HSG Wetzlar zeigt ihr Heimgesicht

Handball 29:26 gegen die TSV Hannover-Burgdorf

Nicht zu halten: Joao Ferraz im Tempogegenstoß gegen Hannovers Torwart Martin Ziemer. (Foto: Weis)

Soweit ist es zwar noch nicht, aber zumindest ist den Bundesliga-Handballern der HSG Wetzlar die Generalprobe geglückt. Denn gegen die TSV Hannover-Burgdorf, auf die die Domstädter am 5. Mai beim Final Four in Hamburg im Kampf ums Endspiel im DHB-Pokal treffen, setzten sie sich mit 29:26 (14:13) durch.
„Ich bin einfach stolz. Das war grandios“, sagte HSG-Trainer Wandschneider. Nur drei Tage nach der deprimierenden 29:31-Niederlage bei den Eulen Ludwigshafen meldeten sich die Grün-Weißen damit eindrucksvoll zurück. Dabei musste Wandschneider am frühen Morgen die erste Hiobsbotschaft einstecken: Zwar stand der Österreicher Alexander Hermann nach seiner bei der EM erlittenen Knieverletzung erstmals wieder im Kader, dafür meldete sich Nikolai Weber mit einer Grippe ab. Doppelt ärgerlich für den Kapitän: Der Keeper sollte eigentlich gegen seinen Ex-Verein zwischen den Pfosten beginnen. So hütete Benjamin Buric das Tor. Und obwohl sich der Bosnier mal wieder selbst übertraf und vor allem in der Schlussphase wichtige Bälle hielt, war der Held des Tages ein anderer: Joao Ferraz. Der Portugiese erwischte einen Sahnetag. Der Linkshänder stand in der Abwehr seinen Mann, setzte seine Mitspieler gekonnt in Szene und war immer wieder dann mit einem Treffer zur Stelle, wenn er gebraucht wurde. „Es macht im Moment einfach Spaß, ihm zuzuschauen“, lobte Wandschneider seine Nummer 9. Ferraz selbst gab sich nach dem Abpfiff bescheiden: „Ich habe versucht, das Beste für das Team herauszuholen, und ich bin froh, wenn ich meinen Teil zum Erfolg beitragen konnte. Wichtig war aber, dass wir uns die Punkte, die wir in den vergangenen Begegnungen liegengelassen haben, nun wiedergeholt haben.“
Trumpfte Ferraz über 60 Minuten bei den Hausherren groß auf, war es bei den Niedersachsen ebenfalls ein Linkshänder, der zumindest im ersten Durchgang auf sich aufmerksam machte: Kai Häfner erzielte bis zum Pausenpfiff vier Treffer. Der Europameister von 2016 brachte mit einem „Hammer“ aus dem Rückraum sein Team mit 9:8 nach vorne (21.). 240 Sekunden vor dem Seitenwechsel war es beim TSV Timo Kastening, der per Tempogegenstoß die Führung auf 13:11 ausbaute. Wandschneider reagierte und legte die grüne Karte auf dem Tisch. Die Unterbrechung tat den Wetzlarern gut. Ausgerechnet in Unterzahl, Ersatzkapitän Evars Klesniks brummte eine Zeitstrafe ab, drehten sie die Partie. Stefan Kneer war für die 14:13-Pausenführung verantwortlich.

Im zweiten Durchgang greifen beide Trainer in die Taktikkiste, doch es sind die Grün-Weißen, die sich absetzen

Für den zweiten Durchgang griffen die beiden Trainer, Wandschneider bei den Lahnstädtern und Antonio Carlos Ortega bei den Hannoveranern, in die Taktikkiste. Um Ferraz Pausen zu geben, spielte Stefan Cavor für ihn in der Deckung. Der Montenegriner, der von seinem Coach nach den schwachen Auftritten zuletzt öffentlich angezählt worden war, erledigte seinen Job mehr als ordentlich. Überhaupt war es die gegen Ludwigshafen kritisierte zweite Garde, die dafür sorgte, dass die Gastgeber sich den entscheidenden Vorsprung erspielten. „Unsere Wechsel haben geklappt“, freute sich der Übungsleiter der HSG. Denn nach dem 20:20 (45.) – wieder hatte Wandschneider eine Auszeit genommen – waren es unter anderem Philipp Pöter und Cavor, die mit ihren Toren mitverantwortlich für einen 4:0-Lauf waren. „In dieser Phase haben wir zu viele Fehler gemacht“, analysierte Ortega hinterher. Der spanische Coach reagierte und brachte knapp zehn Minuten vor dem Ende den siebten Feldspieler. Eine Maßnahme, die Wirkung zeigte. TSV-Regisseur Morten Olsen, der mit seinen Schlagwürfen zuvor immer wieder an Buric gescheitert war, nahm nun das Heft des Handelns bei den „Recken“ in die Hand. Der dänische Olympiasieger setzte seine Kollegen gekonnt in Szene, so dass die Mannen aus Dutenhofen und Münchholzhausen noch einmal kräftig zittern mussten. Erst recht, als 120 Sekunden vor dem Abpfiff Mait Patrail für den Gast auf 26:27 verkürzte. „Wir sind aber stabil geblieben“, bemerkte Wandschneider. Die dritte Englischen Woche in Folge schien seinen Schützlingen (Pöter: „Wir waren frisch“) kaum etwas auszumachen. Vor allem der Ex-Hannoveraner Filip Mirkulovski und Ferraz hatte noch Sprit im Tank. Letztgenannter war es auch, der eine halbe Minute vor dem Ende sein Herz in die Hand nahm und das erlösende 28:26 erzielte. Dass Patrail einen Angriff später in Buric seinen Meister fand und Kristian Björnsen sogar noch zum 29:26 einwarf, ging im Jubel fast unter.
Nach der geglückten Generalprobe war Geschäftsführer Björn Seipp dennoch bemüht, die Euphorie zu bremsen: „Mir wird im Umfeld zu viel über den Pokal gesprochen. Unser Fokus muss auf der Bundesliga liegen.“ Doch selbst sein Pendant auf Hannover-Seite, Benjamin Schatton, blickte schon Richtung Hamburg: „Ich kann den Fans nur empfehlen: Packen Sie Ihre Tasche und kommen Sie mit. Einer wird mit einem Lächeln aus dem Spiel gehen.“ Das waren am Sonntagnachmittag die Spieler der HSG Wetzlar. Auch wenn es noch nicht das Halbfinale im Pokal gewesen war.

Wetzlar: Buric, Klimpke (bei einem Siebenmeter) – Hermann (n.e.), Kneer (2), Björnsen (4), Pöter (1), Ferraz (5), Mirkulovski (4), Volentis (n.e.), Holst (5/4), Forsell Schefvert (1), Kvist (3), Klesniks, Lindskog, Cavor (1), Kohlbacher (3).
Hannover-Burgdorf: Ziemer, Semisch (bei einem Siebenmeter, ab 51.) – Johannsen, Mortensen (7/3), Patrail (3), Pevnov (2), Lehnhoff (n.e.), Häfner (5), Atman (1), Böhm, Olsen (2), Brozovic (5), Kalafut (n.e.), Feise (n.e.), Christophersen, Kastening (1).
Schiedsrichter: Thöne/Zupanovic (Berlin) – Zuschauer: 4214 – Zeitstrafen: Wetzlar eine (Klesniks), Hannover-Burgdorf vier (Häfner, Böhm, Christophersen zwei) – verworfener Siebenmeter: Holst (Wetzlar) scheitert an Ziemer (4).

 

Holst sorgt für Ärger 

Für Maximilian Holst könnte die Partie gegen die TSV Hannover-Burgdorf noch ein Nachspiel haben. Als der Linksaußen nach knapp 20 Minuten von Kasper Kvist ersetzt wurde, zeigte der Linksaußen mit seiner Mimik deutlich, was er von seiner Auswechslung hält. Fast teilnahmslos verfolgte der Siebenmeterspezialist in der Folge die Begegnung von der Bank aus. Das entging auch Wandschneider nicht. „Dazu werde ich öffentlich nichts sagen“, gab der 58-Jährige zu verstehen. (tis)

 

Das lief gut

- Die HSG und speziell Torhüter Benjamin Buric hatten sich gut auf TSV-Spielmacher Morten Olsen eingestellt.

 - Joao Ferraz überzeugte mit viel Übersicht: Ungewöhnlich für einen Rückraumhalben.
 - Wetzlars Trainer Kai Wandschneider sorgte mit seinen Auszeiten dafür, dass sein Team danach wieder auf dem Feld glänzte.
 - Anders als noch in Ludwigshafen, als der Gegner eine Aufholjagd startete, blieben die Domstädter cool.

Das lief schlecht 

 - In eigner Überzahl kassierte die HSG nach einer 18:16-Führung zwei Treffer in Folge zum Ausgleich.
 - Jannik Kohlbacher erarbeitete zwar viele Siebenmeter, scheiterte aber zu oft an TSV-Torhüter Martin Ziemer. ⋌(tis)

 

 


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