„Das Wetter ist die führende Fake-News“

INTERVIEW  Meteorologe Jörg Kachelmann spricht über schlechte Wetter-Apps, zuverlässige Vorhersagen

„Es wird nirgendwo sonst so viel Blödsinn geschrieben wie beim Wetter“, sagt Jörg Kachelmann. (Foto: dpa)

Welche Daten liefert die Nauborner Wettermessstation?

Jörg Kachelmann: Das ist zum Beispiel die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, die Niederschlagsmenge, die Windrichtung, Windgeschwindigkeit und Sonnenscheindauer. Das Ganze ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Firma Hund und uns.

Wieso ist Nauborn der richtige Standort für Ihre Wetterstation?

Kachelmann: Weil dort die Firma Hund steht (lacht). Die nächste Station ist Gießen, im Südosten kommt Bad Nauheim und im Westen kommt Löhnberg, im Nordwesten kommt Dillenburg. Von daher ist es eine sinnvolle Sache, die Wetterstation in Wetzlar zu positionieren – auch aufgrund der Größe des Ortes.

Wer sind Ihre Nutzer?

Kachelmann: Das sind Millionen Nutzer jeden Monat, wir haben an einem Tag zirka drei Millionen Zugriffe. Auf kachelmannwetter.com gucken die Wetzlarer, wie warm es ist.

Wie zuverlässig sind Wetterdaten?

Kachelmann: Die Daten sind sehr zuverlässig, weil sie beobachtet sind. Das „Super HD-Modell“, so nennen wir es, hat eine Auflösung von einmal ein Kilometer. Das ist auch in Deutschland das zuverlässigste.

Was halten Sie von Wetter-Apps?

Kachelmann: Die sind halt meist sehr schlecht, weil sie zumeist auf einem Modell beruhen, das alle 28 Kilometer einen Vorhersagepunkt hat. Die wissen nicht, ob es da eine Lahn oder Berg und Tal gibt. Für die ist Hessen ein überall gleichhohes Klötzchen. Aber da gibt es gravierende Unterschiede: Auf dem Berg oben, am Kalsmunt, kann es schon mal fünf bis zehn Grad wärmer sein an einem klaren Morgen als unten in Nauborn.

Und was halten Sie von 14-Tage-Vorhersagen?

Kachelmann: Das ist völliger Blödsinn, so wie es gemacht wird. Auf Ensemble-Vorhersagen kann man sehen, wie groß der Unsicherheitsbereich wird. Wenn es plus zehn, aber auch minus zehn Grad sein kann, ist die Vorhersage nicht mehr brauchbar. Schauen Sie selbst auf: https://kachelmannwetter.com/de/vorhersage/2866934-nauborn/ensemble/euro.

Welche Vorhersage ist denn seriös?

Kachelmann: Das kommt auf die Wetterlage an, manchmal ist es nach einem Tag vorbei, manchmal ist zehn Tage klar, was passiert.

Kann man denn heute bei der Vorhersage überhaupt noch daneben liegen?

Kachelmann: Na bei uns natürlich nicht (lacht). Es ist ja jetzt gerade wieder ein deutscher Tourist in Österreich eine Woche auf der Hütte gewesen, weil seine App sagte, es sei kein Problem und am nächsten Tag kam der Schneesturm. Es wird da so viel Schindluder getrieben. Eigentlich ist die führende Fake-News das Wetter. Es wird nirgendwo sonst so viel Blödsinn geschrieben. Die Schneekeulen, Russenpeitschen und Winteralarme, wenn es nur auf den Bergen ein wenig schneit. Der Blödsinn mit den Vorhersagen für eine ganze Jahreszeit. Reiner Unsinn, aber das Wetter kann nicht klagen und es klickt halt gut. Das Problem ist auch, dass die jüngere Generation das Wissen, was ein normaler Sommer ist und was nicht, vollends verloren hat. So wurde möglich, dass ein durchschnittlicher und etwas zu warmer Sommer wie der letzte als furchtbar empfunden wurde.

Es hieß jetzt, der Januar war der trübste seit Langem. Ist das das Wetter der Zukunft?

Kachelmann: Das hat nicht für Wetzlar gegolten (lacht). Wetzlar war sicher eine der trüberen Regionen, aber das ist auch ein bisschen Theater. Zum Beispiel: In Wetzlar scheint die Sonne im Winter durchschnittlich 50 Stunden im Monat, das heißt pro Tag rund eineinhalb Stunden. Wenn es in einem Winter einmal 40 Stunden sind, sind das 20 Prozent weniger. Das hört sich zwar dramatisch an, aber in einem normalen Sommer würden sie das überhaupt nicht merken. Das alles hat auch ein bisschen mit Deutschland zu tun: Die Externalisierung von Verantwortung ist eine deutsche Spezialität wie das Biowetter. Die Überzeugung, dass jemand anders schuld sein muss, wenn es einem schlecht geht. Man muss weit durch die Welt reisen, bis man andere Menschen findet die glauben, dass am eigenen Kopfschmerz oder anderem das Wetter schuld sei.

Wie würden Sie denn das Nauborner Klima beurteilen?

Kachelmann: Nauborn ist ein Ort, in dem es kaum möglich ist, eine Tropennacht zu erleben (lacht), also eine Nacht nicht unter 20 Grad. Wenn man allerdings einen der vielen Wetzlarer Türme besteigt, ist das anders: Dort kann man viele Tropennächte erleben. Ich war kürzlich auf dem Bismarckturm, da hätte ich gerne eine kleine Wetterstation für Wind und Temperatur.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2018
Kommentare (0)
Mehr aus Aus der Wirtschaft