Ein letztes Mal "Moin, Moin"

Sportressortleiter Albert "wie das weiße Pulver" Mehl geht nach bald vier Jahrzehnten in den Ruhestand.

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. GiessenManche Kollegen behaupten, die Ansage auf seinem Anrufbeantworter habe er kurz nach der Festanstellung beim Gießener Anzeiger gesprochen. "Hans Albers ist immer noch auf Entziehungskur...und ich besuche ihn gerade." Es klingt in den Ohren. Und es klingt schon sehr lange in den Ohren.

Die Geschichte des Anrufbeantworters beginnt in Deutschland im Jahr 1953, da war sogar Albert noch nicht geboren, auch wenn es sich nach gut und gerne 40 Jahren im Sport-Journalismus, davon 35 Jahre in Festanstellung beim Anzeiger, anfühlt, als sei er immer schon da gewesen. Albert Mehl, "wie das weiße Pulver", wie er Anrufern in der Redaktion seinen Nachnamen mitzuteilen pflegt, wird den Anrufbeantworter nicht mehr so oft brauchen. Albert Mehl geht in Ruhestand. Gibt's nicht? Gibt's doch!

Was das bei dem Vereins-, Sport-, Funktionärs-, Dorf- und Gartenmenschen heißt, kann man sich lebhaft vorstellen. Er wird viel zu tun haben. Albert Mehl, das darf man nach knapp drei Jahrzehnten der Zusammenarbeit getrost sagen, ist ein Original. Bei ihm geht viel zusammen, worauf man nicht so schnell kommen würde, dass es tatsächlich zusammenpasst. Albert liebt Karl May und Hans Albers, hat viel mit Kunst am Hut (und das sogar Richtung Lehramt studiert), er ist ein bekennender Holzheimer, der genauso davon schwärmt, durch Portugal zu reisen. Albert ist Handballer (gewesen), Handball-Fachmann geworden, behauptet, in frühester Jugend Nordhessenmeister im Basketball gewesen zu sein, was aber selbst strengste Recherchen nicht zu verifizieren wussten. Albert ist Anhänger des Hamburger SV, geprägt zu Ur-Zeiten, als Charly Dörfel und Uwe Seeler unter der Raute spielten, aber die Leidenschaft fürs runde Leder gilt wesentlich intensiver dem kleineren Ball, der mit der Hand bespielt wird.

Albert Mehl ist ein Funktionärsmensch, der in Vereinen aller Art und der Kirche im Besonderen Verantwortung übernimmt, was ihn nie davon abgehalten hat, das Funktionärswesen journalistisch immer vehement auf den Prüfstand zu stellen. Albert liebt seine Wetterau (nebst Baumstück) und ist ständig im Schwarzwald. Zuhause hat er den Freisitz, dort den Kaiserstuhl. In den vergangenen Jahren war er so oft in Oberammergau, dass ihm schon angedichtet wurde, er würde bei den Passionsspielen eine tragende Rolle spielen. Mit blonder, offener Mähne.

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Albert ist ein Mann des Wortes und des gepflegten Schwarzbiers, wenn er nach einem heftigen Spätdienst mit "ordentlich Durscht" noch einmal im KW einkehrt. Genauso gut kann er aber auch erlesene Weine degustieren, wobei er eher sagen würde: probieren, ob's schmeckt.

Die Sprache nutzt Albert (zumindest schriftlich) gerne klar und deutlich, viele Girlanden braucht er nicht, um auf den Punkt zu kommen. Der Pseudowichtigkeit transportierende Neusprech, "welche Kanäle man denn bespielen wolle", ist ihm suspekt. Wer mit Worten Menschen erreichen will, braucht kein künstliches Geplänkel, das die Sprache verdirbt.

Albert Mehl hat Wörter erfunden, die sich dann als echt heraus stellten. Finassieren hatte er dereinst geschrieben, keiner wollte ihm glauben, dass es das gibt. Finassieren? Gibt's. Seitdem ist es in der Sportredaktion ein geflügeltes Wort geworden, für alles, was man machen kann. Finassieren geht immer. Was es heißt? Fragen Sie doch Albert.

Albert Mehl hat, als Artikel noch durchtelefoniert wurden, das Frauenhandball-Phänomen TV Lützellinden durch Europa begleitet, sich aber auch stets für die Randsportarten stark gemacht. Denn auch wenn er zunächst laut und polterig scheint, so ist er doch still und zugewandt, wenn es um Menschen geht, für die nicht alles selbstverständlich ist. Eine Serie über ein Kind mit Down-Syndrom war ihm immer ein wichtiges Anliegen. Als die alten Wegbegleiter Willi, Dieter und John Anfang des Jahrtausends noch mit in der Redaktion saßen, ging es schon mal rund. Albert war nicht der leiseste. Er kann deutlich werden, knorzig, aber nachtragend ist er nicht. Der Nachgang zu den legendären Sonntagsdiensten "bis in die Puppen" endete oft in den frühen Morgenstunden. Und als auch bei Albert die verfluchte digitale Welt zuschlug, gelang ihm ein Wunder: "Ich habe das Internet gelöscht.", sagte er mit Panik in der Stimme gen Leitstand. Alberts Sprüche könnten ebenso Bände füllen wie die Abertausende von Artikeln, Kolumnen, Kommentaren. Darunter auch der kürzeste Block E aller Zeiten - es war kein Platz, Albert schrieb einen Witz.

Albert Mehl ist 1956 geboren und geht jetzt nach vier Jahrzehnten in den Ruhestand. In den letzten Jahren hat er die Sportlerwahl noch gehätschelt und gepflegt, die Bühne gefällt ihm durchaus, das Mikrofon braucht er zwar nicht - mit seinem Organ. Dem Sport aber eine Stimme zu geben, das ist sein Ding.

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Zuletzt hat er in verantwortlicher Position die Sportredaktionen in Wetzlar und Gießen geleitet. Albert war viel unterwegs. Man hört ihn immer, wenn er durch die Gänge huscht: "Moin, moin" ist der Gruß, der jedem gilt, dem er begegnet. Dabei hat er ein Aktenbündel unterm Arm, das er am Abend genau so wieder mitnimmt. Was da drin ist, wissen wir nicht. Was in Albert drin ist, das schon: Ein Original. Im Ruhestand.

Rüdiger Dittrich für die Kollegen