Die Inklusion beginnt im Beruf

aus Oranienstadt Dillenburg

Thema folgen
Erkin Cuvalli (links) von den Dillenburger Stadtwerken und Werkstatt-Mitarbeiter Matthias Bernhardt haben sichtlich Spaß bei der gemeinsamen Arbeit.  Foto: Schneider

Am Dienstag und Mittwoch hat das erste "Schichtwechsel-Projekt" der Lebenshilfe – in Zusammenarbeit mit der Stadt Dillenburg – stattgefunden. Menschen mit...

Anzeige

DILLENBURG. Am Dienstag und Mittwoch hat das erste "Schichtwechsel-Projekt" der Lebenshilfe – in Zusammenarbeit mit der Stadt Dillenburg – stattgefunden. Menschen mit und ohne Behinderungen lernten jeweils einen Tag lang die Arbeitswelt des anderen kennen.

8.30 Uhr am Dienstagmorgen. Werkstattleiter Lars Lückoff begrüß;t die Tauschpaare. Ein wenig aufgeregt und gespannt zugleich betreten die beiden Werkstattmitarbeiter Lejla Sabanovic und Matthias Bernhardt den Raum. Hier warten bereits zwei städtische Angestellte: Roland Matuschka ist bei der Poststelle der Stadt beschäftigt und Erkin Cuvalli arbeitet bei den Dillenburger Stadtwerken. "Es ist sehr gut, dass sich auf beiden Seiten Menschen gefunden haben, die sich dem Projekt stellen", sagt Lückoff.

Erster Stopp der Führung im Anschluss an das Kennenlernen ist der Montagebereich, in dem Bernhardt die zwei "Praktikanten" stolz in verschiedene Arbeitsprozesse einweiht. Ein interessierter Werkstattmitarbeiter nimmt die beiden "Fremdlinge" zunächst einmal genauer unter die Lupe. "Bist du Elektriker? Oder bist du Feuerwehrmann?" fragt er Roland Matuschka.

"Wir fördern mit dem Medium Arbeit", beschreibt Lars Lückoff das Konzept der Werkstätten

Anzeige

In der Montageabteilung wird hauptsächlich verpackt, geschraubt, geschweiß;t und montiert. Der Fokus liegt dabei auf der "Echtheit" der Arbeit. "Liefertermin bedeutet Liefertermin", macht Lückoff klar. Die Werkstätten tragen genauso Verantwortung wie jeder andere Betrieb: Es geht vor allem um Zuverlässigkeit und hohe Qualität. Gruppenleiter, die für je rund 14 Mitarbeiter zuständig sind, organisieren das rege Treiben in den Arbeitsbereichen. Ihre Aufgabe ist es, Pädagogik und Förderung auf der einen Seite mit der Produktionstätigkeit auf der anderen Seite zu vereinen. "Wir fördern mit dem Medium Arbeit", erklärt Lückoff.

Im Maschinenbereich schrauben die Beschäftigten beispielsweise rund 5000 Lager pro Woche zusammen, mit denen Terassen- oder Balkonböden millimetergenau ausgeglichen werden. Um möglichst viel Teilhabe und Abwechslung zu ermöglichen, können sich die Mitarbeiter selbst jeden Morgen auf einer Stellwand für die verschiedenen Arbeitsbereiche eintragen.

Bernhardt und Cuvalli sitzen sich im Montagebereich gegenüber und verpacken je fünf orangefarbene Kabel in Plastiktüten, die später zugeschweiß;t werden. Schon nach kurzer Zeit sind die beiden ein eingespieltes Team und fühlen sich in der offenen Werkstatt-Atmosphäre pudelwohl. "Das war auf jeden Fall ein abwechslungsreicher und lustiger Tag", sagt Cuvalli.

Lejla Sabanovic und Roland Matuschka verbringen den Tag im Berufsbildungsbereich, in dem der Werkstattzuwachs die ersten 27 Monate verbringt. In einer "Mini-Ausbildung" werden hier anhand von verschiedenen Tätigkeiten Stärken und Schwächen sowie persönliche Vorlieben getestet.

Am zweiten Tag des "Schichtwechsel" sind die Mitarbeiter der Lebenshilfe bei der Stadt im Einsatz

Anzeige

Daniel Groth, der sich bei der Stadt um die Schlossberganlagen kümmert, und Lebenshilfe-Mitarbeiter Stefan Benner verbringen ihren Tag in der Oberschelder Werkstatt. Hier muss das Team Kabel in eine Maschine einführen, die diese zurechtschneidet und auf eine Spule aufrollt. Später werden die Kabel für Aufzüge in Windrädern gebraucht. "Das war gar nicht so leicht", sagt Groth. Die bis zu einer tonne schweren Kabeltrommeln müssen erst einmal an Ort und Stelle gebracht werden.

8.30 Uhr am Mittwochmorgen. Matthias Bernhardt und Erkin Cuvalli kümmern sich um die Reinigung des Wasserwerks im Dillfeld. Bernhardt hilft tatkräftig mit, alte Filter durch neue zu ersetzen und die Anlage auf Vordermann zu bringen. Im Laufe des Tages lernt er eine ganze Menge über die Reinigungs- und Aufbereitungsprozesse, die das Dillenburger Trinkwasser durchläuft.

Das Zweiergespann Lejla Sabanovic und Roland Matuschka ist währenddessen fleiß;ig dabei, Briefe zu öffnen, zu sortieren und Rechnungen einzuscannen. Die Herbornerin findet sich in dem neuen Umfeld schnell zurecht und darf Matuschka auch auf Dienstfahrten innerhalb der Stadt begleiten.

Daniel Groth und Stefan Benner kümmern sich zusammen um die Schlossberganlagen. Benner ist nicht zum ersten Mal hier. Er hat bereits 2012 ein Praktikum gemacht und kennt den Wilhelmsturm in- und auswendig. Beide sortieren Broschüren und stellen Stühle für eine Trauung in der Villa Grün. Und am Nachmittag darf Stefan Benner die Karten für eine Kasemattenführung entwerten. "Natürlich hat das Projekt Spaß; gemacht", sagt er ganz selbstverständlich und freut sich schon jetzt auf ein weiteres Praktikum im nächsten Jahr.

"SCHICHTWECHSEL": BLICK ÜBER DEN TELLERRAND

Die Lebenshilfe möchte mit dem Projekt "Schichtwechsel" berufliche Integration fördern, Begegnungen schaffen und Klischees widerlegen. Teil der Gesellschaft zu sein und mit der Arbeit der Werkstätten an die Öffentlichkeit zu gehen, ist daher ein wichtiger Schritt in Richtung Eingliederung. So arbeiten Mitarbeiter der Werkstätten in der Haigerer Stadtbücherei, in kleinen Kaufläden in Donsbach und Nanzenbach sowie im Donsbacher Tierpark.

"Nach oben sind Integration keine Grenzen gesetzt", sagt Cornelia Schneider, Pressereferentin der Lebenshilfe. Die Lebenshilfe fragte für die Aktion gezielt Unternehmen an und stieß; bei der Stadt Dillenburg auf Interesse. Einen weiteren "Schichtwechsel" wird es im Herbst mit Outokumpu geben.

Den besonderen Reiz der Aktion macht aus, dass die Lebenshilfe-Mitarbeiter zu Experten werden, die den "Praktikanten" ihre Aufgaben zeigen und erklären. Von dem Blick über den Tellerrand profitieren beide Seiten. Die industrielle Vielfalt der Werkstätten sowie die Motivation und Kompetenz, die Menschen mit Behinderung mitbringen, stehen dabei im Mittelpunkt.

Die Lebenshilfe Dillenburg betreut knapp 600 Menschen mit seelischer oder körperlicher Behinderung an den fünf Standorten Dillenburg, Haiger, Oberscheld, Eibelshausen und Flammersbach. Neben Wohnheimen und der Frühförderung sind die Werkstätten Kern der Arbeit: Die jeweiligen Aufgaben sind dabei an die besonderen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Mitarbeiter angepasst. (elb)

Die Lebenshilfe möchte mit dem Projekt "Schichtwechsel" berufliche Integration fördern, Begegnungen schaffen und Klischees widerlegen. Teil der Gesellschaft zu sein und mit der Arbeit der Werkstätten an die Öffentlichkeit zu gehen, ist daher ein wichtiger Schritt in Richtung Eingliederung. So arbeiten Mitarbeiter der Werkstätten in der Haigerer Stadtbücherei, in kleinen Kaufläden in Donsbach und Nanzenbach sowie im Donsbacher Tierpark.

"Nach oben sind Integration keine Grenzen gesetzt", sagt Cornelia Schneider, Pressereferentin der Lebenshilfe. Die Lebenshilfe fragte für die Aktion gezielt Unternehmen an und stieß; bei der Stadt Dillenburg auf Interesse. Einen weiteren "Schichtwechsel" wird es im Herbst mit Outokumpu geben.

Den besonderen Reiz der Aktion macht aus, dass die Lebenshilfe-Mitarbeiter zu Experten werden, die den "Praktikanten" ihre Aufgaben zeigen und erklären. Von dem Blick über den Tellerrand profitieren beide Seiten. Die industrielle Vielfalt der Werkstätten sowie die Motivation und Kompetenz, die Menschen mit Behinderung mitbringen, stehen dabei im Mittelpunkt.

Die Lebenshilfe Dillenburg betreut knapp 600 Menschen mit seelischer oder körperlicher Behinderung an den fünf Standorten Dillenburg, Haiger, Oberscheld, Eibelshausen und Flammersbach. Neben Wohnheimen und der Frühförderung sind die Werkstätten Kern der Arbeit: Die jeweiligen Aufgaben sind dabei an die besonderen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Mitarbeiter angepasst. (elb)