Der Forschungszweig der Epigenetik beschreibt die Verbindung zwischen Umwelteinflüssen und Genen. Durch Umwelteinflüsse können Gene an- und abgeschaltet werden. Um diese Theorie begreifbar zu machen, nennen Mediziner das Beispiel von Raube und Schmetterling: Beide haben die gleichen Gene, sehen aber unterschiedlich aus.  Fotos: Colourbox

100 Mediziner und Heilpraktiker aus Deutschland kommen alle zwei Jahre nach Herborn. Dann lädt das in Hörbach ansässige Institut für Mikroökologie zur Fachtagung ein....

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Herborn. 100 Mediziner und Heilpraktiker aus Deutschland kommen alle zwei Jahre nach Herborn. Dann lädt das in Hörbach ansässige Institut für Mikroökologie zur Fachtagung ein. Geschäftsführerin Dr. Kerstin Rusch erklärt für Laien, welche Themen spannend waren.

Kongresse finden in groß;en Städten statt. Warum Herborn?

Dr. Kerstin Rusch: Weil wir stolz auf unsere Wurzeln sind. In den 60er Jahren wurde mein Schwiegervater, Mitbegründer des Instituts, für seine Theorie manchmal belächelt. Damals waren Bakterien "böse". Doch dass sie unser Dasein beeinflussen, dass sie nützlich sein können, zum Beispiel für unser Immunsystem, weiß; man erst heute. Jetzt überschlägt sich die Forschung. Ständig gibt es neue Studien und Erkenntnisse. Wir sind in der Fachwelt auch als "die Herborner" bekannt.

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Sie bieten einen Tag lang Vorträge für Fachpublikum. Ein Vortrag hat sich mit Epigenetik beschäftigt. Was ist das?

Rusch: Unsere Erbanlagen oder Gene verdanken wir unseren Eltern, so steht die genetische Ausstattung jedes Menschen fest. Aber die Genetik prägt uns nicht so unveränderlich, wie allgemein angenommen. Umwelteinflüsse können einzelne Gene in unterschiedlichen Situationen an- oder abschalten. Das ist Epigenetik und sie beeinflusst uns zu 80 Prozent.

Nennen Sie ein Beispiel.

Rusch: Dr. Torsten Plösch von der Universitätsklinik in Groningen in den Niederlanden hielt dazu einen Vortrag und nannte ein gutes Beispiel: Raupe und Schmetterling. Sie haben die gleiche genetische Ausstattung, sie sehen aber völlig verschieden aus, weil andere Gene angeschaltet sind.

Welche Gene an- und abgeschaltet sind, vererbt sich sogar an die nächste Generation – kann aber auch wieder rückgängig gemacht werden. Der Forschungszweig der Epigenetik beschreibt die Verbindung zwischen Umwelteinflüssen und Genen.

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Sind das Theorien, die in der Fachwelt umstritten sind?

Rusch: Es findet ein Umdenken statt. Forscher findet ständig neue Puzzlesteine.

Gibt es belastbare Studien?

Rusch: Untersuchungen belegen: Was wir essen, spielt in diesem Zusammenhang eine groß;e Rolle. Die Ernährung einer Schwangeren kann die Gene des ungeborenen Kindes an- oder abschalten und dadurch zum Beispiel das Risiko für eine spätere Fettleibigkeit verändern. In einer Untersuchung in England hatten Kinder mit einem zu geringen Geburtsgewicht ein größ;eres Risiko, später chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Neben unserer Nahrung können auch Darmbakterien und die von ihnen gebildeten Stoffe die Gene beeinflussen. Das bedeutet: Je nach Zusammensetzung der Darmflora sind unterschiedliche Gene an- oder abgeschaltet. Eine gestörte Darmflora hat demnach weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit.

Wird in Ihrem Institut in Herborn daran geforscht?

Rusch: Wir arbeiten in Projekten mit Hochschulen zusammen. Für uns steht der Nutzen für die Patienten im Vordergrund. Wir setzen aktuelle Forschungsergebnisse zur Darmflora in diagnostische Verfahren mit Therapieansätzen um, um den Patienten zu helfen. Viele Beschwerden lassen es nicht auf den ersten Blick erkennen, hängen aber mit einer gestörten Bakterienbesiedlung zusammen. Zum Beispiel ein erhöhtes Infektionsrisiko, Allergien oder Entzündungen, die zu chronischen Erkrankungen führen können.

Wie sieht das praktisch aus?

Rusch: Wir untersuchen die Stuhlproben, die der Hausarzt schickt. Aus Billionen von Bakterien erfassen wir Arten, die wichtig für unsere Gesundheit sind, prüfen, ob sie in ausreichender Menge vorhanden sind. Dann überlegen wir, wie wir gegensteuern können, welche Bakterien verabreicht werden sollten, damit die Darmflora ins Gleichgewicht kommt.

Hintergrund: Institut für Mikroökologie GmbH

Das Institut für Mikroökologie GmbH wurde 1954 gegründet, hat 100 Mitarbeiter. Es bietet Labordiagnostik und hausärztliche Versorgung an, speziell labormedizinische Untersuchungen der Darmschleimhaut sowie Darm-, Mund- und Vaginalflora. Geschäftsführerin ist Kerstin Rusch. Seinen Umsatz für 2015 gibt das Unternehmen mit 12,8 Millionen Euro an. (wes)

Von Maike Wessolowski