Menschen, Tiere, Medien sind der Renner

ZUKUNFT Ausbildungsbetriebe stellen sich bei Messe in der Hinterlandhalle den Azubis von morgen vor

Fragt gerne mal nach den Hobbys der Bewerber: Hartmut Heck (l.) von Roth Industries im Gespräch mit Jenny Berns. (Foto: Röder)

Mit einem unwiderstehlichen Lächeln haben Nussecken und Mitarbeiter dieser Bäckerei unsere Mitarbeiterin Jenny Berns (r.) angelockt und gleich in ein Gespräch verwickelt. (Foto: Röder)

Was ein Altenpfleger alles leisten muss erklärt Pflegedienstleiterin Silvia Felbel am Stand der AWO. (Foto: Röder)

Sascha Becker.

(Foto: Röder)

Faszinierend: Wilhelm Schäfer, Benedikt Kovacevic und Hamse Mohamed von Elkamet zeigen, was man mit Kunststoff machen kann. (Foto: Röder)

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Meinen Rundgang starte ich am Stand der Agentur für Arbeit. Ich will erst mal ein paar Tipps haben, welche Berufe für mich in Frage kämen. Einen klassischen Test gibt es nicht. Sascha Becker und Hanne Schwarz gehen anders vor.

„Wir versuchen zunächst herauszufinden, wo das Interesse der Schüler liegt, was ihre Fähigkeiten und Stärken sind. Dann  schauen wir, welche Voraussetzungen die Jugendlichen mitbringen“, sagt Becker, und Schwarz ergänzt: „Wir fragen die Schüler auch, wo sie ihr Praktikum gemacht haben und ob dieser Berufszweig etwas für sie wäre.“

Das bringt mich kurz ins Grübeln. Meine Fähigkeiten und Stärken liegen im künstlerisch-kreativen Bereich. In der Regel ist die Berufsauswahl dort nicht so breit gestreut. Und Kunst ist bekanntlich ein brotloser Job – sagt zumindest der Volksmund. Was  sagen die beiden Berater von der Arbeitsagentur?

„Als Berufsberater sind wir erst mal neutral. Das bedeutet, wir beraten nicht im wirtschaftlichen Sinn“

Sascha Becker: „Als Berufsberater sind wir erst mal neutral. Das bedeutet, wir beraten nicht im wirtschaftlichen Sinn.“ Hanne Schwarz ergänzt: „Es gibt natürlich auch viele Berufe, die künstlerisches Talent erfordern, beispielsweise der Beruf Bildhauer. Allerdings müssen Bewerber hier mobil sein, sprich: sie müssen bereit sein, für ihren Ausbildungsberuf umzuziehen, da es nicht so viele Stellen in diesem Bereich gibt.“ Becker betont, dass sich die Zahl der Interessenten für solche Berufe zudem in Grenzen halte „Die Renner sind in diesem Jahr wieder Berufe, die etwas mit Menschen, Tieren oder Medien zu tun haben“, sagt er.

Für mich hingegen könne Technischer Produktdesigners etwas sein, empfehlen die Berater. Das ist eine Art Technischer Zeichner, nur, das heutzutage nicht mehr mit Papier und Stift gearbeitet wird. Die Designer entwerfen 3D-Modelle für Industrieprodukte am Computer. Die Programme dafür entwickeln sie in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Ingenieuren. Klingt spannend.

Bei der Messe in Dautphetal gibt es mehrere Unternehmen, die in diesem Beruf ausbilden. Ich entscheide mich spontan für den Stand von Roth Industries. Hartmut Heck ist Ausbildungsleiter im technisch-gewerblichen Bereich des Unternehmens, das acht verschiedene Ausbildungsberufe anbietet. Neben Technischem Produktdesigner gehören unter anderem Verfahrensmechaniker oder Industriekaufmann dazu. Ich erfahre, dass in dem von mir ausgesuchten Beruf jedes Jahr ein Azubi an einem der drei Standorte des Werks eingestellt wird. Die Übernahmechancen sind gut. Allerdings sei der Beruf derzeit auch sehr gefragt, sagt Heck. Und es gibt, zumindest für mich, einen Wermutstropfen: „Sie brauchen vernünftige Noten in den Fächern Mathematik, Chemie und Physik. Also mindestens eine 3, denn Defizite können Sie während der Ausbildung nur schwer aufholen.“

Bewerbungen erhält das Unternehmen übrigens am liebsten in digitaler Form als pdf-Dokument. Die schriftliche Variante wird aber auch akzeptiert. Heck fragt Interessenten bei der Messe gerne mal nach ihren Hobbys. „Wenn sich jemand in seiner Freizeit mit Computern oder Informatik beschäftigt, dann kann ich davon ausgehen, dass er eine Leidenschaft dafür und somit auch Interesse daran hat.“ Das gelte natürlich ebenso für diejenigen, die gerne an ihrem Fahrrad oder Moped rumschrauben. „Man bekommt so eine Idee, ob der Bewerber Gefallen an einem der Berufe finden könnte, die wir anbieten.“  

Derzeit seien es noch eher Männer, die sich bei Roth bewerben würden, doch immer mehr Frauen fänden Gefallen an den technischen Berufen. 

Ich beschließe, mich über einen klassischen Handwerksberuf zu informieren. Die Nussecken der Bäckerei Schäfers Backstuben lachen mich mindestens ebenso an, wie die Mitarbeiter am Beratungsstand und schon bin ich mitten im Gespräch. Freundlichkeit sei in dem stark kundenorientierten Betrieb ein absolutes Muss. Hinzu kämen Pünktlichkeit und die Disziplin früh aufzustehen – zumindest, wenn man Bäcker werden wolle, erklärt mir Ausbildungsleiterin Franziska Fett. Der Betrieb bildet auch Konditoren und Fachverkäufer aus.

Drei Azubis sind heute mit am Stand und bieten den Besuchern kleine Leckereien an, während Fett erklärt, worauf es ankommt: Auch Bäcker sollten gut in Mathematik sein. Eine Leidenschaft für den Beruf sei enorm wichtig. „Bewerbungsgespräche laufen bei uns dafür eher locker und in familiärer Atmosphäre ab“, sagt Fett. Einen kleinen Einstellungstest gibt es am Stand: „Hast du Bock, Bäcker zu werden, dann lass mal sehen, ob es mit den Körnern klappt“, fordert Fett auf und stellt mich vor sechs Schüsseln mit Zutaten. Spontan erkenne ich Mohn, Haferflocken und Leinsamen. Beim Rest wird es schon schwierig.

Also schnappe ich mir eine Nussecke und mache mich auf zum nächsten Stand.

Hamse Mohamed und Benedikt Kovacevic bedienen am Stand der Elkamet Kunststofftechnik GmbH eine faszinierende Maschine: Vorne werfen sie kleine, bunte Kunststoffkügelchen rein, hinten kommen lange farbige Schnüre raus. Aha, und das braucht man jetzt wozu? „Wir machen hier Freundschaftsbändchen. Das dient allerdings nur zur Demonstration für die Messebesucher heute“, klärt mich Wilhelm Schäfer lachend auf. Der junge Mann hat ebenfalls eine Ausbildung bei Elkamet gemacht und kann somit aus erster Hand erzählen. Die Firma bildet unter anderem Industriekaufleute, Verfahrens- und Werkzeugmechaniker oder Elektroniker aus. Am Stand gibt es viel Infomaterial und sogar eine Liste, auf der die Ausbildungsvergütung aufgeführt wird. Das Unternehmen fertigt beispielsweise Profile für Fahrzeuganwendungen. Die kennt jeder Autofahrer von seiner Windschutzscheibe. „Die Ausbildung hier im Betrieb ist sehr sehr gut“, wirbt Schäfer überzeugt. Doch die Messe ist groß und es gibt noch viele Stände.

„Altenpfleger werden in Zukunft händeringend gesucht“, sagt meine Oma immer, und die muss es schließlich wissen. Da trifft es sich gut, dass ich auf meinem Weg durch die Hinterlandhalle am Stand der AWO vorbeikomme. Hier können sich Schüler über die Ausbildung zum staatlich anerkannten Altenpfleger oder Altenpflegehelfer ausbilden lassen.

Der Ausbildungsweg hängt davon ab, ob ein Schüler einen Real- oder einen Hauptschulabschluss hat.

Dass der Beruf Zukunft hat, bestätigt mir Barbara Hesse von der Altenpflegeschule der AWO. Doch der Wunsch nach einer sicheren Zukunft reicht nicht aus, um hier einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Pflegedienstleiterin Silvana Febel klärt mich auf: „Man muss ein Interesse haben, mit Menschen zu arbeiten und diese zu pflegen. Man sollte sich bewusst sein, dass diese Menschen dementielle Veränderungen in ihrem Verhalten oder körperliche Defizite haben können. Und man muss im Team arbeiten können.“

Die Ausbildung erfolgt in der Theorie, dafür ist die Altenpflegeschule zuständig, so wie in der Praxis. Hier können Azubis zwischen einem ambulanten oder einem stationären Pflegedienst wählen. Interessenten sollten Spaß an den Fächern Biologie, Soziologie und Politik haben.

Die Bewerber müssen ein Berufspraktikum in der Altenpflege machen, bevor sie als Azubi eingestellt werden. Der Stand wird auf der Messe übrigens eher weniger frequentiert, sagen die beiden Frauen, denn gerade über diesen Beruf informieren sich interessierte Schüler meistens ganz gezielt bei den Einrichtungen direkt.

Vier Berufe, die alle ihren Reiz, aber auch ihre Herausforderungen haben. Die Mitarbeiter an den Ausstellungsständen haben sich alle viel Zeit für mich genommen und ausführlich auf meine Fragen geantwortet. Am Ende entscheide ich mich allerdings, bei meinem Leisten, also der schreibenden Zunft zu bleiben.

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