EM 1960: Ein Turnier der Kontroversen

aus Zeit-Lupe

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Die Fußballer der Sowjetunion feiern 1960 den Titel bei der ersten EM überhaupt. Screenshot: ARD-Fotogalerie/Archiv

1960 findet die erste Fußball-Europameisterschaft in Frankreich statt – mit vielen Aufregern.

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. Von Marcel Fennel

Eine Fußball-Europameisterschaft ohne Deutschland, England und Italien? Was heutzutage undenkbar erscheint, war bei der ersten Auflage 1960 Realität. „Zwischen zwei Weltmeisterschaften ist der Neuaufbau einer starken Nationalelf die erste Aufgabe, da stört ein Europaturnier bloß“, so Bundestrainer Sepp Herberger. Und auch ein Europameister wie die Sowjetunion ist 2020 – mal abgesehen davon, dass das Land in dieser Form nicht mehr existiert – wohl nur schwer vorstellbar. Alleine diese beiden Fakten zeigen, dass die erste EM der Geschichte noch längst nicht den Glanz versprühte, wie sie es heute tut.

Am 6. Juli 1960 begann die Endrunde des „Europapokals der Nationen“, wie das Turnier offiziell genannt wurde, in Frankreich. Frankreich deshalb, weil das eigentlich für die Austragung vorgesehene Spanien in der mit 17 Mannschaften durchgeführten Qualifikation für einen politischen Eklat gesorgt hatte. Spanien um Weltstar Alfredo Di Stefano sollte zum Auswärtsspiel in die kommunistische Sowjetunion reisen, doch der faschistische General Franco verbot das. Die Sowjetunion wiederum weigerte sich, das Spiel auf neutralem Boden auszutragen, was zur Folge hatte, dass die Spanier am grünen Tisch den Kürzeren zogen. Nicht nur sportlich, sondern auch organisatorisch, denn für die Austragung der Endrunde kamen nur qualifizierte Teams in Frage.

Dazu zählten neben der Sowjetunion, der Tschechoslowakei und Jugoslawien eben auch die Franzosen, die in einem denkwürdigen Halbfinale den Jugoslawen 4:5 unterlagen. Diese trafen im Endspiel auf die Sowjetunion, die sich im zweiten Halbfinale 3:0 gegen die Tschechoslowaken durchgesetzt hatten. Vor nur 17966 Zuschauern im Pariser Prinzenpark siegten die Sowjets um Torwartlegende Lew Jaschin in einem dramatischen Match 2:1 nach Verlängerung. Wiktor Ponedelnik entschied die Partie in Minute 114 und durfte anschließend mit seinem Team den „Coupe Henri Delauney“, benannt nach dem EM-Ideengeber und Vater des damaligen Uefa-Generalsekretärs Pierre Delauney, in die Höhe strecken.