Vereint gegen den Lungenkrebs

Gesundheit  Drei Kliniken schließen sich in Gießen zum Mittelhessen-Zentrum zusammen

Mit Videokonferenzen gemeinsam Patienten behandeln (v. l.): Friedrich Grimmiger, Ardeschir Ghofrani und Andreas Günther. (Foto: Mosel)

Er gilt als die tödlichste Krebserkrankung, bereitet zunächst wenig Beschwerden und wird erst spät erkannt: Etwa 60 000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Lungenkrebs – Tendenz steigend.

Bislang starb ein Großteil der Betroffenen noch im ersten Jahr nach Diagnose. Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit in und zwischen Klinken konnten zuletzt jedoch weltweit Fortschritte im Kampf gegen die Krankheit erzielt, Diagnosemöglichkeiten verbessert, Operationsmethoden verfeinert und neue Medikamente erfolgreich eingeführt werden.

„Der Lungenkrebs ist eine ganz besonders komplizierte Tumorerkrankung, die ein vielfältiges Arsenal an Angriffspunkten auf den Organismus aufweist“, verdeutlichte Professor Friedrich Grimminger, Leiter des neuen Lungenkrebszentrums Mittelhessen und Direktor der Klinik für Internistische Onkologie, Hämatologie, Palliativmedizin und Visceralmedizin am UKGM, am Dienstag auf einer Pressekonferenz. „Es ist nicht möglich, dass einzelne Wissenschaftler hier einen Durchbruch erzielen. Das kommt nur zustande durch institutsübergreifende Netzwerkbildung.“ Da so wesentlich mehr Patientendaten zusammengetragen werden und Behandlungskonzepte verglichen werden könnten, würden die Behandlungschancen verbessert.

„Die Zentrumsbildung ist deswegen die einzige Möglichkeit, Schritt zu halten mit dem immer häufigeren Auftreten von Tumorerkrankungen“, so Grimminger, der die Aktivitäten an allen drei Standorten koordiniert.

Gerade in der Lungenkrebsforschung sei eine „rasante Entwicklung“ zu beobachten. Die Lebenserwartung habe sich in den letzten Jahren nahezu verdoppelt, vor allem auch durch neue, individualisierte Therapieformen und Medikamente, erklärte der Experte.

In Hessen lag die Zahl der Neuerkrankungen zuletzt bei 3900

Man benötige allerdings viele Patienten, um die neuen Therapien auch anwenden zu können, führte die kaufmännische Geschäftsführerin am UKGM Gießen, Christiane Hinck-Kneip, aus. Bleibe jede Klinik für sich, sei die Gesamtheit der Patienten schlicht zu klein.

Das Lungenkrebszentrum Mittelhessen komme aktuell auf etwa 450 neu erkrankte Patienten im Jahr. In Hessen lag die Zahl der Neuerkrankungen zuletzt bei 3900. Der Zusammenschluss sei lediglich die Dokumentation einer bereits seit Jahren gelebten Kooperation, betonte Professor Andreas Günther als Ärztlicher Direktor der Pneumologischen Klinik Waldhof Elgershausen.

Im Vorfeld der Etablierung als Zentrum habe man gemeinsam eine Software erarbeitet, in der „ein dichtes Paket an Patientencharakterisierungen“ verankert wurde. So könne herausgefunden werden, welche Patienten sich für welche Therapieform besonders gut eignen. Im Lungenkrebszentrum profitiere man dann durch die Expertisen aller Beteiligten, führte Professor Ardeschir Ghofrani, Ärztlicher Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik, aus.

Im wöchentlichen „Tumorboard“, einer Videokonferenz der drei zusammengeschlossenen Kliniken, der auch weitere Spezialisten zugeschaltet sind, werden alle Patienten und sämtliche Befunde vorgestellt, Diagnostik, Tumorstadium und Behandlungsform besprochen.

Neben besserer Behandlungschancen bedeutet das gebündelte Know how in der Tumorkonferenz für die Betroffenen auch weniger Einzeltermine bei Spezialisten und damit den Wegfall unnötiger Doppeluntersuchungen. Als bundesweit erstes Zentrum, das die Kompetenz aus drei Standorten bündelt, ist das Lungenkrebszentrum Mittelhessen von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert worden. Es ist Teil des größten Zentrums zur Behandlung und Erforschung von Lungenkrankheiten in Europa.


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