Die "fetten Jahre" mit Rittal sind vorbei

FINANZEN Die Werksschließungen und die finanziellen Folgen für Herborn und Eschenburg

Der Rittal-Standort Herborn: Hier arbeiten rund 1800 Mitarbeiter in der Verwaltung und 275 im Produktionswerk, das bis 2018 geschlossen werden soll. (Foto: Linker)

Herborn ist nach Wetzlar die Stadt im Lahn-Dill-Kreis mit den höchsten Gewerbesteuereinnahmen. In diesem Jahr rechnet die Stadtverwaltung mit 27,3 Millionen Euro. Größter Zahler dürfte Rittal sein.

Das Unternehmen hat seinen Firmensitz auf dem Stützelberg. Dort arbeiten rund 1800 Beschäftigte in der Verwaltung und derzeit laut Betriebsrat noch etwa 275 Mitarbeiter im Produktionswerk, das kleine Schaltschränke herstellt. Doch Rittal will das Herborner Werk – sowie die Werke in Wissenbach, Rennerod und Burbach – bis 2018 schließen und die Produktion im neuen Werk konzentrieren, das derzeit in Haiger gebaut wird.

Weniger Arbeitsplätze in Herborn und Wissenbach bedeuten zugleich weniger Gewerbesteuer an die Stadt beziehungsweise Gemeinde. Denn ein Faktor bei der Berechnung der Gewerbesteuer ist bei einem Unternehmen, das mehrere Betriebsstätten hat, die an den jeweiligen Standorten gezahlte Lohnsumme.

Am Dienstagabend haben die Herborner Stadtverordneten in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses über den Haushalt 2017, also über die in diesem Jahr geplanten Einnahmen und Ausgaben der Stadt, diskutiert. In seinem Vorbericht zum Haushalt hatte Bürgermeister Hans Benner (SPD) von „zu erwartenden erheblichen Einbrüchen bei der Gewerbesteuer durch geplante strukturelle Veränderungen einiger heimischer Firmen“ geschrieben. Auf Nachfrage von Stadtverordnetem Klaus Enenkel (FWG) erklärte Benner am Dienstag, was damit gemeint ist: „Die Änderungen der Firma Rittal haben durch den Arbeitsplatzverlust Auswirkungen auf Herborn.“ Auch wenn die genaue Zahl der Arbeitsplätze, die abgebaut werden, noch nicht feststehe, könne es für die Stadt eine siebenstellige Summe ausmachen, also ein Millionenbetrag.

Benner hatte mit Blick auf die geplante Werksschließung schon vor einem Jahr gesagt: „Wenn ich mal in die Glaskugel schaue, muss ich sagen: Die guten, fetten Jahre sind vorbei.“

Ähnlich in der Gemeinde Eschenburg. Dort will Rittal sein Werk in Wissenbach schließen. Dort sind über 100 Arbeitsplätze betroffen. Dort hat Bürgermeister Götz Konrad (parteilos) im Dezember den Haushalt für die Gemeinde vorgestellt und mit Blick auf die 2018 anstehende Schließung des Rittal-Werks in Wissenbach gesagt: Er erwarte „zwei Hungerjahre“. So rechnet die Gemeinde in ihrer Finanzplanung 2018 mit 1,9 Millionen Euro weniger Gewerbesteuer und danach mit einem weiteren „Hungerjahr“.

Konrad geht aber davon aus, dass sich anschließend, der Gewerbesteuereinbruch durch die Schließung des Rital-Werks wieder etwas ausgleicht. Denn weniger Einnahmen bedeuten für die Gemeinde auch: Sie muss weniger Kreis- und Schulumlage an den Lahn-Dill-Kreis und weniger Gewerbesteuerumlage an Land und Bund zahlen; und sie erhält etwas mehr Geld aus dem Topf des Kommunalen Finanzausgleichs (die Bundesländer müssen einen Anteil aus ihren Steuereinnahmen unter den Kommunen aufteilen).

Der Bürgermeister rechnet zunächst mit 1,9 Millionen und später mit 600 000 Euro weniger

Unterm Strich rechnet Konrad aber selbst dann immer noch mit zirka 600 000 Euro weniger als zu Zeiten eines Rittal-Werks in Wissenbach. Der Bürgermeister: „Das bringt uns nicht um, wirft uns aber zurück.“

Profiteur bei diesem Gewerbesteuerkarussell dürfte die Stadt Haiger werden. Dort will Rittal im neuen Werk und im bereits fertiggestellten Logistikzentrum insgesamt 800 Mitarbeiter beschäftigen.


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