Kommt das Pädagogik-Abi?

BILDUNG  Johanneum und WvO wehren sich gegen neues Angebot an Dillenburger Berufsschulen

Matthias Riedesel ist Leiter der Kaufmännischen Schulen in Dillenburg. Er will für das Berufliche Gymnasium seiner Schule neben Wirtschaft und Technik auch einen Fachbereich Erziehungswissenschaften. (Foto: Linker)
Kaufmännische und Gewerbliche Schulen wollen bei dem geplanten Angebot zusammenarbeiten. (Foto: Linker)
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Die Kaufmännischen und Gewerblichen Schulen mit dem Beruflichen Gymnasium auf der einen Seite, die reinen Gymnasien Johanneum in Herborn und Wilhelm-von-Oranien-Schule (WvO) in Dillenburg auf der anderen Seite – am Dienstag haben sie in der Sitzung des Kreistags-Schulausschusses in Wetzlar ihre Positionen dargestellt.

 

Das Vorhaben

Die Kaufmännischen Schulen in Dillenburg wollen das Berufliche Gymnasium den Fachbereich Erziehungswissenschaften erweitern. Dazu soll eine Klasse mit bis zu 30 Schülern gebildet werden. Die Schule hat einen entsprechenden Antrag beim hessischen Kultusministerium gestellt. Mit dem neuen Fachbereich Erziehungswissenschaften laufen derzeit Modellversuche an sechs hessischen Schulen.

Am Beruflichen Gymnasium in Dillenburg gibt es schon die Fachbereiche und Leistungskurse Wirtschaft und Technik. Der Abschluss an einem Beruflichen Gymnasium ist die allgemeine Hochschulreife.

Geplant ist bei dem neuen Fachbereich eine Zusammenarbeit mit der benachbarten Gewerblichen Schule. Diese Berufsschule bietet bereits ein Fachoberschulangebot für Sozialwesen an – das heißt: dort können Schüler das Fachabi ablegen. Die Gewerblichen Schulen haben somit bereits Lehrer für Sozialpädagogik, die dann auch Erziehungswissenschaften unterrichten könnten.

 

Die Argumente

Berufsschulen: Der Leiter der Kaufmännischen Schulen, Matthias Riedesel, erklärte in der Ausschusssitzung am Dienstag: Es gebe in einer überschaubaren Größe einen Bedarf für den Fachbereich Erziehungswissenschaften. Damit werde das Bildungsangebot im nördlichen Lahn-Dill-Kreis abgerundet. Befürchtungen, die Kaufmännische Schulen würden Schülerströme von anderen Schulen abgreifen, entgegnete Riedesel: „Wir haben längst Konkurrenz im Nachbarkreis, in Siegen. Diesen Schülern, die dorthin gehen, wollen wir in Dillenburg eine Alternative bieten.“

Und der Leiter der Gewerblichen Schulen, Jonas Dormagen, sagte: „Die Räume und das Personal sind vorhanden. Wir sind bestens aufgestellt für ein weiteres Angebot.“ Es verursache keine zusätzlichen Kosten.

Gymnasien: WvO-Schulleiter Martin Hinterlang sagte: „Die Vielfalt würde erweitert. Aber mit welchen Folgen?“ Er befürchtet, dass es auf der anderen Dillseite nicht bei einer Klasse Erziehungswissenschaften bleiben wird und dass dies zulasten seiner gymnasialen Oberstufe geht; dass sich dort nicht mehr 160 Schüler wie zuletzt anmelden, sondern weniger und dass damit die Vielfalt des Leistungskurs-Angebots an der WvO gefährdet sei. Und: „30 Schüler zu haben oder nicht zu haben, bedeutet zwei Lehrerstellen – das ist viel.“

„Jeder Kopf zählt. Aber wir greifen nur auf eine endliche Zahl von Schülern zurück“

Außerdem bezweifelt er, dass es so viele „Bildungsflüchtlinge“ nach NRW gebe. 2017 hätten gerade mal fünf Schüler aus dem alten Dillkreis in Siegen ihren Abschluss in Erziehungswissenschaften abgelegt.

Jutta Waschke, Schulleiterin des Johanneum-Gymnasiums in Herborn, fügte hinzu: „Im Moment kommen manche Leistungskurse bei uns nur unter Schmerzen zustande.“ Als Beispiel nannte sie den Chemie-LK mit gerade mal acht Schülern. Sie sagte: „Jeder Kopf zählt. Aber wir greifen nur auf eine endliche Zahl von Schülern zurück.“ Die Vielfalt in Richtung Erziehungswissenschaften könne die Vielfalt woanders kosten.

 

Die Kreispolitik

Die Kreistagsabgeordneten diskutierten in der Sitzung anschließend über Vorhaben und Argumente. Die CDU hatte die Kreisverwaltung vor Längerem gebeten, im Schulausschuss über das Thema zu berichten.

Joachim Schmidt (FDP): „Ich kann beide Seiten nachvollziehen.“

Anke Hartmann (SPD): „Mir wäre es lieber, wenn es für die Erziehungswissenschaften eine Deckelung der Schülerzahl gäbe.“

Veronika Kraft (AfD) sprach angesichts eines zusätzlichen Angebots von einem „Luxusproblem“ und sagte: „Dadurch sollte das bestehende Angebot an den Gymnasien nicht geschmälert werden.“

Stefan Scholl (SPD) fragte: „Welche Aufgaben wollen wir an unseren Schulen noch herstellen?“ Er sieht auf dem Arbeitsmarkt in der Region keinen Mehrbedarf an Studenten.

Sebastian Brockhoff (Grüne): „Wir sprechen so oft von wohnortnahen Angeboten. Hier hätten wir die Chance.“ Und mit Blick auf den Fachkräftemangel: In Zukunft werde der Bereich Erziehungswissenschaften weiter an Bedeutung gewinnen.

Hans-Jürgen Irmer (CDU): „Ich bin der Meinung, dass man eine Klasse verkraften könnte. Wir müssten aber einen Nichtangriffspakt oder besser Freundschaftspakt zwischen den Schulen abschließen und die Schülerzahl deckeln.“

Die Entscheidung

Die Entscheidung über den neuen Fachbereich trifft das hessische Kultusministerium. Es ist für die Bildung, also für die Inhalte der Schulen zuständig. Der Lahn-Dill-Kreis als Schulträger, er ist für die Schulbauten und die Ausstattung zuständig, gibt lediglich eine Empfehlung an das Ministerium ab. Vize-Landrat und Kreis-Schuldezernent Heinz Schreiber (Grüne) deutete in der Sitzung am Dienstag an, wie diese aussehen könnte: Er neige zu einem Fachbereich Erziehungswissenschaften an dem Beruflichen Gymnasium in Dillenburg – aber mit einer Beschränkung auf 24 Schüler.


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