik Mappes und Co. mit noch schnelleren Beinen die Geschwindigkeit. Und vorne suchten und fanden die Grün-Weißen in den ersten zehn Minuten entweder den vorher von Trainer Kai Wandschneider gewünschten Weg an den Kreis, wo Jannik Kohlbacher aus dem Eins-gegen-eins-Duell mit Mario Fernandes zwei Mal als Sieger hervorging. Und wenn die Wetzlarer andere Lücken in der 3:2:1-Deckung des Aufsteigers auftaten, gab es Siebenmeter, die Kristian Björnsen verwandelte. Auch zum 5:0 (8.) hatte der Norweger vom Punkt eingenetzt, dann vergaß seine Mannschaft aber die frühe Vorentscheidung. Fehlpässe, zu wenig Bewegung im Angriff und nach dem oben erwähnten ersten Gästetreffer durch Moritz Lambrecht weitere Unkonzentriertheiten – beim 8:5 (21.) war der Vorsprung bereits kleiner geworden.

Grün-Weißen liegen 20:15 vorne, doch verpasste Chancen und super kämpfende Gäste sorgen für das Remis

Auf Seiten der Hüttenberger sorgten die nach einer Auszeit von Coach Eyjolfsson eingewechselten Vladan Lipovina und Tomas Sklenak für Jubel unter den eigenen Anhängern. Vor allem der tschechische Routinier zeigte mit seiner Beweglichkeit, wie die physisch überlegene HSG-Abwehr zu überwinden ist. Und als Fabian Schomburg mit Ablauf der Uhr auch noch einen Strafwurf von Björnsen parierte, marschierte der Außenseiter mit drei Toren Rückstand (10:13) in die Kabine.
Das Momentum nach der Pause schien der Außenseiter zu verpassen, als Daniel Wernig beim Stand von 11:13 an Pfosten und Buric scheiterte. Die Wetzlarer wiederum ergriffen wieder die Initiative und zogen – mit einem sehr starken Mirkulovski an der Spitze – erneut scheinbar uneinholbar in Front. Doch der Mazedonier war ab dem 20:15 (47.) der „einzige bei uns, der Eier in der Hose hatte“, wie es HSG-Geschäftsführer Björn Seipp hinterher drastisch ausdrückte. Moritz Zörb, Mappes und drei Mal Wernig – auf einmal wurden die 4421 Zuschauer in der ausverkauften Rittal-Arena ab dem 20:20 doch noch Zeuge eines Derby-Krimis. Während die Gastgeber vorne nun reihenweise gut herausgespielte Gelegenheiten fahrlässig liegenließen, machten die Hüttenberger einfach weiter wie zuvor. Lange Angriffe, bis der freie Wurf kreiert war. „Außerdem haben die Jungs gekämpft wie die Löwen“, drückte Manager Lothar Weber seine Freude über das Comeback seines TVH aus. Am Schluss besaß der Außenseiter sogar die Möglichkeit zum doppelten Punktgewinn, doch der letzte Angriff führte nicht mehr zum Torerfolg. Trotzdem feierten die „Underdogs“ aus dem Handkäsdorf das Remis wie einen Sieg. „Wir sind im siebten Himmel und nehmen diesen Punkt gerne mit“, lächelte Eyjolfsson in die Runde. Jannik Kohlbacher hatte kurz zuvor die Wetzlarer Moral dieser besonderen Derby-Geschichte genannt: „Das tut richtig weh. Dieser eine Punkt ist eindeutig zu wenig.“

Wetzlar: Buric (1), Weber (49. bis 52.), Klimpke (n.e.) – Hermann, Kneer (2), Björnsen (5/4), Pöter, Ferraz (3), Mirkulovski (3), Holst (1/1), Forsell Schefvert, Kvist (2), Lindskog, Cavor (4), Kohlbacher (2).
Hüttenberg: Ritschel, Schomburg (ab 26.) – Stefan, Sklenak (4), Wörner, Lambrecht (1), Wernig (4/2), Rompf (4), Zörb (1), Fernandes (1), Johannsson (1), Sicko (n.e.), Mappes (1), Hofmann (1), Hahn, Lipovina (5).
Schiedsrichter: Schulze/Tönnies (Magdeburg) – Zuschauer: 4421 (ausverkauft) – Zeitstrafen: Wetzlar vier (Kneer zwei, Lindskog, Cavor), Hüttenberg sechs (Johannsson drei/rote Karte 54., Rompf, Zörb, Fernandes) – verworfene Siebenmeter: Björnsen (Wetzlar) scheitert an Schomburg (30.), Björnsen (Wetzlar) wirft übers Tor (45.).

 

Einzelkritik:

HSG Wetzlar
Benjamin Buric: Eine unauffällige Leistung des Bosniers, der bei einigen Bällen unglücklich aussah, aber auch gegen Vladan Lipovina in der 56. Minute den Rückstand verhinderte. ⋌(Note 3,5)
Nikolai Weber: Kurzarbeiter, sah beim Tor von Dominik Mappes zum 18:20 unglücklich aus und musste wieder raus. ⋌(ohne Note)
Alexander Hermann: Konnte an seine starke Darbietung von Hannover nie anknüpfen. Hatte Pech bei einem Pfostenwurf (12.), schloss in Überzahl neun Minuten vor dem Ende schwach ab. ⋌(Note 4)
Stefan Kneer: In der Abwehr der überragende HSG-Spieler, traf im Angriff aber - wie so oft - falsche Entscheidungen. ⋌(Note 3)
Kristian Björnsen: Die ersten vier Siebenmeter waren drin, dann verwarf er zwei nacheinander. Sein erstes und einziges Feldtor erzielte der Norweger in der 47. Minute zum 20:15. Für ein Mann seiner Klasse ist das zu wenig. ⋌(Note 4)
Philipp Pöter: Der Ex-Leipziger fiel bei seinen Kurz-Einsätzen kaum auf. Ließ sich in der Deckung einmal von Ragnar Johannsson austanzen. ⋌(Note 4)
Joao Ferraz: Licht und Schatten wechselten sich bei dem Portugiesen ab, der vor dem Seitenwechsel drei wichtige Treffer erzielte, nach Wiederbeginn aber abtauchte. ⋌(Note: 3,5)
Filip Mirkulovski: Die Schaltzentrale des Wetzlarer Angriffs. Alles lief über den Mazedonier, der in der Schlussphase Verantwortung übernahm. Bitter, dass Wetzlars Bestem im letzten HSG-Angriff ein technischer Fehler unterlief.⋌(Note 1,5)
Maximilian Holst: Von den Fans in der 46. Minute mit Applaus begrüßt. Nervenstark bei seinem Siebenmeter-Tor zum 22:21, unkonzentriert bei seinem Fehlwurf in der 50. Minute.⋌ (Note: 3,5)
Olle Forsell Schefvert: Spielte in der zweiten Hälfte des ersten Durchgangs anstelle von Anton Lindskog in der Deckung. Der Schwede stellte Sklenak, ließ sich aber von Lipovina mehrmals überrumpeln. ⋌(Note 4)
Kasper Kvist: Zwei Tempogegenstoßtreffer, ansonsten war der Linksaußen nicht ins Spiel gebracht worden,. Seine Flugeinlage bei seinem Tor zum 7:3 (17.) war sehenswert. ⋌(Note: 3)
Anton Lindskog: Der Hüne stabilisierte lange die Deckung, hatte jedoch Probleme mit dem flinken Sklenak. ⋌(Note 3,5)
Stefan Cavor: Auch für ihn gilt: Ein Spiel mit Licht und Schatten, wobei er nach einer besseren ersten Hälfte im zweiten Durchgang kaum Durchschlagskraft entwickelte. ⋌(Note: 3,5)
Jannik Kohlbacher: In der Anfangsviertelstunde nicht zu halten, dann stellten ihn die Hüttenberger besser zu. Ungewohnt, dass er völlig frei beim Stand von 20:19 nur die Latte traf.⋌(Note 3).

TV Hüttenberg
Matthias Ritschel: Zwei Paraden in 26 Minuten – der Keeper wurde von seinen Vorderleuten im Stich gelassen, schaffte es aber auch nicht sich mit Paraden Sicherheit zu holen. ⋌(Note 4,5)
Fabian Schomburg: Er hielt direkt vor der Pause einen Siebenmeter und rettete dieses Hochgefühl mit in die zweite Hälfte, als er zum großen Rückhalt des TVH avancierte. ⋌(Note: 1,5)
Tim Stefan: Entwickelte null Torgefahr von Rückraum links, spielte aber immerhin dizipliniert den Ball weiter ⋌(Note 4,5)
Tomas Sklenak: Mit ihm kam die Wende. Als der Tscheche nach acht Minuten eingewechselt wurde, erhielt der Angriff Struktur. Der Routinier machte Wirbel, war selbst torgefährlich und ein toller Vorbereiter. ⋌(Note 1,5)
Moritz Lambrecht: Hatte anfangs in der Deckung enorme Mühe, steigerte sich aber und hielt gegen Ende des Spiels die Abwehr zusammen ⋌(Note: 3)
Daniel Wernig: Lange spielte der Rechtsaußen keine Rolle, war in der Schlussphase aber präsent, als er seine Siebenmeter und einen Tempogegenstoß verwandelte.⋌ (Note 2,5)
Christian Rompf: Sein raffinierter Heber zum 21:21 war sehenswert. Der Linksaußen erzielte an alter Wirkungsstätte vier Treffer bei vier Versuchen in 30 Minuten Spielzeit. ⋌(Note 2)
Moritz Zörb: Im ersten Durchgang scheiterte der Kreisläufer frei an Buric, in der zweiten Hälfte machte er es besser. Insgesamt ein solider Auftritt.⋌ (Note 3,5)
Mario Fernandes: Der Kreisläufer brauchte einige Zeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Schaffte es anfangs nicht, Kohlbacher zu halten, war dann aber im zweiten Durchgang vorne wie hinten präsent.⋌ (Note: 3,5)
Ragnar Johannsson: Der Isländer kämpfte, belohnte sich aber zu selten. Ein Tor, jedoch drei Zeitstrafen – nach 54 Minuten war Schluss. ⋌(Note: 4)
Dominik Mappes: Der Mittelmann verteilte gut den Ball, entwickelte aber kaum Torgefahr. Immerhin stellte er sich als Halblinker in den Dienst der Mannschaft. ⋌(Note: 4)
Jannik Hofmann: Unauffälliger Auftritt des Linksaußen, der einmal aufs gegnerischen Tor warf und einmal traf. ⋌(Note: 3,5)
Tobias Hahn: Hatte keine nachhaltige Szene, machte keine groben Schnitzer. ⋌(Note: 3,5)
Vladan Lipovina: Kam nach acht Minuten und verließ nach 22 Minuten wieder den Platz, durfte aber prompt aufs Feld, weil Johannsson eine Zeitstrafe kassierte. Und auf einmal platzte der Knoten beim Ex-Wetzlarer, der wie schon gegen Melsungen einfache Treffer erzielte, seine Krönung jedoch verpasste, als er seinen Tempogegenstoß beim Stand von 21:21 verwarf. ⋌(Note: 2,5)

 

 


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