Bei John Degenkolb geht rechtzeitig der Puls wieder hoch

Das Finale von Eschborn-Frankfurt 2021: Jasper Philipsen siegt vor John Degenkolb und Alexander Kristoff (rechts). Alle drei Radprofis sind auch am Sonntag wieder am Start - und äußerten sich am Vorabend zu ihren Plänen. Foto: dpa

Der Radprofi ist heiß auf den Klassiker Eschborn-Frankfurt, aber auch Konkurrenten wie Philippsen, Kristoff und Politt. Stimmen der Topfahrer vor dem Rennen am 1. Mai.

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FRANKFURT. Der Radklassiker Eschborn-Frankfurt ist zurück auf seinem Traditionstermin. Am 1. Mai warten 184 schwere Kilometer auf die Profis, von denen vier am Vorabend des Rennens über ihre bisherige Saison, ihre Pläne für Sonntag und ihre Gedanken sprachen. Nachfolgend Aussagen der drei Podiumsfahrer aus dem Vorjahr und eines weiteren deutschen Profis während des Topfahrer-Meetings im Dorint-Hotel in Sulzbach, wenige Kilometer entfernt vom Startort Eschborn, wo um 12.15 Uhr der Startschuss des Profirennens fallen wird.

Das Finale von Eschborn-Frankfurt 2021: Jasper Philipsen siegt vor John Degenkolb und Alexander Kristoff (rechts). Alle drei Radprofis sind auch am Sonntag wieder am Start - und äußerten sich am Vorabend zu ihren Plänen. Foto: dpa
Das Finale von Eschborn-Frankfurt 2021: Jasper Philipsen siegt vor John Degenkolb und Alexander Kristoff (rechts). Alle drei Radprofis sind auch am Sonntag wieder am Start - und äußerten sich am Vorabend zu ihren Plänen. Foto: dpa

Jasper Philipsen (Belgien/Team Alpecin Fenix), Vorjahressieger: Das ist ein Rennen, das mir sehr gut liegt. Du musst aber die Berge erst einmal überleben und ich hoffe, dass mir das diesmal wieder gut gelingt. Ich habe letztes Jahr viel gelitten, hatte im Taunus Krämpfe, war schon zweimal abgehängt. Aber meine Teamkollegen haben alles dafür getan, damit ich im Finale noch vorne sein konnte. Letztes Jahr fuhren wir zu einem anderen Zeitpunkt, am Ende der Saison. Die Frische kann mir morgen vielleicht ein bisschen helfen. Ob die Startnummer 1 ein Vorteil ist? Ich hatte auch beim Scheldepreis vor drei Wochen die Nummer eins und er hat sie mir weggenommen (zeigt lächelnd auf den neben ihm stehenden Alexander Kristoff).

Alexander Kristoff (Norwegen/Team Intermarche-Wanti-Gubert), Vorjahres-Dritter und mit vier Siegen Rekordhalter bei Eschborn Frankfurt: Ich hab das Rennen hier ein paar Mal mit der Nummer 1 gewonnen, also hat Jasper diesmal wohl einen Vorteil. Ich sehe viel von mir in Jasper. Ich habe in Frankfurt auch nie gewonnen, ohne dass ich vorher nicht schon mal abgehängt war. Der Sieg beim Scheldepreis war das erste Solo in meiner Profilaufbahn, aber so etwas erwarte ich nicht für morgen. Ich erwarte wieder einen Sprint einer großen Gruppe, so war es die ganzen Jahre. Wir haben mehrere Karten, wir sind für mehrere Varianten vorbereitet. Das Biniam Girmay (Anm. der Redaktion: der Profi aus Eritrea gewann als erster afrikanischer Profi einen Frühjahrs-Klassiker) so stark fährt, ist auch gut für mich. Ich werde ja auch älter und habe nichts dagegen, wenn die jungen Fahrer nachkommen.

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John Degenkolb (Team DSM), Lokalmatador, Sieger von 2011 und im Vorjahr zum dritten Mal Zweiter am 1. Mai in Frankfurt: Grundsätzlich ist das Feld hier immer so ausgelegt, dass viele Teams bergfeste Sprinter dabei haben. Man muss auch sehen, welche Seilschaften geschlossen werden und wenn Einigkeit herrscht, läuft es hoffentlich wieder auf einen Sprint hinaus. Das Schöne an dem Rennen ist aber auch, dass man es nie berechnen kann. Keiner kennt das Rennen besser als ich, das motiviert mich natürlich, alles rauszuhauen. Letztes Jahr hat auch keiner mit mir gerechnet und ich war relativ nah dran am Sieg, und das ist wieder die Zielsetzung. Bei der Streckenbefahrung hat mich heute ein junger Teamkollege gefragt: Hast du hier schon mal gewonnen? Ich sagte: Ja, 2011. Und er meinte: Das ist ja elf Jahre her. Ich habe in dieser Saison bislang stabile Leistungen gezeigt, aber für ganz vorne hat es nicht gerecht. Bei Paris-Roubaix habe ich mich gut gefühlt und hatte definitiv Beine für eine Top Ten-Platzierung, aber die Rennkonstellation hat einfach nicht gepasst. Ich bin zufrieden mit dem Frühjahr, sehe aber noch Potenzial nach oben. Nach Paris-Roubaix habe ich vier fünf Tage erst mal gar nichts gemacht, es hat ein paar Tage gedauert, mich zu erholen. Aber der Puls geht bei hohen Intensitäten im Training wieder hoch, und das ist gutes Zeichen.

Degenkolb auf die Frage nach Jonas Rutsch, Radprofi aus Erbach im Odenwald und oft auch sein Trainingspartner: Er ist ein Top-Rennfahrer, der Megabock hat und supermotiviert ist. Die Klassiker-Saison lief nicht besonders gut für ihn. Und er will hier in Heimatnähe mit Sicherheit zeigen, was er drauf hat. Der Junge kann sich richtig selbst die Fresse polieren und Fahrern wie uns megaweh tun. Wenn er die richtige Gruppe erwischt, dann kann er richtig was bewegen.

Nils Politt (Team Bora-Hansgrohe), im Vorjahr Sieger bei der Deutschland-Tour und auf einer Etappe der Tour de France: Ich bin relativ gut durch den Winter gekommen. Nach der Mallorca-Challenge hat mich aber eine hartnäckige Bronchitis runtergeholt. Ich habe mich dann nicht lange genug erholt und das zu sehr verschleppt. Als ich dann bei "Quer durch Flandern" Fünfter wurde, hat sich das angefühlt wie ein Sieg. Bei Paris-Roubaix war ich dann wie John ein bisschen zu weit hinten, als es richtig losging. Insgesamt haben wir im Team in diesem Frühjahr mit vielen Krankheiten zu kämpfen, wir arbeiten uns aber hoch als Team, und der Doppelsieg von Aleks Vlasov und Sergio Higuita heute bei der Königsetappe der Tour de Romandie zeigt den richtigen Trend. Hier in Frankfurt sind wir als Team für alles gewappnet, haben mit Dany van Poppel und Sam Bennett zwei endschnelle Leute. Aber es gehen ja nach dem letzten Anstieg in Mammolshain immer mal wieder Gruppen weg. In Deutschland zu fahren, ist immer Motivation, eigentlich fahre ich in Deutschland meine besten Rennen. Ganz vorne reingefahren bin ich hier noch nicht, aber mal schauen, was geht.

Politt auf den Hinweis, dass sein Lieblingsverein 1. FC Köln in der Fußball-Bundesliga 4:1 gegen Augsburg gewonnen hat: Das ist schon Wahnsinn: Letztes Jahr hat die Mannschaft sich noch in der Relegation gerettet, jetzt spielt sie um Europa. Dazu gibt es eine schöne Geschichte: Als ich bei der Deutschland-Tour eine Etappe gewonnen hatte und im Teambus ankam, habe ich gesagt: Die Etappe ist mir egal, wie hat der 1. FC Köln gespielt?

John Degenkolb bekam daraufhin die Frage gestellt, ob er als Eintracht-Fan für einen Europacupsieg der Frankfurter sogar auf einen Sieg am 1. Mai verzichten würde. Der Radprofi überlegte lange, antwortete nicht, sagte aber: "Ich werde am Donnerstag beim Rückspiel gegen West Ham United auf jeden Fall im Stadion sein".

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Jetzt muss er aber erst einmal Radrennen fahren...

Von Udo Döring