„Wir wollen starke Nummer zwei sein“

Pfeiffer Vacuum:  Eric Taberlet gibt Wachstum und Internationalisierung als Ziel aus

Ein Wegweiser vor dem Aßlarer Unternehmenssitz mit den Entfernungen zu den Standorten weltweit macht klar, wie international Pfeiffer Vacuum ist. Eric Taberlet will das Gemeinschaftsgefühl stärken. (Foto: Gross)
Pfeiffer-Vacuum-Vorstandschef Eric Taberlet. (Foto: Gross)
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Monsieur Taberlet, wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach neun Monaten als Vorstandschef aus?

Eric Taberlet: Noch vor zehn Monaten war ich nicht darauf vorbereitet, in diese Position zu kommen. Es war eine große Überraschung. Jetzt, neun Monate später, bin ich begeistert. Ich wurde hier sehr herzlich aufgenommen. Ich fühle mich in Aßlar sehr willkommen und erfahre viel Unterstützung. Wir haben ein tolles Vorstandsteam, das gut zusammenarbeitet das ist sehr wichtig. Unsere erste große Herausforderung war das Investitionsprogramm. Es war nicht leicht, den Aktionären klarzumachen, dass wir dafür ihre Dividende kürzen. Nun haben wir es in der Hand, erfolgreich zu sein.

Wie wichtig ist Teamgeist für ein erfolgreiches Geschäft?

Taberlet: Sehr wichtig! Ein gutes Produkt allein reicht nicht aus, um erfolgreich zu sein. Bei den großen Themen arbeiten wir maßgeblich in Projekten, da kommt es auf das Zusammenspiel im Team an. Dafür brauchen wir eine schnelle und enge Kommunikation unter unseren Standorten weltweit. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Auch im Alltagsgeschäft mit Kunden wird der Austausch untereinander immer wichtiger, weil der Markt internationaler wird. Der neue Vorstand ist gerade dabei, den Weg dafür zu bereiten. Vor zwei Wochen wurde ein Programm B1T (Be one together) beschlossen, bei dem mit Hilfe einheitlicher IT und Kommunikation in den nächsten zwei bis drei Jahren ein globales Team Pfeiffer Vacuum – also ein Unternehmen über die Grenzen und Standorte hinweg – entstehen soll.

Wie halten Sie es mit Hierarchien? Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Mitarbeitern beschreiben?

Taberlet: Wir müssen die Managementkultur verändern. Noch sind wir altmodisch von oben nach unten organisiert. Gerade junge Leute erwarten aber, mit mehr Freiheiten und mehr Autonomie zu arbeiten. Das müssen wir als Vorstand berücksichtigen und Mitarbeiterteams mehr Autonomie einräumen, um so deren eigene Ideen und Kreativität zu fördern und sie bei der Umsetzung zu unterstützen. So werden wir auch als Arbeitgeber für die Generation Y interessant.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren in der Vakuumbranche tätig, vor allem im Markt des Hochvakuums für die Halbleiterfertigung. Was macht dieses Geschäft für Sie nach wie vor spannend?

Taberlet: Ja, ich kam nach dem Ingenieursstudium zu Alcatel. Wir hatten damals kein einziges Produkt für die Halbleiterbranche, ich erhielt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich das ändert. Wir starteten bei null. Wir kannten das Geschäft nicht, aber wir wollten ein Teil davon sein. Ich habe mich mit einem kleinen Team an die Arbeit gemacht. Für die älteren Kollegen war das alles sehr fremd, sie hielten das für Zeitverschwendung. Doch am Ende wurde es zum Hauptgeschäft für Alcatel in Annecy. Was es heute nach wie vor so spannend macht, ist die Tatsache, dass der Halbleitermarkt in ständiger Bewegung ist und sich dabei immer schneller verändert. Vor 30 Jahren wurden Halbleiter allein für Computer benötigt. Damals hatten wir noch keine Vorstellung von all den heutigen Anwendungen. Und wir wissen auch nicht, was in weiteren zehn Jahren möglich ist.

Aber es birgt auch Risiken, sich auf den konjunkturanfälligen Halbleitermarkt zu konzentrieren ...

Tarberlet: Das stimmt natürlich. Was wir aber nicht übersehen dürfen: Der weltweite Vakuummarkt hatte 2017 eine Größe von fünf Milliarden US-Dollar, in diesem Jahr wächst er aller Voraussicht nach um weitere zehn Prozent. Der Halbleitermarkt hat daran einen Anteil von 38 bis 40 Prozent. Die Folge ist, dass man in diesem Geschäft präsent sein muss, es ist ein großes Stück des Kuchens. Es ist der am schnellsten wachsende Markt. Aber Sie haben recht, die übrigen 60 Prozent des Vakuummarktes sind ebenfalls sehr wichtig. Wichtig ist, dass das Geschäft ausbalanciert ist. Pfeiffer Vacuum ist ausbalanciert. Wir sind im Stande, 90 Prozent des Gesamtmarktes abzudecken. Aßlar ist besonders stark im Markt für Mess- und Analysesysteme. Einer der Treiber ist auch hier die Halbleiterindustrie. Daneben gibt es für uns vielversprechende Märkte vor allem im Energiebereich, beispielsweise den Solarmarkt, LED, Displays für Smartphones, Monitore und Fernseher oder in der Biotechnologie.

Auch die Vakuumbranche zeigte sich zuletzt sehr dynamisch. Der Großkonzern Atlas Copco übernahm die beiden Spezialisten Edwards und Leybold, parallel versuchte die Busch-Gruppe Pfeiffer Vacuum zu übernehmen. Pfeiffer Vacuum wiederum kaufte den amerikanischen Komponenten-Hersteller Nor-Cal. Welche Position hat Pfeiffer Vacuum aktuell im Markt?

Taberlet: Wir sind die weltweite Nummer zwei. Unser Marktanteil liegt bei zwölf bis 15 Prozent. Aber es gibt mit Atlas Copco eine starke Nummer eins mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent und rund zwei Milliarden Euro Jahresumsatz. Hinter uns gibt es noch einige japanische Unternehmen. Wir müssen uns auf weitere Konsolidierungen in der Branche gefasst machen. Noch immer gibt es fünf ernstzunehmende Pumpenhersteller weltweit, ich glaube, dass es am Ende Platz für lediglich drei geben wird. Deshalb müssen wir unsere Position als Nummer zwei stärken. Durch organisches Wachstum wo immer dies möglich ist. Oder durch Akquisitionen, wo diese Sinn machen.

Welche Rolle spielt es in dieser Situation, dass Pfeiffer Vacuum nun einen Partner in der Busch-Gruppe hat?

Taberlet: Die Familie Busch ist über ihre Investmentgesellschaft Pangea GmbH Aktionär. Wir fühlen uns mit unserem Anker-Aktionär wohl. Das hat – wie Sie wissen – im Vorjahr zu einigen Veränderungen geführt. Pfeiffer Vacuum und Busch sind übrigens auch gegenseitige Kunden. Busch ist ebenfalls Mitbewerber im Vakuummarkt, jedoch fokussiert auf die zehn Prozent Grobvakuum, wo wir nicht vertreten sind. Für mich gilt: Sollte sich die Möglichkeit für eine Kooperation in irgendeinem Bereich ergeben, die für beide Seiten gewinnbringend ist und der keine Misstrauensprobleme im Weg stehen, dann sollten wir darüber nachdenken. Ich bin da offen. Wenn sich die Möglichkeit ergibt – warum nicht?!

Wie ist Ihr Verhältnis zur Pfeiffer-Aufsichtsratsvorsitzenden Ayla Busch, Gesellschafterin der Busch-Gruppe?

Taberlet: Es ist ein gutes Verhältnis, welches auf Vertrauen basiert. Frau Busch ist sehr offen und sehr interessiert an dem, was wir hier tun. Der Austausch mit ihr ist sehr unkompliziert. Eine solche Kommunikation mit dem Aufsichtsrat kannte ich aus meiner früheren Tätigkeit nicht.

Nicht wenige Menschen sehen Pfeiffer Vacuum gerade an einem Wendepunkt: vom traditionsreichen, familiären Unternehmen zum anonymen Großkonzern. Können Sie das nachvollziehen?

Tarberlet: Ich schätze, Sie sprechen da über Pfeiffer Vacuum in Aßlar. An unseren Standorten im Ausland werden wir längst als internationales Unternehmen wahrgenommen. Gerade die ältere Generation hier in Aßlar kennt noch das einstige kleine Familienunternehmen. Gut möglich, dass es für diese Menschen gerade nach einer großen Veränderung aussieht, wenn sie erkennen, dass Pfeiffer Vacuum nicht mehr allein nur Aßlar ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass es für manche nicht unbedingt leicht war, zu sehen, dass nun ein Franzose Vorstandschef ist – noch dazu ein Franzose, der nicht Deutsch sprechen kann. Für die Mitarbeiter kommt hinzu, dass wir die Produktion an Auslandsstandorten wie Rumänien ausbauen. Dies geschieht, um an unseren Hauptstandorten Aßlar und Annecy Kapazitäten für die hochtechnologischen Produktionsprozesse zu schaffen. Die Eröffnung in Rumänien ist für Ende September geplant. Dies bedeutet einen weiteren Fortschritt für ein internationales Unternehmen wie Pfeiffer Vacuum.

Was bedeutet die neue Produktion in Rumänien für Aßlar?

Taberlet: Ich habe den Mitarbeitern erklärt, dass es um die Erweiterung der Kapazitäten geht, nicht um einen Abbau der Produktion. Im Gegenteil. Wir werden die Produktion in Rumänien aufnehmen und gleichzeitig in Aßlar investieren. Das ist Teil des großen Investitionsprogramms, mit dem wir über drei Jahre 150 Millionen Euro investieren werden – in Rumänien, in Korea, in China, in Annecy und auch in die Modernisierung der Produktion in Aßlar. Wir müssen international wachsen, weil wir Kunden auf der ganzen Welt haben. Die neuen Standorte werden uns zusammen stärker machen und die Mitarbeiter in Aßlar sind ein sehr wichtiger Teil unseres globalen Unternehmens.

Während der Aktionärsversammlung im Mai wurde diese Strategie emotional diskutiert. Wie haben Sie das erlebt?

Taberlet: Mein Eindruck war, dass die Aktionäre befürchteten, dass die neue Strategie gegen sie gerichtet ist. Das ist keinesfalls so. Unsere Strategie dient der Zukunft des Unternehmens. Ich habe versucht, deutlich zu machen, dass es mein erklärtes Ziel ist, dass Pfeiffer auch in zehn oder 20 Jahren erfolgreich am Markt ist.

Wo sehen Sie Pfeiffer Vacuum in fünf oder zehn Jahren?

Taberlet: Meine Vorstellung ist, dass Pfeiffer Vacuum eine noch stärkere Nummer zwei wird mit einem Marktanteil von 20 Prozent, und noch internationaler als heute. Um das zu erreichen, wird ein Fokus auf dem chinesischen Markt liegen. Wir müssen insgesamt die Kapazitäten erweitern, die Produktivität steigern und unsere Technologieführerschaft weiter ausbauen. Unsere Aktionärsstruktur wird auch in Zukunft nichts an unserer Strategie ändern: Wir müssen wachsen in allen Bereichen.

 

Zur Person: Eric Taberlet

Dr. Eric Taberlet ist seit Ende November 2017 Vorstandsvorsitzender der Pfeiffer Vacuum Technology AG. Davor war er Leiter der Business-Unit Semiconductor & Coating bei Pfeiffer Vacuum. Der 59-Jährige verfügt über mehr als 30 Jahre Berufserfahrung in der Vakuum-Technik. Er studierte Maschinenbau und promovierte im Bereich Strömungstechnik. Nach dem Studium begann er seine Karriere bei der Vakuum-Sparte von Alcatel (später Adixen), die 2011 von Pfeiffer Vacuum übernommen wurde.

Seine Freizeit verbringt der Vater eines 31-jährigen Sohns und einer 22-jährigen Tochter am liebsten mit seiner Familie. Zu seinen Hobbys zählt der Franzose, der nahe eines Skigebiets aufwuchs, Skifahren. In seiner Jugend wollte er bei der Pisten/Bergrettung anheuern. Als leidenschaftlicher Radfahrer sieht er seine Herausforderung darin, Bergetappen der Tour de France nachzufahren. Außerdem kümmert er sich zu Hause um viele Tiere – darunter zwei Pferde, zwei Alpakas, Hunde und Hühner. Lesen und Schreiben gehören ebenfalls zu Taberlets Lieblingsbeschäftigungen. Zwei Novellen hat er bereits veröffentlicht.


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