Karrieretypen sind meist Männer

BERUF  Im Lahn-Dill-Kreis verdienen Frauen in Vollzeitjobs bis zu 30 Prozent weniger

„Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ fordern zwei Frauen bei einer „Equal Pay Day“-Demo in Berlin. Grundlage der Daten, die die ungleiche Entlohnung belegen, ist nach Angaben der Arbeitsagentur Limburg-Wetzlar die Verdienstsumme aller männlichen Arbeitnehmer mit der aller weiblichen Arbeitnehmer. Und darin spiegelt sich wider, dass Frauen oft in schlechter bezahlten Jobs arbeiten. (Foto: Pilick/dpa)
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Auch im Lahn-Dill-Kreis betragen die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern bis zu 30 Prozent. Der heutige „Equal Pay Day“ symbolisiert die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Dieses Jahr müssen Frauen umgerechnet bis zum 18. März arbeiten, um das zu verdienen, was ihre männlichen Kollegen bereits am Ende des Vorjahres auf dem Konto hatten – 77 Tage Mehrarbeit.

Wie es um den geschlechtsspezifischen Entgeltunterschied in Hessen und dem Lahn-Dill-Kreis steht, zeigt der „Hessische Lohnatlas“, den das Sozialministerium vergangenes Jahr vorstellte.

Demnach verdienen Frauen in einer Vollzeitstelle in Hessen durchschnittlich 14,1 Prozent weniger als ihre Kollegen. Damit geht es ihnen immerhin besser als im westdeutschen Vergleich, wo es mit einer Differenz von 17 Prozent noch weitaus ungleicher zugeht. Der Lahn-Dill-Kreis liegt mit einer Lohnlücke von 18,8 Prozent deutlich über dem hessischen Gesamtschnitt, doch passt es in das Gesamtbild Mittelhessens. In der Studie werden Vollzeitbeschäftigte in einer sozialversicherungspflichtiger Erwerbsarbeit berücksichtigt. Die Daten stammen zwar aus dem Jahr 2015, seien aber noch gültig, sagt Ralf Fischer, Pressesprecher der Bundesagentur für Arbeit Limburg-Wetzlar.

„Das sind die Zahlen, mit denen die Politik aktuell arbeitet. Da ändert sich auch so schnell nicht viel und wenn sich etwas verändert, geschieht das flächendeckend. Dann verdienen Männer mehr und Frauen auch.“

Laut Fischer ist das Lohnungleichgewicht schon bei den Berufswünschen und der Studienwahl der hessischen Jungen und Mädchen abzusehen: „59 Prozent der Mädchen haben sich 2017 im Lahn-Dill-Kreis bei der Berufswahl für die zehn beliebtesten von 400 möglichen Ausbildungsberufen entschieden.

Darunter befinden sich viele Berufe, die keine oder nur sehr eingeschränkte Aufstiegschancen bieten wie beispielsweise medizinische oder zahnmedizinische Fachangestellte oder Berufe mit überschaubaren Einkünften.“

Jungen hingegen würden die Berufspalette deutlich besser nutzen und belegten überwiegend technische Studiengänge mit besseren Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten. Frauen würden sich eher bei Geisteswissenschaftlern und Lehrberufen wiederfinden.

Mädchen entscheiden sich oft für Berufe, die nur wenig Aufstiegschancen bieten

Wie in den meisten ländlichen Gegenden lassen sich auch im Lahn-Dill-Kreis Lohnlücken von bis zu 30 Prozent finden – zum Nachteil der Frauen. Auch dafür hat der Fachmann eine Erklärung: Da der Lahn-Dill-Kreis zu einer hoch-industrialisierten Region Hessens gehöre, seien hier viele Männer in technischen Berufen in Hochlohnbereichen unterwegs. Die meisten Frauen arbeiteten hingegen im Handel und in den sozialen sowie Gesundheitsberufen. So komme das hohe Lohngefälle zustande. Da hat Wetzlars Gleichstellungsbeauftragte Susanne Redecker schon andere Erfahrungen gemacht: „Die Frauen bahnen sich auch ihren Weg in die höheren technischen Berufe. Wir haben aktuell acht Amtsleiterinnen, auch im Bau- und Ingenieurbereich.“

Dennoch bleibt der Regelfall eine anderer: „Es sind überwiegend Frauen, die sich längere Auszeiten nehmen – für Kinder oder die Pflege der Eltern. Das hemmt die Aufstiegschancen, hält die Erwerbszeiten niedrig und führt zu geringerem Lohn“, erklärt Fischer.

Deswegen hofft Susanne Redecker, dass auch die Wirtschaft ihre Strukturen überdenkt: „Gerade, da wir momentan einen Fachkräftemangel haben, dürfen wir nicht geschlechterspezifisch bezahlen, sondern nach Know-how und Können.“

Im öffentlichen Dienst regelt das Hessische Gleichberechtigungsgesetz die Bezahlung, den Aufstieg, die Arbeitszeit, sowie die Frauen- und Männeranteil.

Die Wetzlarer Stadtverwaltung ist derzeit zu ungefähr 62 Prozent weiblich, wie Redecker mitteilt: „Wir haben auch im Ingenieurs- und Baubereich eine gute Frauenquote und Amtsleiterinnen.“ Sie möchte nicht nur Frauen fördern, sondern auch Männer, so etwa im Erziehungsbereich: „Erst, wenn es eine adäquate Aufteilung gibt, kann es dazu führen, dass der Berufszweig aufgewertet wird.“


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Kommentare (1)
Der Hessische Lohnatlas zeigt für den Lahn-Dill-Kreis, dass die Lohnlücke in den Produktion- und sogenannten MINT Berufen besonders groß ist. Frauen mit anerkanntem Berufsabschluss erhalten durschnittlich 782 Euro mehr
Entgelt. Die Lohnlück beträgt 23,4 Prozent im Vergleich zu 12,4 Prozent im Hessendurchschnitt. Hier sind zuallererst die Arbeitgeber der heimischen Industrie und Gewerbe gefordert, Abhilfe zu schaffen. Eine andere Berufswahl von jungen Frauen alleine löst das Problem, wie an den Zahlen zu sehen ist, leider nicht. Konkrete Maßnahmen im Betrieb, die Lohnlücke zu schließen, könnten Arbeitgeber dann für die Gewinnung von weiblichen Fachkräften nutzen.
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