Ein Abstieg nach dem anderen

Fußball Bickens Christian Hesse klebt bei seinen bisherigen Clubs das Pech an den Stiefeln

Eine seltene Geste: Christian Hesse hadert, eigentlich nimmt der Mann vom TSV Bicken seine bisherige Bilanz als Fußballer locker. (Foto: Fingerhut)
Der gelbe Renault Megane leistet Christian Hesse auch auf den Fahrten zum Training des TSV Bicken weiterhin treue Dienste. (Foto: Bünger)
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Der Ruf, der dem 24-jährigen Fußball-Verrückten aus Biedenkopf vorauseilt, ist kein guter. Sechs Vereine, bei denen der knallharte Defensivspieler in den vergangenen sechs Jahren kickte, mussten prompt den Gang in die nächst tiefere Klasse antreten. In diesem Sommer wechselte der gelernte Industriekaufmann zum TSV Bicken. Und so, wie es aktuell für das Schlusslicht der Verbandsliga Mitte aussieht, könnte die besondere Geschichte des Christian Hesse im Mai 2019 eine weitere Fortsetzung erfahren.

Herr Hesse, Ihre unglaubliche Abstiegsserie scheint sich beim TSV Bicken fortzusetzen. Was halten Sie dagegen?

Christian Hesse: Ganz einfach: Bicken steigt nicht ab, weil wir irgendwann mal wieder einen kompletten Kader zusammen haben. Und dann sind wir nicht nur defensiv, sondern auch nach vorne stark genug, um drinzubleiben. Natürlich denke ich: Christian, vielleicht liegt das ja doch alles an dir. Aber ich bin ein positiver Mensch.

Genau aus diesem Grund holte Florian Kissel den „Wandervogel“ in sein Team. Nicht nur, weil der neue TSV-Trainer aufgrund der Schulterverletzung von Nils Benner einen Ersatz brauchte. Sondern auch, „weil Christian ein lockerer, lebensfroher Typ ist, der darüber hinaus sehr reflektiert wirkt. Und er hat eine super Einstellung zum Fußball, verpasst kein Training“, wie Kissel sagt. Kennen und schätzen gelernt haben sich die beiden bei einer Trainerausbildung in diesem Sommer in Grünberg, wo sie auf einem Zimmer waren.

Als Florian Kissel Sie Anfang August wegen eines Wechsels nach Bicken fragte, kam Ihre Zusage schnell. Eigentlich war Ihr Plan für die laufende Saison aber ein anderer, oder?

Hesse: Ich war mir mit dem VfB Wetter, meiner alten Liebe, schon einig. Auch weil ich seit Jahren ein Superverhältnis zu Armin Schmidt (Sportlicher Leiter beim VfB, Anm. d. Red.) pflege. Die Jungs hätten nur aufsteigen müssen. Doch dann kam das 0:5 in der Relegation in Wörsdorf, und aus der Traum von der Verbandsliga-Rückkehr. Gruppenliga kam und kommt für mich einfach nicht in Frage. Das ist nicht mein sportlicher Anspruch. Deshalb ist auch der VfL Biedenkopf für mich zurzeit kein Thema.

Die Karriere des gebürtigen Marburgers im Männerbereich begann 2012 zunächst mit einem Aufstieg. Beim VfB Wetter erlebte Hesse 2012 dieses für ihn einzigartige Gefühl unter der Ägide von Trainer Harry Preuß, der den Club über die Relegation in die Verbandsliga Mitte führte. An der Seite von Mario Ellerich und Robert Schulz verdiente sich der damals 18-Jährige seine ersten Sporen in Liga sechs. Der Premiere gegen die SG Oberliederbach folgten aber auch harte Wochen, in denen Hesse merkte, dass in einer Männermannschaft nicht nur intensiver trainiert wird, sondern auch auf dem Feld ein anderer Wind weht. Und so stieg Wetter 2013 unglücklich wieder ab.

Und Sie, Christian, zogen weiter. Stets mit der Belastung, weite Fahrten in Kauf zu nehmen. Warum?

Hesse: Wie ich schon sagte: Unter Verbandsliga geht für mich nicht. Da gibt es Schiedsrichtergespanne, da wird ein anderer Fußball gespielt. Das ganze Drumherum ist professioneller, auch wenn zum Teil dort weniger Zuschauer als in der Kreisliga am Rand stehen. Ich habe in den vergangenen Jahren über 70 000 Kilometer nur wegen Fußball mit dem Auto zurückgelegt. Weil Fußball alles für mich ist. Der Beruf darf darunter natürlich nicht leiden. Auch wenn ich manchmal montags an die Arbeit komme und ich schlechte Laune habe, weil wir am Wochenende verloren haben.

Das dürfte auch in der Zeit beim TuS Naunheim, bei dem Hesse nach seinem Wechsel aus Wetter anheuerte, der Fall gewesen sein. Denn mit dem Verbandsliga-Aufsteiger von der Lahninsel ging es 2013/14 sang- und klanglos sofort wieder runter. Es folgte ein halbes Jahr bei den Sportfreunden Siegen, mit der Hoffnung auf Einsätze in der Regionalliga. Doch der damalige Trainer Matthias Hagner setzte verstärkt auf Erfahrung, so dass der Youngster in der „Zweiten“ eingesetzt wurde. In der Winterpause der Spielzeit 2014/ 15 zog es Hesse zum KSV Baunatal, wo er mit der Verbandsliga-Truppe immerhin knapp dem Gang nach unten entging. Eine Ausnahme, wie sich danach zeigen sollte. Dem halbjährigen Gastspiel beim späteren Absteiger SG Kinzenbach und dessen damaligen Trainer André Weinecker folgte ein spezielles Abenteuer für den Abwehrmann.

105 Kilometer eine Strecke von Biedenkopf nach Baunatal. Das war kaum zu toppen …

Hesse: Doch. Denn nachdem es im Laufe der ersten Monate zwischen mir und André Weinecker in Kinzenbach nicht mehr so funktionierte, bin ich zum FC Eisenach. Die suchten einen Innenverteidiger. Ich war mit meiner Ausbildung fertig und dachte mir: Das probiere ich. Oberliga Thüringen, mal was ganz anderes. Trotz der Entfernung von meiner Wohnung bis zum Training.

Wie haben Sie das alles unter einen Hut bekommen?

Hesse: Ich bin direkt nach der Arbeit um 16 Uhr los, damit ich um 18.30 Uhr im Training in Eisenach war. 150 Kilometer oder fast zwei Stunden Fahrt, das war nicht immer leicht. Auch die Wochenenden waren weg. Wir haben unter anderem in Bischofswerda gekickt, da musste ich sonntags um vier Uhr morgens raus, Treffpunkt zur Abfahrt war um sieben Uhr. Aber es war top. Die ganze Vorbereitung auf ein Spiel, alles professioneller als in meinen Clubs davor. Und der Fußball, der da gespielt wurde, lag mir mehr.

Beschreiben Ihren Spielstil.

Hesse: Ich bin ein harter Hund. Es muss ordentlich zur Sache gehen. Da gibt es auch mal Trash Talk bis zum Umfallen auf dem Platz. Vorher und nachher bin ich ein netter Typ, aber im Fußball will ich gewinnen. Auch im Training. Ich erinnere mich da an eine Szene in Naunheim, als ich einen Teamkollegen ordentlich gepiesackt habe. Als Revanche hat er mir im Zweikampf meinen Schuh an der Seite komplett aufgerissen.

Für die Spielweise sind vier gelb-rote und drei rote Karten in sechs Jahren aber verhältnismäßig wenig. Glück gehabt?

Hesse: Wahrscheinlich. Hart, aber fair. Ich würde gegenüber Leuten, die mich für mein Fußballspiel oder meine vielen Vereinswechsel kritisieren, kein Blatt vor dem Mund nehmen. So wie Gennaro Gattuso, Maik Franz oder Stefan Effenberg. Das sind meine Vorbilder.

2016 wechselte der inzwischen als Medizinfachberater bei der Biedenkopfer Firma Kaphingst arbeitende Hesse zum VfB 1900 Gießen. Den er auf den vorletzten Metern seiner Vereinsgeschichte bis zum Gang in die Gruppenliga ebenso begleitete wie den TSV Mengsberg in der vergangenen Runde. Für die als Fahrstuhlmannschaft bezeichnete Truppe aus dem Ortsteil der Gemeinde Neustadt war die Saison 2017/2018 eine zum Vergessen. Abstieg Nummer sechs für Christian Hesse, der nun also mit seinem persönlichen Wiedererkennungsobjekt, dem gelben Renault Megane, die – für seine Verhältnisse als Kurzstrecke geltende – knapp 39 Kilometer nach Mittenaar auf sich nimmt, um beim TSV Bicken sein Glück zu (ver)suchen.

Und was bleibt an Platz für Familie, Freizeit oder Freundin?

Hesse: Meine Familie ist mir sehr wichtig, mein Papa Timo unterstützt mich seit Jahr und Tag. Vor allem, wenn es um Fußball geht. Das ist wie erwähnt mein Leben. Urlaub habe ich letztes Jahr mal drei Tage auf Mallorca gemacht. Ansonsten gehen die freien Tage und die Überstunden, die ich an der Arbeit sammle, für Fußball drauf. Ich lebe danach. Da hätte es eine Freundin schwer, die müsste das verstehen oder voll mitziehen.

Eigentlich verschafft sich Christian Hesse also Topvoraussetzungen, um konzentriert und erfolgreich Fußball zu spielen. Doch irgendwie klebt ihm das Pech an den Stiefeln. Das zeigen alleine die Zahlen und Fakten der letzten sechs Jahre.

 

Zur Person

Christian Hesse, geboren am 12. Februar 1994 in Marburg, spielte als Fußballer in der Jugend für den VfL Biedenkopf, den VfB Wetter, den FC Ederbergland und den VfB Marburg. Sechs seiner acht Vereine im Männerbereich, bei denen der aktuell für den TSV Bicken aktive Abwehrspieler seit 2012 auf insgesamt 95 Punktspieleinsätze kam, stiegen direkt wieder ab (siehe unten). Seine Eltern Timo und Kerstin, die aus Dresden stammen, wohnen in Biedenkopf, Schwester Isabell lebt in München. Hesse arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Medizinprodukt-Berater bei der Sanitätshaus-Kette Kaphingst.

Hesses Abstiegsbilanz: VfB Wetter (Saison 2012/13: 16. Platz/48:86 Tore/26 Punkte), TuS Naunheim (2013/14: 18./ 42:115/13), SG Kinzenbach (2014/15: 15./36:58/30), FC Eisenach (2014/15: 16./17:102/ 8), VfB 1900 Gießen (2016/17: 17./30:96/15), TSV Mengsberg (2017/18: 17./20:103/7).


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