Forschung mehr Zeit einräumen

UKGM  Unipräsidentin verlangt von Hochschulmedizin bessere Vorbereitung von Ärzten

UKGM-Chef Dr. Gunther K. Weiß (von links), Rhön-Vorstandschef Stefan Holzinger und Uni-Präsidentin Prof. Katharina Krause beim Neujahrsempfang am UKGM in Marburg. (Foto: Richter)

„Wir wollen von Ihnen gute Ärzte haben“, so Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD), selbst Mediziner. Die „herausragende Aufgabe“ der Universitätsmedizin sei die Ausbildung neuer Ärzte für den Landkreis, um die Versorgung mit Ärzten in der Fläche zu gewährleisten. In das gleiche Horn blies auch Landrätin Kirsten Fründt (SPD), die den Ärztemangel in einem Flächenlandkreis als große Herausforderung bezeichnete. Fründt verwies darauf, dass im Raum Biedenkopf fünf Hausarzt-Sitze, im Raum Stadtallendorf drei unbesetzt sind.

Krause mahnt: Zu wenig Promotionen und Habilitationen im Gegenzug

Jedes Jahr promovieren sich am Fachbereich Medizin etwa 200 Nachwuchsmediziner, sagte Professor Harald Renz, ärztlicher Direktor am UKGM-Standort Marburg. Tendenz steigend, fügte Universitätspräsidentin Professor Katharina Krause hinzu, die aber einwendete: Die Zahl der Habilitationen stagniert seit Jahren.

Krause schlussfolgert daraus Defizite des UKGM und des Fachbereichs Medizin bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Sie zitierte aus einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft, derzufolge der wissenschaftliche Nachwuchs an Kliniken in Fragen der Vereinbarkeit von Krankenversorgung und Forschung am unzufriedensten ist. „Deutlich mehr als 50 Prozent der Arbeitszeit gehen in die Krankenversorgung“, sagte Krause. Die Nachwuchsmediziner erwarteten eine „eindeutige Anrechenbarkeit“ von Forschungszeiten auf die Weiterbildung zum Facharzt.

Mit Blick auf das vor wenigen Wochen erst vereinbarte „Zukunftspapier Hochschulmedizin in Mittelhessen“, das die Verteilung der Kosten für Forschung und Lehre auf der einen Seite und Krankenversorgung auf der anderen neu regelt und dem UKGM in der Folge erhebliche Mittel zur Verfügung stellt, mahnte die Präsidentin, die Universität finanziell im UKGM deutlich mehr Stellen für Ärzte, als sie an Promotionen und Habilitationen „zurückerhalte“. „Traditionell schließen Sie mit diesen Personen befristete Arbeitsverträge als wissenschaftliche Mitarbeiter ab, und das bedeutet: In der Arbeitszeit muss Zeit für die Qualifikation, für Forschung da sein.“ Wobei das UKGM stolz ist auf seine Leistungen in der Krankenversorgung: 2017 wurden 47 000 Patienten stationär und 182 000 Patienten ambulant betreut, berichtete Dr. Gunter Weiß, der Vorsitzende der UKGM-Geschäftsführung am Standort Marburg.

In 2017 seien eine neue, hochmoderne Intensivstation und ein interdisziplinärer Operationssaal eingeweiht worden. Im Partikelzentrum seien im zweiten Jahr seines Bestehens 287 Patienten bestrahlt worden, nach 171 im Jahr zuvor. Die Zahl der Nierentransplantationen sei wieder gestiegen. „Wir wollen auch für Organtransplantation stehen“, sagte Dr. Weiß. Nach der anstrengenden und aufwendigen Renovierung des Eingangsbereichs sei nun die Ebene darunter dran, hier gehe es darum, in diesem Zuge die Abläufe und Strukturen der Poliklinik zu modernisieren.

Was Dr. Weiß nicht erwähnte, und auch nicht Stefan Holzinger, der Vorstandsvorsitzende des Klinikeigners Rhön-AG, ist die Vision eines „Campus“ in unmittelbarer Nähe des Klinikums nach dem Vorbild der Rhön-Klinik in Bad Neustadt, der ambulante Angebote niedergelassener Ärzte und stationäre Angebote der Klinik dank innovativer Medizin-IT vernetzen soll. Möglich, dass diese Pläne für Marburg konkreter werden in einem „Masterplan Lahnberge“, der kurz vor der Beschlussfassung durch das Parlament steht. Die Vernetzung ambulanter und stationärer Medizin in der Region ist ohnehin für Professor Renz eines der strategischen Hauptziele des UKGM.

Medizin-Dekan Professor Helmut Schäfer hatte auf die forscherischen Leistungen der Marburger Hochschulmedizin hingewiesen. Ob die Infektionsbiologie, die T-Zellen-Forschung oder die Krankenhaushygiene, ob der Forschungsschwerpunkt in der Neurobiologie zu affektiven Störungen oder die Tumorforschung – überall erbrächten Marburger Mediziner Spitzenforschungen. Schäfer betonte aber den eigenständigen Stellenwert medizinischer Forschung gegenüber der Krankenversorgung mit dem Hinweis auf die nichtklinischen Fächer wie Pharmakologie oder Bioinformatik. Viel mehr als in anderen Fächern, die auch am Krankenbett stattfinden, beruhe die medizinische Forschung auf der Verzahnung der Kliniken.


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